Wirtschaft : „Wir sind an der Schmerzgrenze angelangt“

Germanwings-Chef Joachim Klein: Fliegen kann nicht noch billiger werden / Fluggesellschaft will aber mehr Strecken bedienen

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Herr Klein, Ihre Büros befinden sich in Containern direkt neben der Startbahn des Flughafens Köln/Bonn. Stört Sie das nicht?

Nein, dieses bescheidene Ambiente haben wir bewusst gewählt. Es passt zu uns, denn es ist kostengünstig. Und das ist ja auch unser Geschäftsmodell: günstig fliegen.

Wo sparen Sie noch?

Wir haben eine sehr hohe Produktivität. Unsere Flugzeuge sind häufiger in der Luft als die der klassischen Fluggesellschaften und stehen nur kurze Zeit am Boden. Statt sechs bis acht Stunden fliegen unsere Flugzeuge zehn bis zwölf Stunden. Außerdem sparen wir im Vertrieb. Schon daran, dass wir keine Tickets mehr ausstellen, sparen wir enorme Summen. Inzwischen verkaufen wir 90 Prozent unserer Tickets über das Internet.

Sparen Sie auch an der Sicherheit?

Nein, natürlich nicht. Wenn wir auch an Vielem sparen, bestimmt nicht an der Sicherheit.

Aber die Piloten müssen für weniger Geld länger fliegen?

Nein, das ist so nicht richtig. Wir haben ganz normale Tarifverträge mit unseren Piloten, die aber auf einem anderen Niveau als bei den klassischen Airlines liegen. Unsere Piloten fliegen 800 bis 1000 Stunden im Jahr. Das liegt voll im gesetzlichen Rahmen, das Luftfahrtbundesamt erlaubt 1000 Stunden.

Sind Ihre Flugzeuge auf dem neuesten Stand der Technik?

Natürlich. Das Durchschnittsalter unserer Flotte von derzeit fünf „A319“Airbussen und den zwei „A320“ liegt bei etwa fünf Jahren.

Der Preiskampf am Himmel tobt. Kostet der Flug bei Ihnen bald nur noch zehn Euro?

Nein. Wir haben uns einmal am Anfang dazu entschlossen, auf unsere Wettbewerber zu reagieren. Hapag-Lloyd-Express kam mit einem Eingangspreis von 19,99 Euro auf den Markt, da haben wir unseren Preis von 29 Euro auf 19 gesenkt. Schließlich hatten wir unseren Passagieren versprochen, auf unseren Strecken immer die günstigste Alternative zu bieten. Aber bei 19 Euro scheint jetzt ein Limit erreicht zu sein. Kann es denn noch viel tiefer gehen? Schließlich müssen wir ja auch noch Geld verdienen. Wir sind an der Schmerzgrenze angelangt.

Also keine Ein-Cent-Tickets wie bei Ryanair?

Als normale Einstiegspreise nicht. Aber natürlich behalten wir uns vor, Promotions zu machen. Dass es demnächst mal wieder kurzfristig ein paar Tausend Tickets für einen Euro gibt, will ich nicht ausschließen .

Sie werben zwar mit Flügen für 19 Euro, aber oft bekommt man nur noch Plätze für 60 Euro oder mehr. Täuschen Sie nicht die Passagiere?

Nein, ganz und gar nicht. Das ist weder eine Täuschung noch ein Problem. Schließlich versprechen wir den Kunden, dass pro Flug immer ein gewisser Anteil dieser Tickets zur Verfügung steht. Und zu dem Versprechen stehen wir auch. Bucht man früh, ist die Chance sehr groß, dass man ein 19-Euro-Ticket ergattert. Garantieren können wir das natürlich nicht. Garantieren können wir aber, dass wir 15 bis 20 Prozent der günstigen Tickets anbieten. Darauf haben uns auch schon Verbraucherschützer getestet, wir haben den Test bestanden. Und wir weisen ja auch in unserer Werbung darauf hin, dass das Angebot begrenzt ist.

Wie wollen Sie Ihren Konkurrenten Paroli bieten, wenn nicht über einen noch tieferen Preis?

