Wirtschaftsgeschichte : Schering und Berlin - seit 1871 unzertrennlich

Die Historie des Pharmakonzerns Schering ist ein Paradebeispiel für die Vereinigung deutscher und internationaler Geschichte - und dafür, wie die "Mentalität des Durchhaltens" im Berliner Bewusstsein verankert ist.

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Aller Anfang. In der Chausseestraße in Wedding gründete Ernst Schering 1851 die „Grüne Apotheke.“ Das Gebäude wurde 1892 abgerissen. Foto: bpk / SBB / F. Albert Schwartz
Aller Anfang. In der Chausseestraße in Wedding gründete Ernst Schering 1851 die „Grüne Apotheke.“ Das Gebäude wurde 1892...Foto: bpk / SBB / F. Albert Schwartz

Berlin - Jahresbilanzen, Gewinne und Verluste, Personaleinsparungen, oft sind es nackte Zahlen, die das öffentliche Bild der Wirtschaft prägen. Was Unternehmen und ihre Mitarbeiter für ihr Umfeld, den Standort und das große Ganze bedeuten, gerät dabei schnell aus dem Blickwinkel – besonders dann, wenn Firmen schließen, von der Konkurrenz aufgekauft werden oder ganz von der Bildfläche verschwinden.

Dass dies im Fall der Schering AG nicht passiert ist, hat die Firma neben dem kollektiven Gedächtnis sicherlich ihrem Archiv zu verdanken: Die Sammlung historischer Quellen existiert auch nach dem Verkauf des traditionsreichen Berliner Unternehmens an die Bayer AG im Jahr 2006 weiter und dient zahlreichen Wissenschaftlern als Grundlage ihrer Forschung – so auch Professor Christopher Kobrak von der Europäischen Managementschule ESCP in Paris, der das Buch „National Cultures and International Competition. The Experience of Schering AG, 1851–1950“ geschrieben hat.

Das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv und der Verein für die Geschichte Berlins hatten den Professor für Unternehmensfinanzierung und Unternehmensgeschichte am Freitag im Rahmen einer Vortragsreihe eingeladen, am Beispiel Schering über die Wechselwirkung von Industriekultur und Standortentwicklung zu referieren. Das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftsarchiv archiviert seit 2004 rechtlich und historisch bedeutsame Dokumente, Karten, Fotos und Tonträger von Unternehmen, Körperschaften und Verbänden und ist Forschungsstelle für die regionale Wirtschaftsgeschichte.

„Ein Ort, eine Stadt oder eine Region können einen sehr großen Einfluss auf ein Unternehmen haben“, erläutert Kobrak, bevor er seinen Vortrag beginnt. Dass der Amerikaner ausgerechnet ein Buch über die deutsche Firma Schering geschrieben hat, hat persönliche und pragmatische Gründe. Zum einen stammt Kobraks Familie aus Berlin – der Großvater hatte eine Kinderarztpraxis in Moabit. „Außerdem habe ich lange in der pharmazeutischen Industrie gearbeitet und kannte die Branche ziemlich gut“, sagt der Forscher. „Und ich wollte mich mit einen Thema befassen, das deutsche und internationale Geschichte vereint. Da war Schering ein Paradebeispiel.“

Der Wissenschaftler hebt die Bedeutung Deutschlands als akademisches Zentrum in der Gründerzeit hervor. In eben diese Zeit fällt 1871 auch die Gründung von Schering durch den Apotheker Ernst Schering. „Er wollte der Welt zeigen, welche Vorteile Arznei mit sich bringt, und diese international verbreiten“, erklärt Kobrak die Motive des Unternehmensgründers. In seinem Betrieb habe Schering von Anfang an großen Wert auf innovative Produkte und Qualität gelegt. Diesem Geist und dem Know-how der Mitarbeiter ist es zu verdanken, dass das Unternehmen zahlreiche bahnbrechende Arzneimittel auf den Markt bringen konnte. So machte sich Schering Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Entwicklung des synthetischen Kampfers von Zulieferern unabhängig; der Rohstoff für natürlichen Kampfer war bis dato schwer zu bekommen.

Dass das Unternehmen auch nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin blieb, war unter anderem der Tatsache geschuldet, dass sich kein geeignetes Werk im Westen der Republik fand und Schering auf finanzielle Unterstützung im Rahmen der Berlin-Förderung hoffen konnte. Diese „Mentalität des Durchhaltens“ zeigte Schering auch nach dem Mauerbau. Das Unternehmen, dessen Firmensitz nun unweit der deutsch-deutschen Grenze lag, setzte 1974 mit dem Neubau eines Verwaltungsgebäudes ein klares Zeichen: „Wir bleiben hier!“

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