Wirtschaft : Wohin Patientenfüße tragen

Apotheker müssen mehr bieten als Medikamentenausgabe. Ohne Spezialisierungen haben sie keine Chancen mehr

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Unter Druck. Der Wettbewerb untereinander ist so stark wie nie. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, braucht es eine gute Patientenversorgung und speziell auf die Kundschaft ausgerichtete Angebote. Nur so rechnet sich der Medikamentenhandel vor Ort noch. Die Apothekenkammern reagieren mit kostenlosen Fortbildungen. Foto: dpa Foto: dpa
Unter Druck. Der Wettbewerb untereinander ist so stark wie nie. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, braucht es eine gute...Foto: dpa

Für Karsten Krause hat sich die Spezialisierung gelohnt. Seit acht Jahren betreibt er seine Apotheke in der Seestraße in Berlin-Wedding, „vorher gab es hier gar keine“, sagt der Apothekenleiter. Bisher funktioniere das Geschäft gut. Er hat sich an den Bedürfnissen seiner Patienten orientiert und sich das Umfeld seines Betriebs genau angeschaut. „In unserem Haus ist auch eine Arztpraxis für HIV und Onkologie, da war es naheliegend, sich dahin gehend mit Fortbildungen zu spezialisieren“, sagt Krause. Aber auch Reise, Kosmetik und Kompressionsstrümpfe sind Schwerpunkte in der Prisma Apotheke. Die seien aber sehr klassisch und kein Alleinstellungsmerkmal, meint Krause. Doch genau darum geht es – vor allem in Großstädten – um das eigene Profil, das sich abhebt von der Konkurrenz. Dafür müssen Apotheker Nischen finden und Fortbildungen besuchen, um Patienten durch profilbildende Spezialisierungen zu halten.

„Es gibt einen härteren Qualitätswettbewerb“, sagt Ursula Sellerberg. Die Apothekerin ist stellvertretende Pressesprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (Abda). Je nach Umgebung und Anwohnerstruktur variierten die Bedürfnisse an die Apotheken. In Prenzlauer Berg seien die Apotheken beispielsweise mehr auf Kinder spezialisiert. In anderen Gegenden würde das nicht funktionieren.

Ende letzten Jahres gab es 850 Apotheken in Berlin und etwa 22 000 bundesweit – rund 100 weniger als im Vorjahr, sagt Sellerberg. Die Apothekenzahlen sind seit 2003 immer gestiegen, 2009 gab es nun erstmals einen Einbruch. Grund für den Rückgang ist laut Abda der intensive Wettbewerb, der stetig zunehmen würde. Dennoch: deutschlandweit suchen etwa vier Millionen Menschen täglich eine Apotheke auf, heißt es beim Apothekerverband. Nach einer Studie gehen 65 Prozent der Bundesbürger bei kleineren Beschwerden zuerst in die Apotheke. Doch sie kommen nicht zu jeder zurück. Die Mehrzahl der Apotheken hat in einem Test von Stiftung Warentest im März schlecht abgeschnitten in Sachen Servicequalität. Punkten können Apotheken aber nur mit einer guten Patientenversorgung. „Letztendlich stimmen die Patienten mit den Füßen ab“, sagt Sellerberg.

Kein Wunder also, dass Arzneimittelinformation und -beratung den Schwerpunkt bildeten bei besuchten Fortbildungen im vergangenen Jahr. Ohnehin hat die Teilnahme an weiterqualifizierenden Angeboten zugenommen, wie die Abda evaluierte: „2009 haben insgesamt etwa 120 000 Teilnehmer an knapp 2300 Fortbildungsveranstaltungen der Apothekerkammern teilgenommen – mehr als je zuvor“, sagt Sellerberg. Natürlich spielte die zunehmende Konkurrenz auch durch Internet- und Versandapotheken eine Rolle, dazu die Discountapotheken. Auf Diabetes haben sich laut Abda inzwischen etwa 8000 Apotheker spezialisiert, rund 3500 davon in zertifizierten Fortbildungen, die übrigen Fortbildungen behandelten beispielsweise Rabattverträge.

Dabei geht es um Verträge zwischen Arzneimittel-Herstellern und einzelnen Krankenkassen, durch die deren Patienten für bestimmte Leiden nur Medikamente des Vertragspartners bekommen. Patienten verstehen das oft nicht, so dass der Beratungsbedarf zunimmt. Mehr als 5000 Teilnehmer haben eine zertifizierte Fortbildung zum Krankheitsbild Asthma absolviert, mehr als 2000 Teilnehmer haben sich auf Ernährungsberatung spezialisiert. Weitere Themen sind Interaktionen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Wundversorgung.

Der Bedarf hat eindeutig zugenommen“, sagt Stefan Wind, stellvertretender Geschäftsführer der Apothekerkammer Berlin. Die zertifizierten Fortbildungen variieren von zehn bis 100 Stunden und enden mit einer Prüfung. Die Seminare sind Präsenzveranstaltungen, meist finden sie am Wochende statt. Die Kosten belaufen sich bei den Kammern auf zehn Euro die Stunde, bei der Fortbildung Ernährungsberatung mit 100 Stunden kommt man somit auf 1000 Euro. Stefan Wind appelliert an die Apothekenleitungen, solche Zusatzqualifikationen zu unterstützen. Die Kosten werden in der Regel privat getragen, Zuschüsse gibt es nicht. Der Arbeitgeber kann aber etwa mit Bildungsurlaub helfen. „So etwas wie die Ernährungsfortbildung macht man nicht einfach so, das kostet Zeit und Geld und muss sich wirklich lohnen im Anschluss“, sagt Wind. Für eine Apotheke auf dem Land sei dies beispielsweise fraglich, da seien Generalisten gefragt, sagt Ursula Sellerberg von der Abda. „Es ist ratsam, nur Dinge, die in Apotheken durch Patienten gefordert werden, durch Fortbildungen zu bedienen“, rät Wind.

Auch in Karsten Krauses Apotheke gehört die Ernährungsberatung zum Repertoire. Die Frage war, was er seinen Kunden noch bieten könne. „Bei mir sind alle Mitarbeiter speziell ausgebildet durch zusätzliche Fortbildungen, aber so etwas muss sich ja auch rechnen“, sagt Krause. Doch der Kostendruck steige. Schon jetzt entsteht in den Apotheken ein erhöhter Personal- und Sachaufwand durch die Umsetzung der Rabattverträge für die Kassen.

Ein beliebter Spezialservice von Apothekern ist, einen Medikamentenversand anzubieten. Erlaubt ist dies aber nur den öffentlichen Apotheken, sie müssen eine behördliche Erlaubnis vorweisen. „Etwa jede zehnte Apotheke hat eine Versanderlaubnis“, sagt Sellerberg. Botendienste hingegen, die gerade in Großstädten ein stark nachgefragter Service sein könnten, sind nur in bestimmten Fällen erlaubt und stark reglementiert.

Anbieter für die Fortbildungen gibt es eine Menge. Eine Adresse, neben zahlreichen privaten Anbietern, sind die Apothekenkammern der Bundesländer. „Ab der Sommerpause sind Seminare mit bis zu 30 Teilnehmern und einer Gebühr von bis zu 40 Euro kostenfrei“, sagt Wind. Hintergrund: „Wir wollen noch mehr Apotheker in die Fortbildungen kriegen“, so der stellvertretende Geschäftsführer der Berliner Apothekerkammer. Auch, um die Servicequalität und die Beratung weiter zu verbessern.

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