Wissen : 5. Eine Nonne, fromm, frech, unermüdlich

Fromm war sie, aber ihrer Kirche alles andere als geheuer. Ein hoher römischer Würdenträger nannte sie "ein umhervagabundierendes Weib" und auch ihre Mitschwestern im Kloster fanden sie oft nicht recht erträglich, ja sie bekämpften sie sogar. Vielleicht war diese Frau, die in den Orden eingetreten war, um den Demütigungen einer Ehe zu entgehen, einfach ein zu großes Kaliber für ihre Umwelt: Immer wieder schwer krank - nach einem Zusammenbruch fiel sie vier Tage lang ins Koma, man hielt sie für tot und wollte sie bereits begraben - und trotzdem nicht zu bremsen: Trotz massiven Widerstands gründete sie in ihrem 67-jährigen Leben 15 Klöster und eine Missionsstation, schrieb darüber, verfasste eine Autobiographie und schrieb unermüdlich Briefe - immerhin mehr als vierhundert sind erhalten geblieben. Ihren bis heute wirkenden Ruhm verdankt die Tochter eines zur Zeit der grausamsten Judenverfolgung in ihrem Land konvertierten Juden allerdings ihren spirituellen Fähigkeiten, ihren visionären Gottesbegegnungen, die sie ebenfalls in mehreren Büchern beschrieb.

Heutige Christen, so heißt es, könnten etwas von der "Bejahung von Leiden und Sterben" lernen, wie sie sie gelebt habe. Edith Stein, die 1942 als Jüdin in Auschwitz ermordet wurde, bekannte, die Lektüre der großen Mystikerin habe sie zum Katholizismus gebracht. Ihre Kirche hat längst ihren Frieden gemacht mit der sperrigen Nonne, die auch für ihre freche Schlagfertigkeit berühmt war und von sich selber sagte, sie sei "ein Weib und obendrein kein gutes". 40 Jahre nach ihrem Tod wurde sie heilig gesprochen und gilt gläubigen Landsleuten als Schutzpatronin ihres Heimatlandes. Eine weit seltenere Ehrung wurde ihr erst ein paar hundert Jahre später zuteil: Da nahm der Papst sie unter die wichtigsten Theologen der Kirchengeschichte auf. In diesen Kreis von 33 illustren Köpfen haben es bisher erst drei Frauen geschafft.

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