Ziel: Das selbstfahrende Auto : Warum deutsche Hersteller Nokia Here kaufen

Die drei Autohersteller Daimler, BMW und Audi kaufen den Berliner Kartendienst Here für 2,8 Milliarden Euro. Ihr Ziel ist das selbstfahrende Auto - aber nicht nur.

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Navigationsdienste sind nur ein kleiner Teil dessen, was man mit dem Know-how des Berliner Dienstes Here anfangen kann.
Navigationsdienste sind nur ein kleiner Teil dessen, was man mit dem Know-how des Berliner Dienstes Here anfangen kann.Foto: dpa

Die Zukunft des Autofahrens beginnt in der Berliner Invalidenstraße. Unter anderem. Wie in Mountain View bei Google und mutmaßlich bei Apple in Cupertino tüfteln sie auch beim Nokia-Kartendienst Here in Mitte am selbstfahrenden Auto. Daimler, BMW und Audi ist dieses Know-how 2,8 Milliarden Euro wert – zu diesem Preis unternehmen die drei Weltkonzerne die Berliner Firma.

Die klassischen Autohersteller geben nicht gerne zu, dass ihnen Technologiekonzerne, die bislang Smartphones oder Software herstellten, tatsächlich Konkurrenz machen. Doch das Auto wird immer mehr zum rollenden Smartphone: die Bordsysteme sammeln Daten, die Fahrzeuge können dank Internetzugang miteinander kommunizieren und in ein paar Jahren von A nach B fahren, ohne dass ein Mensch hinter dem Steuer sitzt. Das kann den Verkehr revolutionieren, aber auch ein lukratives Geschäftsmodell für Datendienste sein.

Unabhängig von Google

„Kartendienste wie Here bergen hohes Potenzial für datenbasierte Geschäftsmodelle auch abseits des Automobilsektors“, sagt Ilja Radusch, Experte für vernetztes und automatisiertes Fahren am Fraunhofer Fokus-Institut in Berlin. Mindestens ebenso wichtig wie der Zugang zu neuen Märkten ist den Autokonzernen aber ihr Revier abzustecken.

Daimler-Chef Dieter Zetsche betonte am Montag die hohe Bedeutung für die gesamte Branche, unabhängig von Quasi-Monopolisten wie Google zu sein. „Hochpräzise digitale Karten sind ein entscheidender Baustein für die Mobilität der Zukunft.“

Der Computer braucht die Karte als Sehhilfe

Autonomes Fahren hängt entscheidend davon ab, dass der Steuerungscomputer eines Fahrzeugs in Echtzeit mit den nötigen Datenmengen gefüttert wird. Einen Teil besorgt sich das System mit eigenen Hightech-Hilfsmitteln wie 3-D-Kameras, Radar- und Lasersensoren selbst. Um sich richtig zu orientieren und zu entscheiden, braucht es aber auch Infos jenseits des eigenen Sichthorizonts.

„Menschen brauchen kein Navi, das auf den Meter genau ist, sie haben Augen und können flexibel auf Situationen reagieren“, erläutert Radusch. „Selbstfahrende Autos hingegen brauchen hoch präzises und hoch aktuelles Kartenmaterial. Und in diesem Bereich ist Here führend.“

Zum einen dienen die ultragenauen Straßenkarten als Navigations- und Planungsbasis für Bordcomputer. Zum anderen arbeitet Here daran, seine Karten durch Rückkopplung an möglichst viele Echtzeitinformationen aus verschiedenen Quellen laufend zu aktualisieren und den Fahrer und sein Auto via Internet mit der Umgebung zu vernetzen.

Aktiv in über 50 Ländern

Mit Kameraautos sind Mitarbeiter in Städten und auf dem Land unterwegs. Die Daten landen dann in den USA. Ausgewertet und aufbereitet finden sie sich in Navigationssystemen oder in Apps wieder. Sie geben etwa darüber Aufschluss, wo sich die nächste Tankstelle, der nächste Geldautomat oder die nächste Pizzeria befinden. In Berlin arbeiten knapp 1000 Beschäftigte für Here.

Insgesamt betreibt das Unternehmen rund 200 Büros mit etwa 6000 Mitarbeitern in mehr als 50 Ländern. Die Daten kommen aber nicht nur aus den eigenen Autos. Auch Fahrzeuge mit Online-Navigation, Katasterämter oder Privatleute speisen Informationen über offene Plattformen ein.

Google-Crashs sind menschgemacht

Während die deutschen Hersteller frohlocken und den Kauf als großen Schritt in Richtung Zukunft feiern, dürfte die Aufregung sich in Kalifornien in Grenzen halten. Seit geraumer Zeit testet Google dort die Technologie des autonomen Fahrens – mit wechselndem Erfolg.

Mal verbreitet der Konzern Videos von euphorischen Senioren in selbstfahrenden Kisten, mal berichten Medien über Unfälle, in die die wie riesige Ostereier aussehenden Versuchsfahrzeuge verwickelt sind. Google betont jedoch stets, dass die Crashs nichts mit der Technologie zu tun hätten, sondern menschgemacht seien.

App-Geschäft wird Nebengeschäft bleiben

„Bei Google wird man sich den Kauf von Here durch die Autohersteller ziemlich entspannt anschauen”, sagt Ralf Kaumanns, Digital-Experte und Kenner des US-Konzerns. Google werde auch künftig seinen Weg in die Fahrzeuge finden, ganz egal, ob und wie viele Hersteller sich der neuen Allianz hinter Here anschließen oder auf deren Dienste zurückgreifen sollten.

Google verdiene ohnehin kein Geld mit seinen Karten. „Google verdient Geld mit Werbung über Mehrwertdienste: Sprachgesteuerte Suche, Restaurantführer, Musikstreaming und so weiter.“ Und die, ist Kaumanns überzeugt, würden Daimler, BMW und Audi auch künftig nicht aus ihren Autos verbannen. „Die Autohersteller werden es sich nicht leisten können, die App-Stores von Google oder Apple auszuschließen. Da stimmen die Kunden mit den Füßen ab.“

Ohnehin ist die Frage, wie viel die Autohersteller über das autonome Fahren hinaus von der massenhaften Nutzung der Geodaten hätten. Wenn man die Umsätze von Here und den Autoherstellern ins Verhältnis setzt, wird klar: Sie werden mit neuen Diensten aus Geodaten nicht das Riesengeschäft machen. Zwar steigerte der Kartendienst den Umsatz im zweiten Quartal um 25 Prozent. Mit 290 Millionen Euro fällt er verglichen mit den 37,5 Milliarden Euro von Daimler aber winzig aus.

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