Wirtschaft : Zahnputz-Experimente an lebenden und toten Schweinen

MARK MAREMONT

Vielleicht ist es schon der vorläufige Höhepunkt in einem erbitterten Werbestreit.Sicher aber ist nur eins: Ein Rückzug aus dem "Zahnbürstenkrieg", in dem Wissenschaftler lebenden und toten Schweinen die Zähne mit elektrischen Zahnbürsten putzten, ist nicht mehr möglich.Die Firma Braun, Tochtergesellschaft des US-Unternehmens Gillette, hatte eine Studie in Auftrag zum Vergleich elektrischer Zahnbürsten aus dem Hause Braun mit denen der Firma Optiva in Auftrag gegeben.Zuvor hatte Optiva in zahlreichen Werbeanzeigen behauptet, ihr Modell sei besser als die Braunbürsten.Optiva zitierte eine Studie eines Schweizer Zahnmediziners, der die Zähne toter Schweine mit beiden Bürsten geputzt hatte.

Braun konterte mit einem Zahnputzexperiment an lebenden Schweinen.Einer der Wissenschaftler schob die Lippen eines narkotisierten Schweines beiseite, während ein Kollege die Zähne einmal mit Optivas Modell "Sonicare" und dann mit Brauns "Oral B Plaque Remover" bearbeitete.Beide Unternehmen zogen mit ihren Schweinestudien vor das Bundesgericht.Die Richter sprachen der Firma Braun eine Entschädigung in Höhe von 2,5 Mill.Dollar zu, da sich ein Großteil der Optiva-Werbung als inhaltlich falsch herausgestellt habe.

Man könnte denken, daß ein banaler Streit über Zahnbürsten kein Grund ist, sich mit Schweinen im Schlamm zu suhlen oder immense Anwaltskosten zu tragen.Doch bei Braun und Optiva ist das anders.Die legendären Werbekampagnen beider Unternehmen endeten bereits zweimal vor offiziellen Schlichtungsstellen.Einmal mußte Braun die Behauptung zurücknehmen, daß die Sonicare-Elektrozahnbürste an den Borstenenden scharf und rauh seien, was man auf Werbefotos 100 fach vergrößert dargestellt hatte.Optiva mußte eingestehen, keine Beweise dafür zu haben, daß ihre Sonicare tatsächlich mit unsichtbaren Schallwellen bis "unter die Borsten" reinigt.

Optiva stütze sich auf Scheinwissenschaften und baue darauf ungeheuerliche Behauptungen auf, sagt Paul Warren, der Leiter des Forschungslabors von Braun.David Giuliani, Generaldirektor von Optiva, sieht durch solche Anschuldigungen das Ansehen seiner Wissenschaftler beschädigt, und droht mit einem "heiligen Krieg".Die vorläufig letzte Runde der Fehde wurde eingeläutet, als Optiva in Zeitungsanzeigen damit prahlte, daß Sonicare eindeutig das Konkurrenzmodell Oral-B in der Beseitigung bestimmter Bakterien an der Zahnfleischgrenze besiege.Es wurde ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Bakterienart "P-gingivalis" und dem Auftreten von Herzleiden, Schlaganfällen und Untergewicht bei Neugeborenen hergestellt.Dabei bezog man sich auf eine Studie der Northwestern University, nach deren Aussage die Sonicare die potentiell lebensbedohlichen Bakterien um 66,7 Prozent reduziere.Das Braun-Modell hingegen soll für eine Vermehrung der Bakterienstämme um 64,8 Prozent sorgen.

