Wirtschaft : Wolfgang Maaß

Geb. 1939

Anne Seith

„Lebendig geh’ ich aus diesem Haus nicht mehr raus.“ Nach Berlin kommt Wolfgang Maaß, weil er Standhaftigkeit zeigen will. Jetzt, wo die Stadt eingemauert ist und immer mehr wegziehen. Mit seinem VW-Käfer lässt er das beschauliche Freiburg hinter sich, um die Politik an der Berliner Universität und am Leben selbst zu studieren. Zum Radio kommt Wolfgang Maaß, weil er neben dem Studium etwas dazuverdienen will.

Radiojournalist: Komisch, dass er nicht früher darauf gekommen ist. Mit seiner Leidenschaft für Politik, mit dieser Lust zu reden und der vollen Radiostimme.

Der warme Bass passt gut zu Wolfgang Maaß. Zu der breiten Gestalt, zu dem wuscheligen Vollbart. Zu den liebevollen braunen Augen, in deren Winkeln im Lauf der Zeit immer mehr Lachfältchen erscheinen. Er mag das Leben – das steht in seinem Gesicht geschrieben. Er mag es, üppig essen zu gehen und dabei am besten alle am Tisch einzuladen. Ins Taxi zu steigen, wenn die S-Bahn ein paar Minuten auf sich warten lässt. Wozu ist das Geld denn da? Und er mag seine Arbeit beim SFB. Wo alle gemeinsam neue Wege suchen, um die Ereignisse in der eingemauerten Stadt und das Weltgeschehen hörbar zu machen. Das Eingreifen der sowjetischen Panzer beim Prager Frühling 1968 oder das Erdbeben in Italien Anfang der Achtziger.

Wolfgang Maaß denkt sich mit Kollegen neue Programmformate aus, als man möglichst viel „live machen“ will. Er reist mit Willy Brandt in die USA. Er zaubert blitzschnell einen neuen Beitrag hervor, wenn ein anderer nicht aufzufinden ist, und improvisiert am Mikrofon, wenn Unvorhergesehenes in die Sendung eingebaut werden muss. Manuskripte mag er sowieso nicht. Und dann fehlen ihm plötzlich die Worte.

Er ist am Kopf operiert worden. Eigentlich hat er sich gut erholt, als seine Frau zum Arzt in die Sprechstunde kommt, ist er schon wieder ganz Moderator: „So Rita, du setzt dich am besten dahin und fängst gleich mal an zu fragen.“ Aber er kann sich nicht mehr recht konzentrieren, vergisst und verwechselt die Begriffe. Bald schon gibt er den Versuch, wieder zu arbeiten, auf.

Wie schwer ihm das gefallen ist, wird seiner Frau erst viel später klar: Als er ihr erzählt, dass er einige Zeit vor seiner Frühpensionierung morgens gar nicht mehr ins Rundfunkhaus, sondern in irgendein Café gegangen ist.

Doch kaum hat er eine Heimat verloren, scheint er eine andere zurückzubekommen: Sein Elternhaus in Potsdam, das der Familie nach der Wende rückübertragen wird.

Er musste es verlassen, als er fünf war. Sein Vater war einer der Verschwörer des 20. Juli 1944 und wurde gehängt, seine Mutter starb kurze Zeit später, an einem Nervenleiden wie es hieß. Die sechs Kinder kamen bei Freunden der Eltern unter, Wolfgang Maaß im Harz.

Wenn er später von seiner Kindheit spricht, spricht er nie von Einsamkeit. Und auch, als seine Pflegemutter bei einem Besuch einmal sagt, dass sie sich an ihn als Kind eigentlich kaum erinnere, schleicht sich kein bitterer Ausdruck in die warmherzigen Gesichtszüge. Doch als die Familie das heimelige Elternhaus, das im Schweizer Stil ganz aus Holz gezimmert ist, zurückbekommt und die Schwestern sagen: „Zieh du doch ein“, da zögert er keine Sekunde. Mit Feuereifer und allen Ersparnissen macht er sich an die Arbeit. Er lässt das Dach flicken, die dunkel gewordenen Holzwände von einem Spezialisten bearbeiten, beizt eigenhändig alle Türen und Fenster ab. Dann zieht er ein. Und die Erinnerungen kommen zurück.

Bisher kennt er seine ersten fünf Lebensjahre nur aus dem Fotoalbum. Jetzt hat er seine Eltern plötzlich wieder vor Augen. Wie sie mit dem Bruder in dem Garten zwischen den riesigen alten Eichen standen. Wie der Vater eine Schubkarre schob, und er selbst stolz mit der Kinderschubkarre hinterhermarschierte. „Lebendig geh’ ich aus diesem Haus nicht mehr raus“, sagt Wolfgang Maaß einmal.

Doch nach ein paar Jahren ist das Haus mitten in Babelsberg ein kleines Vermögen wert, und die Schwestern wollen ihren Anteil haben. Also muss das Haus verkauft werden.

Nach dem Auszug altert Wolfgang Maaß, der zeitlebens stark wie ein Baumstamm ausgesehen hat, wie im Zeitraffer. Er schläft viel, er geht kaum noch raus. Wie ein Greis fällt er immer wieder hin, bricht sich bei diesen Stürzen das Schlüsselbein, dann die Hand und schließlich die Rippen. Irgendwann nimmt er freiwillig einen Stock zur Hilfe, später den Rollstuhl.

„Er wollte nicht mehr“, sagt seine Frau.

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