Wirtschaftswachstum : Gutes Geschäft mit der Zuwanderung

Ohne Migranten stünde die Bundesrepublik heute wohl weitaus schlechter da. Der Bedarf wächst in den nächsten Jahren rasant.

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Grafik: Fabian Bartel

Als der Portugiese Armando Rodrigues de Sá nach drei Tagen rumpeliger Fahrt aus dem Zug stolperte, soll er etwas verstört gewirkt haben, berichten Zeitzeugen. Kein Wunder, die Lautsprecher am Bahnhof Köln-Deutz quäkten plötzlich sein Namen, eine Kapelle spielte „Auf in den Kampf, Torero“, der Arbeitgeberchef eilte auf den 38-Jährigen zu, drückte ihm einen Strauß Nelken in die Hand und schenkte ihm ein Moped, Marke Zündapp, zwei Sitze. Mit so viel Tamtam hatte Rodrigues de Sá, gelernter Zimmermann, niemals gerechnet, als er aus seinem Heimatort südlich von Porto aufgebrochen war. Geld verdienen, das war es, was er in Deutschland wollte.

So wie viele andere Gastarbeiter auch, die seit Mitte der fünfziger Jahre in die Bundesrepublik strömten. Rodrigues de Sá war 1964 der Einmillionste, deshalb der Rummel. Arbeiter wie er aus der Türkei, Italien, Spanien oder eben Portugal, waren willkommen im Land des Wirtschaftswunders: Sie waren jung, galten als willig und billig, kamen meist ohne Familie und fuhren nach einiger Zeit wieder nach Hause. Dachte man. Viele gingen aber nicht zurück, sondern blieben ein Leben lang. Integriert wurden sie allerdings kaum – die Konsequenzen sind teuer für die Gesellschaft und schwierig für die Politik. Nicht erst seit Thilo Sarrazin streitet die Republik über die Frage: Hat die Einwanderung mehr gekostet als genutzt?

Nein, sagt Holger Bonin. Er leitet die Arbeitsmarktforschung beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. „Ohne die ausländischen Arbeitskräfte hätte es in den sechziger Jahren deutliche Engpässe in der Wirtschaft gegeben“, sagt er. Einen „flacheren Wachstumspfad“ hätte das Land ohne Gastarbeiter eingeschlagen. Das bedeutet: Ohne die Ausländer hätte der Wohlstand in den goldenen Jahren der Bundesrepublik in wesentlich langsamerem Tempo zugenommen. Der Staat hätte also weniger Steuern und Beiträge eingenommen, es hätte weniger Arbeitsplätze gegeben, weniger Kaufkraft und Innovationen. Das wäre heute noch spürbar, da ist sich Bonin sicher.

Aber auch im 21. Jahrhundert bringen Menschen aus anderen Ländern die deutsche Wirtschaft voran, glaubt der Ökonom – selbst wenn die Migranten doppelt so oft arbeitslos sind wie Deutsche, häufiger Sozialleistungen beziehen und ihre Kinder in der Schule schlechter abschneiden. „Die Steuern und Beiträge ausländischer Arbeitnehmer wiegen die Kosten der schlechten Integration dennoch auf“, ist Bonin vom ZEW überzeugt. Das ist insbesondere bei Menschen zwischen 15 und 50 Jahren der Fall – sie haben oft ihre für den Staat teure Schulausbildung schon hinter sich, stehen als Nettozahler im Beruf.

Derartige Berechnungen sind jedoch extrem kompliziert – zu vielfältig sind die Zahlungen des Staates und die Einzelschicksale der Migranten, um ein eindeutiges Ergebnis zu erzielen. Forscher wie Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts, kamen denn auch zu dem Schluss, dass angesichts der miserablen Integration Zuwanderung heute eher Geld kostet. Dagegen spricht allerdings, dass der Fiskus ohne die Zugezogenen in die Klemme käme. Auch sie zahlen Steuern, mit denen der Staat seine Fixkosten decken kann – er muss eine Armee finanzieren oder Straßen bauen. Und die hohen Staatsschulden verteilen sich auf mehr Köpfe. Ohne die Migranten wäre die Bevölkerung seit 1972 geschrumpft – und die Kreditwürdigkeit des Staates dadurch beständig gesunken.

