Wirtschaftskrise : Metallbranche: Das Wunder verblasst

Die Arbeitgeber der Metallbranche bereiten auf Entlassungen vor und gehen auf die Gewerkschaft zu. Arbeitsplätze seien wichtiger als Betriebswirtschaft, so Martin Kannegiesser.

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BerlinFür einen Verbandspräsidenten ist die Einschätzung ungewöhnlich. „Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist wichtiger als Betriebswirtschaft.“ Doch Martin Kannegiesser, Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall und damit erster Gegenspieler der IG Metall, schaut mitnichten durch die Gewerkschaftsbrille auf die Welt. Die Beschäftigungssicherung dürfe „nicht verabsolutiert werden“. Und so richtig geheuer ist auch Kannegiesser das „deutsche Beschäftigungswunder“ nicht. In der Metall- und Elektroindustrie etwa, dem Kern der deutschen Exportwirtschaft, sank die Produktion 2009 um mehr als ein Fünftel, die Beschäftigung dagegen kaum. Doch das lässt sich kaum wiederholen. Kannegiessers Botschaft zu Beginn des Krisenjahres 2010: Das deutsche Beschäftigungswunder verblasst.

Die Reserven der Firmen sind aufgezehrt, das Eigenkapital geschmolzen und die Liquidität knapp. Vor diesem Hintergrund ist für Kannegiesser die Hauptfrage in den kommenden Monaten, ob „weiterhin Arbeitszeitverkürzung zwecks Erhaltung der Arbeitsplätze oberste Priorität“ haben dürfte. Das war eher eine rhetorische Frage, denn tatsächlich warnte Kannegiesser am Dienstag in Berlin vor „Verkrustungen“, die entstünden, wenn man auf notwendige Anpassungen und Entlassungen verzichte. „Wenn sich ein Unternehmen von Mitarbeitern trennen will, weil es für sie keine Beschäftigungsperspektive mehr gibt oder weil es die Unterauslastung nicht länger finanzieren kann, muss das auch künftig möglich bleiben.“

Damit bereitet Kannegiesser auf Entlassungen vor. Gleichzeitig betont er die ungewöhnliche Übereinstimmung mit der IG Metall, was sich auf die aktuelle Lageanalyse und Schlussfolgerungen daraus bezieht. Die Gewerkschaft will als Ergänzung zur Kurzarbeitsregelung den Tarifvertrag Beschäftigungssicherung (TV Besch) erweitern – und dabei auch den Staat mit ins Boot holen. Bislang kann die Arbeitszeit im Westen von 35 Wochenstunden auf 30 Stunden und im Osten von 38 auf 33 Stunden reduziert werden - mit entsprechenden Einkommensverlusten von bis zu 15 Prozent. Die IG Metall will nun weiter nach unten gehen, bis zu 25 Stunden. Da aber, so die Argumentation der Gewerkschafter, den Beschäftigten eine weitere Kürzung der Einkommen nicht zumutbar sei, soll es zumindest einen Teillohnausgleich geben. Dazu ist ein Zuschuss der Bundesagentur für Arbeit im Gespräch.

Kannegiesser ist auch dafür – wenn den Firmen keine Kosten entstehen – und hat bereits mit Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) darüber gesprochen. Die habe „Verständnis für die Sorgen und Bedürfnisse unserer Unternehmen“. IG-Metall-Chef Berthold Huber will das Thema noch in dieser Woche mit der Ministerin besprechen. Für Kannegiesser ist „diese Form der tariflichen Kurzarbeit billiger, flexibler und mit weniger bürokratischem Aufwand einsetzbar als die gesetzliche Kurzarbeit“. Die entsprechende Öffnung des Tarifvertrags gehört für den Arbeitgeber zum „gemeinsamen sozialpartnerschaftlichen Krisenmanagement“ mit der IG Metall. Die flexiblen Flächentarifverträge und die Kooperation der Tarifparteien hätten entscheidend zur Krisenbewältigung beigetragen, lobte Kannegiesser die IG Metall und sich selbst.

Mindestens bis 2012 werde es dauern, bis die Metallindustrie „wieder alte Höhen erklommen hat“. Die Branche mit Maschinenbauern und der Autoindustrie hatte 2009 „den schlimmsten Absturz seit 1945“ erlebt und war erstmals in der Nachkriegsgeschichte in die Verlustzone gerutscht, wie Kannegiesser sagte. „Dieses Jahr ist wirklich entscheidend, weil wir sehen werden, ob wir uns vom Boden lösen“, blickte der Gesamtmetallpräsident auf die kommenden elfeinhalb Monate. Risiken lägen vor allem in der Kreditpolitik der Banken, dem Auslaufen der Konjunkturprogramme, steigender Arbeitslosigkeit und der Aufwertung des Euro gegenüber dem Dollar. „Wir bewegen uns auf dünnem Eis“, resümierte Kannegiesser seinen Blick in die Zukunft.

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