Wirtschaft : „Wir verdoppeln unsere Produktionsrate“

Michael Haidinger, der neue Chef von Rolls-Royce Deutschland, über Triebwerke und Standorte

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Herr Haidinger, wie gefällt Ihnen der Wechsel von Südfrankreich nach Brandenburg bisher?

Sehr gut. Nach zehn Jahren Frankreich wieder in Deutschland zu sein, ist spannend, sowohl beruflich als auch privat. Wir haben zwar ein Paradies verlassen. Aber alles hat seine Zeit. Und die ersten Wochen bestätigen mich in meiner Entscheidung: Das wird eine gute Zeit hier.

Was hat Sie zu dem Wechsel bewogen?

Ich hatte fast fünf Jahre die Position des Finanzchefs bei Eurocopter. Da liegt es nahe, die weitere Entwicklung ins Auge zu fassen. Genau in die Phase des ersten Nachdenkens über diese Frage kam dieser Anruf. Ich habe mein Interesse bekundet, und ein halbes Jahr später hat es geklappt. Für mich ist es interessant, die Gesamtverantwortung für ein Unternehmen zu haben. Ich bleibe in der Luft- und Raumfahrt und kann so Erfahrungen einbringen.

Was ist Ihr Programm?

Da muss ich jetzt noch zurückhaltend sein. Ich will die Company, die Leute kennenlernen. Ich habe den Kalender voll mit Gesprächen. Das kann man nur am Anfang machen, später wird man vom Tagesgeschäft überrollt. Und natürlich stelle ich die ersten Überlegungen an.

Nämlich?

Die Ausgangslage ist gut. Rolls-Royce Deutschland ist auf einem erstklassigen Niveau. Aber wir haben uns den Herausforderungen zu stellen, vor denen die ganze Luftfahrtbranche steht. Erstens: Wir müssen liefern, was der Markt nachfragt. Das klingt banal, ist es aber nicht. Zweitens ist es eine der vordringlichen Aufgaben, eine gesunde Mischung von Aktivitäten hier am Standort zu sichern. Entwicklung, Produktion und Wartung müssen ein ausgewogenes Verhältnis haben.

Könnte die Dollar-Schwäche dazu führen, dass Rolls-Royce die Fertigung in den USA ausbaut und in Deutschland eher abbaut?

Nein, nicht wenn wir unsere Hausaufgaben machen. Deutschland ist ein sehr wichtiger Standort für unseren Konzern, und mit Rolls-Royce Deutschland haben wir über die vergangenen 15 Jahre entgegen aller Diskussionen um Währungsverhältnisse eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte geschrieben. Markterfolg bedeutet immer, auf höchstem Niveau Effizienz, Produktivität, Qualität und Verlässlichkeit zu verbinden, und genau dies werden wir auch weiterhin umsetzen.

Rolls-Royce wollte in diesem Jahr 600 Jobs bei der Produktion des V2500-Triebwerks schaffen. Wie weit sind Sie da?

Genau gesagt haben wir seit Anfang 2005 rund 600 neue Arbeitsplätze geschaffen. Und es war durchaus eine Herausforderung. Es ist nämlich keinesfalls so, dass wir hochqualifizierte Menschen, deren Ausbildung unserem sehr spezifischen Anforderungsprofil entspricht, nur noch abholen müssen.

Wie geht das 2007 weiter? Werden Sie noch mehr Jobs schaffen?

Wir haben die endgültigen Zahlen für 2007 noch nicht diskutiert. Aber Wachstum in der Produktion generiert theoretisch immer auch einen Beschäftigungseffekt. Wir planen mit einem Ausstoß von knapp 500 Triebwerken pro Jahr. Dies entspricht einer Verdopplung unserer Produktionsraten. Über Mitarbeiterzahlen möchte ich jetzt nicht spekulieren.

Wird es so spektakuläre Verlagerungen nach Dahlewitz wie die der V2500 geben?

Wir haben alle Möglichkeiten, die sich im Konzern ergeben, wenn wir effizient sind und unsere Ertragskraft erhalten, wenn wir zeigen, dass wir besonders qualifizierte Mitarbeiter anstellen und halten können. Dann kann ich mir noch einiges vorstellen.

Warum ist es so schwer, Leute zu finden?

Wir brauchen Ingenieure, und der Markt ist leer gefegt. Die Branche ist im Aufschwung. Ein Ausbildungssystem kann nicht dauerhaft eine so große Menge von Ingenieuren vorhalten, wie wir jetzt brauchen. Es gibt jetzt eine Knappheit, aber die werden wir überwinden.

„Made in Germany“ war mal ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Was bedeutet es in den Zeiten der Globalisierung?

Die Attribute, die damit zusammenhängen, sind genau die, die wir von Rolls- Royce hier in Deutschland antreffen: die hohe Motivation der Mitarbeiter, die Qualität der Arbeit, die hohe Effizienz des Managements und, daraus folgend, eine hohe Produktivität und Profitabilität. Dies sind die Werte, die Deutschland weltweit wettbewerbsfähig halten. Es gibt Billigere auf der Welt. Aber die sind nicht notwendigerweise besser.

Warum gibt es in der Luftfahrtindustrie kein Interesse an einem Einstieg bei EADS?

Das macht für uns als Zulieferer keinen Sinn. Wir leben in einer Partnerschaft mit, und ich betone, allen unseren Abnehmern, wir teilen auch das Risiko – aber warum sollten wir uns beteiligen?

Kann man neue Industriestandorte in Deutschland nur in den neuen Bundesländern gründen?

Richtig ist, dass wir im Osten Deutschlands eine sehr gute Kombination von gleichlaufenden Interessen antreffen. Die Motivation, Arbeitsplätze zu schaffen, ist stark ausgeprägt. Dabei spielt auch die Zusammenarbeit mit den politischen Partnern eine Rolle. Letztendlich muss aber – egal wo – das Gesamtpaket stimmen. So sind wir auch im hessischen Oberursel stark und bauen den Standort weiter aus.

Wie wichtig ist für Sie die Nähe zu Berlin?

Der direkte Zugang vor allem auch zu unseren politischen Gesprächspartnern und militärischen Kunden ist extrem wichtig. Die kulturellen und generell lebensqualitativen Vorteile sind für unsere Mitarbeiter von hohem Wert. Die Nähe zu Berlin ist also ein klarer Standortvorteil.

Und der Flughafen Schönefeld?

... ist für uns natürlich sehr attraktiv, der ist ja direkt um die Ecke. Der Ausbau nützt uns. Von Schönefeld aus Zugang in die Welt zu haben, ist von zentraler Bedeutung für die gesamte Region.

Das Interview führte Moritz Döbler

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