Grafik: Fabian Bartel
Grafik: Fabian Bartel

Allerdings könnte die Bilanz noch viel besser ausfallen. Denn je schneller ein Migrant einen Job findet und Karriere macht, desto eher füllt er die Kassen von Staat und Sozialsystemen. „Wir lassen durch fehlende Integration und das schlechte Bildungssystem ein enormes wirtschaftliches Potenzial brachliegen“, kritisiert Steffen Kröhnert, Sozialwissenschaftler am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Milliarden gingen verloren, weil viele Migranten bereits von Kindesbeinen an ohne Chance seien. Mehr als ein Drittel hat heute keine abgeschlossene Ausbildung.

Mit jährlichen Mehrausgaben von drei Milliarden Euro für Ganztagsschulen, Kitas und Sprachförderung könnte der Staat dieses Problem beheben, hat das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ausgerechnet. Daran würde der Fiskus sogar verdienen. Könnte er die Bildungsunterschiede zwischen Deutschen und Migranten halbieren, flössen der öffentlichen Hand bis 2050 jährlich bis zu 39 Milliarden Euro Mehreinnahmen zu, heißt es in einer Studie. Schon nach 15 Jahren könnten die Gewinne die Investitionen übersteigen. Am Ende käme eine Rendite von zwölf bis 14 Prozent heraus – für Konzernlenker keine schlechte Marge.

Wie wichtig es ist, das Potenzial zu heben, zeigt der Arbeitnehmermangel, der sich im Zuge von rapidem Aufschwung und zunehmender Alterung auftut. Vielen dämmert, dass es der Republik ohne Zuwanderer in den kommenden Jahren deutlich schlechtergehen könnte. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fehlen in zehn Jahren bereits 1,8 Millionen Arbeitskräfte. Viele Unternehmer und auch Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) rufen daher nach einem neuen Zuwanderungssystem, das vor allem Schlaue ins Land lockt.

Das Problem: Ein Strom von Migranten, geschweige denn von Hochqualifizierten, ist unwahrscheinlich. In den vergangenen beiden Jahren verließen mehr Menschen das Land als hinzuzogen. Das Statistische Bundesamt hat ausgerechnet, dass selbst beim jährlichen Zuzug von 200 000 Menschen bis 2050 die Bevölkerung um zwölf Millionen schrumpfen würde. Angesichts dessen verblassen die heutigen Klagen der Wirtschaft, ihr fehlten 36 000 Ingenieure und tausende Lehrlinge. In den kommenden Jahren könnte diese zur Regel werden. Mangel droht vor allem bei Mathematikern, Naturwissenschaftlern, Ingenieuren, aber auch im Pflegebereich oder im Handwerk.

Doch woher sollen die frischen Kräfte kommen? Die meisten Industrieländer leiden unter ähnlichem Geburtenschwund wie Deutschland. „Osteuropa fällt als Herkunftsland aus, weil dort nach der Wende die Geburtenrate drastisch eingebrochen ist“, sagt Sozialforscher Kröhnert vom Berlin-Institut. „Im Prinzip kommen nur Indien und China infrage.“ Doch von heute auf morgen dürften sich kaum Zehntausende bewegen lassen, bei uns zu arbeiten. „Man muss mit dem Anwerben schon jetzt beginnen“, rät ZEW-Forscher Bonin. Schließlich zeige sich der demografische Wandel immer deutlicher, und man müsse sich als Zielland erst einmal etablieren. „Sonst können die Deutschen ihre Hoffnung begraben, dass Ausländer eines Tages ihre Probleme lösen.“

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