Wirtschaft : Zinsen geben das Signal für eine Trendwende

PETER HEIN

Jeden Tag beschäftigen sich Heerscharen von Bankern, Brokern und Anlegern mit der Frage: Wie geht es weiter an der Börse? Gestandene Börsianer schwören dabei auf die Zinsentwicklung am Kapitalmarkt als frühzeitiges Signal für einen bevorstehenden Trendwechsel am Aktienmarkt."Steigende Zinsen sind Gift für die Börse", lautet ihr Credo - womit sie relativ griffig den vermeintlichen Zusammenhang zwischen Zinsen und Aktienkursen beschreiben: Sinken die Zinsen, ist das zunächst einmal gut für diejenigen Anleger, die Rentenpapiere in ihrem Depot haben.Die Kurse Ihre Anleihen steigen, weil sie eine höhere laufende Verzinsung bieten als die Papiere, die neu herausgegeben werden.Dadurch verbessern sich auch die Kurschancen von Aktien.Je weiter die Renditen fallen, desto mehr geraten die Anleger ins Grübeln.Bonds sind zwar relativ sicher, wenn sie aber nur zwischen drei und vier Prozent abwerfen, sind sie gegenüber Aktien unattraktiv.Bei den Dividendenpapieren besteht zwar ein Kursrisiko, aber ihre Kurschancen sind überdurchschnittlich groß.Folge: Mit jedem Zinsschritt nach unten fließen mehr Gelder an den Aktienmarkt.Steigen dagegen die Zinsen, brechen die Notierungen am Rentenmarkt ein.Neue Anleihen bieten schließlich eine höhere Verzinsung als die am Markt gehandelteten Bonds.Das bleibt nicht ohne Auswirkungen auf den Rentenmarkt, denn höhere Renditen locken auch wieder mehr Anleger.Sie verkaufen nach und nach ihre bestehenden Aktienpositionen und schichten ihr Anlagekapial um.Folge: Die Aktienkurse geraten unter Druck.

Niedrige Zinsen bedeuten auch, daß es der Wirtschaft an Schwung fehlt.Steigende Nachfrage bedienen die Unternehmen problemlos mit den vorhandenen Kapazitäten.Teure Investitionen werden in die Zukunft verschoben.Der Druck auf die Preise ist gering.Folge: In einer konjunkturellen Erholungsphase steigen die realen Gewinne überdurchschnittlich stark - beste Voraussetzung für steigende Kurse.Anziehende Zinsen sind hingegen ein Zeichen dafür, daß die Konjunktur in Fahrt kommt.Kapital wird knapper, weil die Unternehmen in neue Anlagen investieren, um die steigende Nachfrage zu bedienen.Preiserhöhungen machen die Runde.Das drückt die Marge.Die Gewinne steigen langsamer oder stagnieren.Soweit die Theorie.

Vergleicht man für den deutschen Markt die Entwicklung von Anleihe- und Aktienkursen in den letzten zwanzig Jahren, so zeigt sich, daß die Zinsen zwar ein guter, aber keineswegs perfekter Frühindikator sind.Das liegt zum einen daran, daß für die exportlastige deutsche Volkswirtschaft auch noch andere Einflußfaktoren von Bedeutung sind - zum Beispiel die Wechselkurse.Auch die Zinsstruktur spielt eine wichtige Rolle.Sie kann sich ändern, ohne daß sich dies zum Beispiel in einer deutlichen Veränderung der durchschnittlichen Umlaufrendite öffentlicher Wertpapiere niederschlägt.

Eine sogenannte inverse Zinsstruktur, bei der die kurzfristigen Renditen höher sind als die langfristigen, ist aber ein zuverlässiger Hinweis auf eine bevorstehende Überhitzung der Wirtschaft und damit für einen Ende der Aktienhausse.Zum Kursaufschwung der letzten Jahre haben die sinkenden Renditen aber sicher ihr Scherflein beigetragen.

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