Zum Beispiel über unser Streckennetz und über attraktive Abflug- und Ankunftszeiten. Dazu kommt die emotionale Bindung zu einer Airline. Darunter verstehe ich auch den Sicherheitsaspekt und die Zuverlässigkeit von Germanwings. Wir fliegen Airbus, ein modernes und zuverlässiges Flugzeug. Und wir fliegen mit hoch qualifizierten Crews. Außerdem haben wir eine Ersatzmaschine, die bei auftretenden technischen Problemen sofort eingesetzt werden kann. Und, ganz wichtig: Wir fliegen nur die großen Flughäfen der Metropolen an. Die Mehrheit unserer Passagiere will nicht im Wald oder auf der Wiese landen. Schließlich sind unsere Klientel Geschäftsreisende.

Aber Ryanair macht damit Rekordgewinne.

Das stimmt für das derzeitige Geschäftskonzept von Ryanair. Die befördern aber auch fast ausschließlich Freizeitreisende, denen das Landen auf abgelegenen Flughäfen offenbar weniger ausmacht als einem Geschäftsreisenden, der schnell zum Termin muss.

Am Dienstag werden Sie neue Ziele für Ihren Sommerflugplan bekannt geben. Welche?

Wir werden die bestehenden Strecken ausbauen und neue Ziele in den Ländern aufnehmen, die wir schon anfliegen. Außerdem werden wir auch neue Länder in unser Streckennetz integrieren, zum Beispiel Griechenland und Portugal. Da fliegen wir natürlich auch die Metropole Lissabon an.

Planen Sie auch neue innerdeutsche Strecken?

Wir werden auch innerdeutsch unser Streckennetz erweitern.

Hapag-Lloyd-Express hat sich neben Köln als zweite Basis Hannover ausgesucht. Planen Sie auch einen zweiten Standort in Deutschland?

Wir denken darüber nach. Berlin, Hamburg, Hannover, Stuttgart und auch München sind sicherlich interessant. Wir prüfen alles, haben aber noch keine Entscheidung getroffen.

Lufthansa ist über Eurowings auch an Germanwings beteiligt. Sie fliegen mehrere Strecken als Konkurrenten. Stört das die Lufthansa nicht?

Germanwings ist eine selbstständige Gesellschaft. Lufthansa ist an Eurowings, der Mutter von Germanwings, mit 24,9 Prozent beteiligt. Germanwings sucht sich die Strecken aus, die für uns lukrativ sein könnten. Natürlich wird die Lufthansa im Rahmen der aktienrechtlichen Verfassung informiert. Aber es handelt sich doch um zwei verschiedene Produkte mit sehr unterschiedlichen Passagieren.

Der größte Billigflieger Europas, Easyjet, hat angekündigt, dass das Unternehmen im ersten Halbjahr 2003 einen Verlust erwartet. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Wir treten in einem hart umkämpften Markt auf, in dem nicht alle überleben werden. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass das Low-Cost-Geschäft erfolgreich sein wird und dass wir zu den Überlebenden gehören werden.

Easyjet will sich demnächst entscheiden, ob das Unternehmen Ihren Konkurrenten Deutsche BA übernimmt. Würde Ihnen der Einstieg von Easyjet auf dem deutschen Markt Angst machen?

Nein. Die Deutsche BA ist eine etablierte Liniengesellschaft, die jetzt Schritt für Schritt ins Billigfluggeschäft einsteigen will. Aber sie ist noch sehr stark durch ihre Vergangenheit belastet: Zum Beispiel läuft der Vertrieb noch überwiegend über das Reisebüro, und das Personal bekommt höhere Gehälter.

Aber Easyjet will das radikal ändern ...

Aber warten wir doch erst einmal in aller Gelassenheit die Übernahme der Deutschen BA durch Easyjet ab. Sollte Easyjet in den deutschen Markt einsteigen, würden wir reagieren. Das würde bestimmt eine neue Dynamik in den Markt bringen. Aber verstecken werden wir uns nicht – im Gegenteil.

Werden die großen Airlines wie Lufthansa ihr gesamtes regionales Fluggeschäft bald an die Billigflieger abtreten?

Ich glaube schon, dass Billigflieger das klassische Linienfluggeschäft verändern werden. Die Lufthansa hat ja auch schon reagiert. Flugkunden konnten vorher noch nie für 88 Euro in Deutschland hin und zurück mit der Lufthansa fliegen.

Das Gespräch führte Flora Wisdorff.

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