Wirtschaft : Zu früh gejubelt

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Von Henrik Mortsiefer

Die Börse wird bescheiden. Nach drei Jahren Aktienflaute schaltet sie das elektronische Handelssystem Xetra früher ab. Der Grund für den Ladenschluss um 17 Uhr 30: Niedrige Umsätze am Abend bei gleichzeitig hohen Kosten. Das wollten die Großbanken am Ende nicht mehr mitmachen. Ihrem Drängen ist die Deutsche Börse AG deshalb nachgekommen. Dass die Banker vor drei Jahren am liebsten rund um die Uhr gehandelt hätten, wird heute freundlich vergessen.

Was aber haben die Anleger davon, dass die Xetra-Computer früher ausgemacht werden? Die Regionalbörsen, die ihren Parketthandel künftig weiter bis 20 Uhr offen halten, sehen goldene Zeiten anbrechen – für die Kleinanleger und sich selbst. Ihre Vision: Die Frankfurter Börse werde früher oder später auch ihr Parkett um 17 Uhr 30 schließen, weil dort ebenfalls kein Euro mehr zu verdienen ist. Kleinanleger, die in Zukunft am Abend Aktien handeln wollen, könnten dann nur noch an den regionalen Börsen zum Zuge kommen. Die sieben kleinen Börsen, vom Zentralismus der mächtigen Frankfurter schon lange genervt, kämen groß raus.

Leider wird sich diese Vision nach Lage der Dinge nicht erfüllen. Der Aktienhandel findet schon zu fast 100 Prozent über das elektronische Handelssystem auf Xetra statt. Der Parketthandel wird zum Auslaufmodell. Gute Gründe gibt es zuhauf: Die Maklergebühren sind doppelt bis dreifach höher als bei Xetra. Die geringen Umsätze verzerren die Kurse und machen den Abendhandel für Unerfahrene zum riskanten Spekulationsspiel. Die wenigsten privaten Anleger sind in der Lage, die Kursbewegungen richtig zu interpretieren oder gar auf Entwicklungen an der Wall Street zu reagieren. Der wieder vorgezogene Schluss des Xetra-Handels in Frankfurt am Main ist deshalb für die Regionalbörsen kein Grund zum Jubeln, sondern ein weiterer Anlass, nach der eigenen Existenzberechtigung zu fragen.

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