ZUR PERSON : „Die Deutschen sind zu technikfeindlich“

„Die Politik darf Unternehmen nicht eine Quote aufzwängen“ Peter Bauer, Chef des Chipkonzerns Infineon, über den Standort, die Bundesregierung und Zukunftstechnologien

Peter Bauer glaubt, dass die abrupte Atomwende der Glaubwürdigkeit der deutschen Energiepolitik geschadet hat. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Peter Bauer glaubt, dass die abrupte Atomwende der Glaubwürdigkeit der deutschen Energiepolitik geschadet hat. Foto: Doris...

Herr Bauer, wie gut ist der Standort Deutschland?

Für lohnkostenintensive Massenfertigung ist Deutschland nicht der ideale Standort. Da hat Asien die Nase vorn. Aber sowohl bei der kapitalintensiven Fertigung komplexer Produkte als auch bei der Entwicklung ist Deutschland durchaus wettbewerbsfähig. Das liegt zum einen am Automatisierungsgrad, zum anderen an der hohen Qualifikation der Mitarbeiter.

Und der Forschungsstandort?

Es gibt eine respektable Förderung im Vorfeld der Produktentwicklung. Aber das darf nicht alles sein. Will Deutschland seine Spitzenposition im Bereich Forschung und Entwicklung halten, muss die Bundesregierung mehr tun. Forschung sollte auch hierzulande durch Steuererleichterungen gefördert werden. Andere Länder haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Entsprechende Vereinbarungen stehen zwar im Koalitionsvertrag, werden aber nicht umgesetzt. Dass der politische Konsens ausgerechnet hier fehlt, finde ich enttäuschend.

Wessen Schuld ist das?

Die Bundesregierung müsste eine Entscheidung herbeiführen. Darin läge eine große Chance für Deutschland. In Österreich zum Beispiel haben wir bei der Halbleitertechnologie für Leistungselektronik eine hohe Kompetenz auf der Entwicklungsseite und deswegen kürzlich gerade dort eine Pilotproduktion angesiedelt. Das zeigt: Gute Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung ziehen qualifizierte Arbeitsplätze nach sich.

Derzeit wird in Deutschland die Frauenquote diskutiert. Was halten Sie davon?

Wir unternehmen viel, um ein familienfreundlicher Arbeitgeber zu sein. An unserem Standort in München haben wir eine Kita eingerichtet, es gibt Telearbeitsplätze, flexible Arbeitszeiten sowie ein internes Mentoring für Frauen. Insofern fände ich es hervorragend, wenn wir mehr Frauen beschäftigen und in Führungspositionen bringen könnten. In unserem Unternehmen sind mehr als 60 Prozent der Führungspositionen durch Ingenieure besetzt. Leider liegt die Frauenquote bei den Absolventen von Elektrotechnikstudiengängen unter fünf Prozent. Woher sollen also all die Ingenieurinnen kommen, mit denen man eine angemessene Quote erreichen könnte?

Die Logik der Quote ist, dass Sie dann aus Eigeninteresse für die Ausbildung und Förderung von Frauen sorgen müssten.

Das ist doch nicht die Aufgabe eines Unternehmens. Bildung ist zunächst Sache des Staates! Natürlich unterstützen wir Hochschulen gezielt, wo es nur geht. Die Lösung dieses Problems beginnt in der Grundschule. Dort müssten Mädchen stärker an Technik herangeführt werden. Die Politik darf nicht einfach Unternehmen eine Quote aufzwängen. Damit lösen Sie gar nichts. Wie gesagt, woher sollen wir die Ingenieurinnen denn nehmen?

Sind die Deutschen prinzipiell technikfeindlicher als andere Nationen?

Wir wollen erneuerbare Energien, ein perfekt ausgebautes Handynetz, ein überall frei verfügbares Internet – aber sobald ein Sendemast oder ein Windrad aufgestellt werden soll, gibt es nicht selten massiven Protest. Die Technikfeindlichkeit in Deutschland wird zunehmend zu einem Problem. In asiatischen Ländern ist das völlig anders.

Sie beschäftigen schon heute mehr Mitarbeiter im Ausland als im Inland. Machen Sie irgendwann alles in Asien?

