Wirtschaft : Zinserwartungen halten Euro über 0,95 Dollar - Briten lassen Zinsen unverändert

bfr

Im Vorfeld der für Donnerstag anstehenden Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) hat sich der Euro am Mittwoch weiterhin fest gezeigt. Nach einem Sieben-Wochen-Hoch am Vormittag von 0,9602 Dollar setzte die EZB den Referenzkurs mit 0,9554 (Dienstag: 0,9485) US-Dollar fest. Die US-Währung kostete damit 2,0471 (2,0620) Mark. Experten an den Finanzmärkten erwarten vom EZB-Rat mehrheitlich eine Erhöhung des Leitzinses um einen Viertel Prozentpunkt, also von 3,75 auf 4,0 Prozent. Eine Minderheit hält sogar einen größeren Schritt auf 4,25 Prozent für möglich. Währenddessen hat die Bank von England am Mittwoch auf eine Zinserhöhung verzichtet. Der Leitzins bleibt unverändert bei sechs Prozent, nachdem schon Unternehmer, Gewerkschaften und die konservative Opposition vor einer Zinserhöhung gewarnt hatten. Der hohe Pfundkurs belaste die britische Exportwirtschaft sowieso schon schwer, wurde argumentiert.

Ein gewichtiges Argument in der EZB-Zinsdiskussion ist das mit 6,5 Prozent anhaltend hohe Geldmengenwachstum im Euroraum. Auch die sich weiter festigende Konjunktur im Euroraum spricht für eine Zinserhöhung. Die EZB selbst hat in den vergangenen Wochen mit Hinweis auf die Geldmenge und die Gefahr einer importierten Inflation entsprechende Erwartungen geweckt. Dies und die Signale einer sich abkühlenden US-Konjunktur haben den Euro in den vergangenen Tagen gestärkt. Unterstützung bot am Mittwoch dann auch die Nachricht, dass die Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe Deutschlands im April mit 2,5 Prozent überraschend stark gestiegen sind. Den Zinsspekulationen weitere Nahrung gab der finnische Notenbankpräsident und EZB-Ratsmitglied Matti Vanhala. Das Zinsniveau in der Euro-Zone sei ziemlich niedrig und die Liquidität ausreichend, sagte er am Mittwoch in Helsinki.

Die Deutsche Bank erwartet noch in diesem Jahr deutliche Zinsschritte der EZB. Der Zins von 3,75 Prozent stehe "nicht in Einklang mit der Konjunkturdynamik", heißt es in einer neuen Studie der Bank zur Preisentwicklung im Euroraum, die am Mittwoch in Frankfurt vorgestellt wurde. Bis Ende 2000 rechnet die Deutsche Bank mit einer Anhebung des wichtigsten EZB-Zinses auf 4,5 Prozent. Bei der DG Bank ist man etwas zurückhaltender und rechnet mit 4,25 Prozent zum Jahresende. "Aktuell erwarten wir eine kleine Erhöhung um 25 Basispunkte", sagte DG-Bank-Volkswirt Bernd Weidensteiner dem Tagesspiegel. "Die EZB ist mit ihren vorsichtigen Trippelschritten bisher gut gefahren." Einen halben Prozentpunkt hielte er für übertrieben, "so lange läuft die Konjunktur noch nicht".

Der Euro ist nach Ansicht des Ökonomie-Nobelpreisträgers Milton Friedman derzeit beträchtlich unterbewertet - wahrscheinlich um 20 bis 25 Prozent. Gleichzeitig sei der Dollar erheblich überbewertet, sagte Friedman in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin "Die Telebörse". Nach Einschätzung der Deutschen Bank sollte der jüngste Kursanstieg des Euro aber nicht überbewertet werden. Von einer "Wende" zu Gunsten der Gemeinschaftswährung im Verhältnis zum Dollar könne noch nicht gesprochen werden, sagte Chefvolkswirt Prof. Norbert Walter. "Entscheidend für die weitere Kursentwicklung des Euro werden vor allem die kommenden Nachrichten aus den USA über die dortige Realwirtschaft und Börse sein." Zwar ließen jüngste Daten über die US-Konjunktur auf eine leichte Abschwächung des Wirtschaftsbooms jenseits des Atlantiks schließen. "Die Ergebnisse eines Monats dürfen aber nicht überinterpretiert werden. Mittel- bis langfristig sei die Wahrscheinlichkeit für einen weiteren Euro-Anstieg jedoch groß - vor allem wegen glänzender Wachstumsaussichten für die europäische Wirtschaft. Für 2001 prophezeit Walter für die elf Euroländer inzwischen ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von mehr als 3,5 Prozent, für Deutschland drei bis 3,5 Prozent. Walter erwartet vom EZB-Rat eine Zinsanhebung um 0,25 Prozentpunkte, hält aber durchaus auch um 0,5 Prozentpunkte für möglich und vertretbar.

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