Braun war schockiert - und klagte."Es ist, als würde Burger King eine Kampagne starten, die sagt, daß man von McõDonalds-Hamburgern eine Lebensmittelvergiftung bekommt," sagt Warren.Optiva stoppte die Kampagne und Giuliani schrieb zähneknirschend an die Zahnärzte, in dem er einen "statistischen Fehler" in der Auswertung der Daten bedauerte.Keine der beiden Zahnbürsten würde die Bakterienrate merklich vermindern, gestand er.Es sei doch viel wichtiger, daß die Rivalen nun das Kriegsbeil begraben, um sich auf den wahren Feind zu konzentrieren: die Parodontose.Braun beeindruckte dieser Appell kein bißchen, im Gegenteil: Ein Prozeß begann, der einen tiefen Einblick in die Forschung für vergleichende Werbung ermöglicht.Das Team der Northwestern University hatte in seiner Studie ursprünglich keine statistisch relevanten Unterschiede zwischen den Zahnbürsten finden können.Die Optiva-Chefetage ließ den Test wiederholen.Sonicare wurde Sieger.Peinlich nur, daß die Auswertungsmethode keiner wissenschaftlichen Prüfung standhielt, und daß die Forscher noch die Namen auf den Testlisten vertauscht hatten.Der Sieger hätte Oral B heißen müssen.

Optiva hatte weitere Studien in Petto.Zum Beispiel die, daß Sonicare weniger abschleifend arbeitet.Die Studie hatte ein Professor für Zahnheilkunde an der Universität von Alabama erstellt.Er hatte gezogene menschliche Weisheitszähne in eine Bürstenmaschine gespannt und mit den verschiedenen Bürsten geputzt.Den Braun-Anwälten gelang es jedoch, aufzudecken, daß die Bürstenmaschine von Optiva selbst entwickelt worden war.Und, daß der Professor während der Testreihen nicht selbst zugegen war, sondern von einer Optiva-Mitarbeiterin vertreten wurde.Bleibt die Schweine-Studie: Ein Schweizer Wissenschaftler verbrachte viele Stunden damit, Zähne und Zahnfleisch von über 3000 toten Schweinen zu putzen.Eine undankbare Aufgabe, wenn man die schwierige Beschaffung der Testtiere und die schnell einsetzende Verwesung berücksichtigt.Auch die Firma Braun bedient sich fragwürdiger Methoden, um im Wettstreit mit der Konkurrenz Pluspunkte zu sammeln.So werden für die mitunter schmerzhaften Abriebtests zwar in Einzelfällen Versuchsreihen mit Menschen durchgeführt.Doch glaubt man mit Versuchen an lebenden Schweinen und Hunden ebenso aussagekräftige Beweise für das eigene Produkt erbringen zu können.

Endgültige Gewißheit, welche Testmethode letztlich die bessere ist, sollte der von Braun eingekaufte Biochemiker Hefferren, früher Forschungsdirektor der American Dental Association, erbringen.Nachdem die Bürsten an toten Tieren getestet worden waren, begab sich das Braun-Forschungsteam höchstselbst auf einen Bauernhof, um den tierischen Bewohnern ordentlich die Zähne zu putzen.Die Prozedur wurde genauestens mit Spezialkameras dokumentiert: Es konnten kaum Unterschiede festgestellt werden.Hefferren merkte allerdings an, daß bei totem Zahnfleischgewebe der schützende Speichel und die regenerierenden Eigenschaften von lebendem Gewebe fehle.Optiva versuchte diesen Befund mit der Behauptung zu entkräften, daß tote Schweine ebenso gute Testobjekte seien wie lebende.Nur, daß eben die Optiva "Tot-Methode" keine Tiere durch Narkosen schädige.

Auch Braun ist sich indes für vergleichende Werbekampagnen nie zu schade gewesen.Um die Oral B in ein besseres Licht zu rücken, zitierte man in Werbeanzeigen ausführlich Beschwerden über die der Optivabürste.Sicherheitsmängel bei der elektrischen Bürste wurden ausführlich dargestellt.Optiva verteidigte: Diese Behauptung stütze sich auf einen Test, in dem die Bürsten eine mit Schmierkäse bestrichene Glasplatte putzen sollten."Schmierkäse ist in keinem Fall vergleichbar mit menschlichem Zahnfleisch," sagt Giuliani.Dieser Test habe überhaupt nichts mit der Sicherheit der Zahnbürste zu tun, "es sei denn, Sie haben Zahnfleisch wie ein Krapfen."

Übersetzt und gekürzt von Karen Wientgen (Dummheit der Welt, WTO), Svenja Rothley (Unpopuläre Entscheidungen) und Birte Heitmann (Zahnputz-Experimente).

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