Nein, wir wachsen auch in Deutschland und Europa, wenn auch langsamer. Das hängt damit zusammen, dass der asiatische Markt stärker, schneller wächst und wir auch dort sein wollen, sein müssen, wo unsere Kunden sind.

Wie gut ist Ihr geistiges Eigentum zum Beispiel in China gegen Diebstahl geschützt?

Unsere Technologien verändern sich schnell und sind schwer zu kopieren. Deshalb sehe ich bei unseren aktuellen Aktivitäten in China keine Probleme. Dank unserer Produkte sind wir ein gefragter Partner, denn für den Aufbau einer effizienten Energiewirtschaft stellen wir die Basistechnologie ebenso bereit wie für die Automobilproduktion.

Sehen Sie keine Gefahr einer zu großen Abhängigkeit von China, etwa in Bezug auf die Inflation oder politische Instabilität?

Vor allem ist China eine große Chance. Für unser Geschäft würde ich selbst dann keinen großen Einbruch erwarten, wenn sich das Wachstum in China halbieren würde.

Sie haben von politischem Konsens gesprochen, den Sie in Deutschland vermissen. Sind die neuerliche Atomwende oder die Debatte um Stuttgart 21 Anzeichen dafür, dass die Politik nicht mehr verlässlich ist?

Diese beiden Großthemen haben wenig miteinander gemein. Als Unternehmen betrifft uns Stuttgart 21 nicht. Die Atompolitik indirekt schon, weil wir viele Produkte entwickeln und fertigen, die für die Nutzung erneuerbarer Energien erforderlich sind. Ich begrüße eine erneute Überprüfung mit noch strengeren Sicherheitskriterien sowie einen schnelleren Umstieg. Allerdings hat der abrupte Kurswechsel der Glaubwürdigkeit unserer Energiepolitik geschadet. Ein Ausstieg von heute auf morgen wird ohnehin nicht realisierbar sein. Dafür fehlen Deutschland noch die Netze und Anlagen.

Sie beliefern auch die Autoindustrie. Ist das Elektroauto mehr als eine Mode?

Das Elektroauto wird einen nachhaltigen Wandel auslösen. Da bin ich ganz sicher. Stellen Sie sich mal vor, der Anteil der Pkws in der Bevölkerung wäre in China genauso hoch wie in Deutschland. Dann kämen Sie auf circa 600 Millionen Fahrzeuge. Das wird zwar nicht so kommen, wäre mit Verbrennungsmotoren jedoch auch gar nicht darstellbar, wenn wir den weltweiten Klimaschutz ernst nehmen. Es gibt keine echte Alternative zum Elektromotor. Wir reden hier aber über mindestens zehn Jahre, bis diese Technologie einen großen Anteil an der gesamten Fahrzeugproduktion einnimmt. Infineon liefert schon heute die Antriebs- und Steuerungselektronik für diesen Markt und wird mit diesem auch stark wachsen.

Sie könnten sich also für staatliche Kaufanreize erwärmen?

Wir brauchen staatliche Mechanismen, um den hohen Entwicklungsaufwand zu flankieren. Es geht nicht nur um die Subvention des Fahrzeugs, sondern auch um die Förderung von Infrastruktur. Vor allem die Forschung müsste unterstützt werden. Derzeit kostet eine Batterie zwischen 500 und 800 Euro pro Kilowattstunde, irgendwann werden es 150 bis 200 Euro sein. Spätestens dann rechnet sich das Elektroauto. Wir werden in der Serienfertigung lernen, wie sich Kosten reduzieren und Leistungen steigern lassen. Die Zeit bis dahin müssen wir mit staatlicher Förderung und mutigen Investitionen der Unternehmen überbrücken.

Über welche Größenordnung reden Sie?

Allein im Bereich Forschung und Entwicklung belaufen sich die Gesamtinvestitionen bis 2013 auf vier Milliarden Euro. Subventionen im dreistelligen Millionenbereich reichen da bei Weitem nicht aus. China und die USA denken in viel größeren Dimensionen. Deutschland muss aufpassen, dass es nicht den Status als Automobilnation verliert.

Inwiefern profitieren Sie von den aktuellen Problemen der japanischen Chipindustrie?

