Wirtschaft : Zwei Flughäfen, aber kein Wettbewerb - Brüssel hat Zweifel am Zwangsumzug nach Malpensa

Cornelia Geißler

Als Giuseppe Russo am Donnerstagmorgen um 8.30 Uhr mit seiner Familie am Mailänder Flughafen Linate steht, um nach Frankfurt und anschließend nach Prag zu fliegen, erlebt er eine Überraschung. Am Check-in teilt die Lufthansa ihren Fluggästen mit, dass der Flug nicht wie angekündigt von Linate, sondern vom Flughafen Mailand-Malpensa startet. Drei Busse karren daraufhin sämtliche Passagiere mit Polizeieskorte 60 Kilometer weit dorthin. Der Grund: Nach einem an diesem Tag in Kraft getretenen Dekret der italienischen Regierung darf die Lufthansa zukünftig nur noch von Malpensa nach Frankfurt fliegen.

Bisher machte der Flughafen westlich von Mailand eher durch Verspätungsrekorde von sich reden. Seit dieser Woche ist er auch noch Zankapfel der Beziehungen zwischen Rom und Brüssel. Die Leidtragenden scheinen die Fluggäste zu sein. Vor zwei Jahren ordnete die italienische Regierung an, einen Großteil der Flüge nichtitalienischer Anbieter vom Stadtflughafen Linate nach Malpensa auszulagern. Kein Vergnügen für viele Reisende. "Die Autobahn nach Malpensa ist chronisch verstopft. Der Zug fährt nur im 30 Minuten-Takt, braucht fast eine Stunde und kostet umgerechnet 15 Mark", weiß Vielfliegerin Katharina Kort. Zusätzliches Ärgernis für Bahnreisende: Der Airport-Express fährt nicht am Zentralbahnhof Mailands ab, wo auch die übrigen Fernzüge ankommen, sondern im Norden.

Um den Unmut besonders der italienischen Fluggäste zu besänftigen, versuchte die Regierung einen Teil der Kapazitäten am zentrumsnah gelegenen alten Flughafen Linate zu erhalten. Verkehrsminister Pierluigi Bersani ordnete an, diese nach dem Passagieraufkommen auf bestimmten Strecken zu vergeben. Das Ergebnis: Die Staatslinie Alitalia durfte ihre Zubringerstrecke für Interkontinentalflüge nach Rom ohne Einschränkung bedienen. Zubringerstrecken zu den Hauptflughäfen aller ausländischen Carrier wurden hingegen nach Malpensa verlagert. Damit sei es für italienische Fluggäste am bequemsten, von Linate aus mit der Alitalia nach Rom und von dort zu transatlantischen Zielen zu fliegen, klagt der deutsche Konkurrent Lufthansa.

Kein Zufall? "Offensichtlich hat die italienische Regierung einen Maßanzug für die Alitalia geschneidert," sagt ein Sprecher der Gesellschaft in Brüssel". Grund genug für die Lufthansa und elf weitere Fluggesellschaften im März bei der EU-Kommission in Brüssel Klage einzureichen. Ausgerechnet am Mittwoch, einen Tag vor dem Umzug am Donnerstag, meldete die EU-Kommission "ernste Zweifel" an der Regelung an.

Das von der Kommission beauftragte Expertengremium stieß sich an drei Punkten: Durch die Aufteilung der von Linate aus angeflogenen Strecken seien einige Wettbewerber benachteiligt. Außerdem habe die Regierung das ursprüngliche Ziel der ganzen Aktion nach nicht energisch genug verfolgt: Nämlich den Verkehr vom veralteten Flughafen Linate zu reduzieren. Im Gegenteil, er habe sogar zugenommen, obwohl bereits einige Fluggesellschaften nach Malpensa gezogen sind. Drittens moniert Brüssel eine Umweltbestimmung der italienischen Regierung, die eine Ausweitung des Flughafens in Malpensa einschränke und damit die Konkurrenten der Alitalia zusätzlich benachteilige.

"Ideal wäre es, wenn Rom die Verlegung nach Malpensa verschieben würde", heißt das Fazit eines hohen Kommissionsbeamten. Als "rechtlich eindeutig aber faktisch schwierig" bezeichnet ein Lufthansa-Sprecher dieses Gutachten. Bis eine rechtsgültige Stellungnahme der Kommission vorliege, gelte weiter italienisches Recht. Verkehrsminister Bersani, Mitglied der scheidenden Regierung, will sich indes von Brüssel nichts vorschreiben lassen und hält an der Verlegung fest. "Die Feststellungen der EU werden unser seit langem feststehendes Vorhaben nicht beeinflussen", sagte er am Donnerstag in Rom. Er behalte sich vor, Massnahmen gegen diejenigen in Italien oder Brüssel zu ergreifen, die interessengesteuerte Panik verbreiten.

Die Deutsche Lufthansa hatte zuvor versucht den Flughafen Linate entgegen der Vorschriften anzufliegen, war aber von der italienischen Flugsicherung umgeleistet worden. Fällt Brüssel wie angekündigt ein negatives Urteil, könnte diese Haltung für Rom unangenehme Folgen haben. Nimmt die Regierung die Regelung auch dann nicht zurück, droht ein Vertragsverletzungsverfahren.

Zusätzlich könnten die betroffenen Konkurrenten dann Schadensersatzforderungen für entstandene Kosten geltend machen. Allein bei der Deutschen Lufthansa handele es sich laut einem Sprecher um Millionenbeträge. Welches Recht gilt, ist den Passagieren am Schalter gleichgültig. Giuseppe Russo ist ziemlich wütend. Er will pünktlich in Frankfurt ankommen. Die falsche Information kostet ihn und seine Familie nun doppelt Zeit. Die Anreise zum Flughafen Malpensa wäre nämlich deutlich näher gewesen.

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