Darüber nachzudenken, wie man von der Katastrophe profitieren kann, halte ich für unangemessen. Wir wollen uns den Schaden der anderen nicht zunutze machen. Kurzfristig geht das sowieso nicht, weil viele der Produkte in unserer Branche kundenspezifisch entwickelt und gefertigt werden. Die Autoindustrie braucht teilweise zwei, drei Jahre, um einen Halbleiter durch einen anderen zu ersetzen. Die Katastrophe in Japan bringt uns vermutlich keinen unmittelbaren Nachfrageschub, unabhängig davon sind unsere aufgestockten Fertigungskapazitäten ohnehin wieder gut ausgelastet. Mittelfristig werden japanische Unternehmen natürlich ihren Kunden erklären müssen, wie sie ihre Fertigungen besser gegen Naturkatastrophen sichern. Halbleiter haben einen kleinen Anteil an der Wertschöpfung, sie verursachen aber enorme Wertverluste und Ausfälle, wenn sie fehlen.

Infineon hat den Aktienkurs in den vergangenen zwei Jahren fast verzwanzigfacht. In diesen Zeitraum fallen die Finanzkrise und eine globale Rezession. Haben Sie den Eindruck, dass die wirtschaftliche Entwicklung volatiler geworden ist?

Die Finanzkrise ist noch nicht vollständig überwunden. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Euro und die stark verschuldeten Staaten innerhalb der EU entwickeln. Deswegen tun wir uns alle so schwer mit Prognosen. Der Ausblick für unsere Branche ist jedoch klar positiv, weil immer mehr Industrien von Innovationen bei Halbleitern abhängig sind. Wir wachsen stärker als der Markt, weil die Märkte unserer Kunden wachsen und weil der Halbleiteranteil in den Produkten stetig zunimmt. Das gilt für die Automobilindustrie und die erneuerbaren Energien, aber auch für die Sicherheitstechnik.

Wie haben Sie Ihren Aktienkurs so stark steigern können?

Wir haben logische, konsequente Maßnahmen ergriffen. Diesen Weg haben die Investoren nachvollzogen und honoriert. Wir haben die Kosten in den Griff bekommen, unsere Bilanz in Ordnung gebracht und das Portfolio auf nicht mehr so volatile und langfristig ergebnisstarke Geschäfte fokussiert. Damit haben wir unser Ergebnis deutlich verbessert und im vergangenen Geschäftsjahr einen stattlichen Gewinn gemacht. Infineon ist heute in den drei großen gesellschaftlich relevanten Geschäftsfeldern Energieeffizienz, Mobilität und Sicherheit erfolgreich tätig. Das Geschäft läuft gut.

Ist Ihre Aktie unterbewertet?

Wenn ich uns mit den Wettbewerbern vergleiche, dann sehe ich bei der Bewertung durchaus noch Potenzial.

Der Aktienkurs hat sich verzwanzigfacht, ihr Einkommen ungefähr verdoppelt. Wie ermittelt man faire Managervergütungen?

Die Vergütung eines Vorstandschefs sollte sich am Geschäftsverlauf orientieren. Der Bonus muss auch mittel- und langfristige Komponenten enthalten. Auswüchse bei der variablen Vergütung, wie wir sie beispielsweise im Investment-Banking beobachten können, finde ich problematisch. Das ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht zu vermitteln.

Das Interview führte Moritz Döbler

DIE KARRIERE

Peter Bauer (50) stammt aus München. Dort hat er Elektrotechnik studiert und seine Karriere gestartet: bei Siemens. Bald übernahm er Führungsfunktionen in der Halbleitersparte des Konzerns. Als sie 1999 unter dem Namen Infineon ausgegliedert wurde, rückte er in den Vorstand auf. Seit drei Jahren leitet er das Gremium. Sein Vertrag wurde gerade bis 2016 verlängert.

DAS UNTERNEHMEN

Umjubelt ging Infineon im Jahr 2000 mit einem Ausgabepreis von gut 70 Euro an die Börse. Das Papier verlor aber schnell an Wert und war Ende 2008 weniger als einen Euro wert. Inzwischen hat sich der Dax- Konzern erholt und legt wieder solide Zahlen vor: Zuletzt belief sich der Jahresumsatz auf 3,3 Milliarden Euro, der Überschuss auf 660 Millionen Euro. Die Aktie schloss am Freitag bei 6,99 Euro. Tsp

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