Agfa-Orwo-Story : Der vergessene Farbfilm

Rainer Karlsch und Paul Werner Wagner erzählen in ihrem Buch die Agfa-Orwo-Story.

Dieter Hoffmann
Farbenfroh. Mit jungen Frauen und brillanten Farben warb der VEB Filmfabrik Wolfen für seine Produkte. Foto: Imago Foto: IMAGO
Farbenfroh. Mit jungen Frauen und brillanten Farben warb der VEB Filmfabrik Wolfen für seine Produkte. Foto: ImagoFoto: IMAGO

Nina Hagens Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“ aus den siebziger Jahren hat noch heute seine Fans, wogegen der Orwo-Farbfilm NC 19, den man als DDR-Urlauber damals an die Ostsee mitnahm, vom Markt verschwunden ist. Auch die Filmfabrik Wolfen gibt es nicht mehr. Dabei war nicht nur Nina Hagens Hymne, sondern auch der Farbfilm aus Wolfen eine Erfolgsgeschichte. Doch wie Rainer Karlsch und Paul Werner Wagner in ihrem interessanten und gut lesbaren Buch „Die Agfa-Orwo-Story“ feststellen, bietet eine große Geschichte eben keine Garantie für eine gesicherte Zukunft.

Begonnen hatte alles in einem Hinterhof in Berlin-Treptow. Dort unterhielt die 1873 durch einen Firmenzusammenschluss entstandene „Actien-Gesellschaft für Anilin-Fabrikation“ (Agfa) eine Produktionsstätte, die in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts noch um ein Forschungslabor ergänzt wurde, das sich vornehmlich mit der Entwicklung neuer Farbstoffe beschäftigte. Allerdings waren die Expansionsmöglichkeiten der Firma in Berlin schon bald erschöpft, so dass um die Jahrhundertwende nach einem neuen Firmenstandort gesucht wurde. Diesen fand man im damals noch beschaulichen Dorf Wolfen, zwischen Dessau und Leipzig gelegen, wo nicht nur billiges Bauland verfügbar, sondern auch die Anbindung an das nahegelegene Bitterfelder Industriegebiet gegeben war.

Hier wurde in den folgenden Jahrzehnten auf der grünen Wiese ein moderner Industriestandort aufgebaut. In den zwanziger Jahren arbeiteten dort fast 6000 Beschäftigte, die vielfach in beispielgebenden Werkssiedlungen lebten und von zahlreichen sozialen Einrichtungen – von einer vorbildlichen medizinischen Versorgung und einem Werks-Kaufhaus bis zum eigenen Theater bzw. Kulturhaus – profitieren konnten.

Inzwischen war man nicht nur in den I.G. Farbenkonzern aufgegangen, sondern hatte sich auch auf das Filmgeschäft verlegt und Wolfen zu einem der international führenden Zentren der Filmentwicklung und -produktion ausgebaut. Vor 1945 wurden 85 Prozent aller in Deutschland produzierten Rohfilme in Wolfen hergestellt. Höhepunkt war ohne Zweifel die Entwicklung des Agfa-Color-Mehrschichtenfarbfilms, der in den dreißiger Jahren der boomenden Filmindustrie den Übergang vom Schwarzweißfilm zum Farbfilm ermöglichte und der übermächtigen amerikanischen Kodak-Konkurrenz erfolgreich Paroli bieten konnte.

Dies machte das Werk auch 1945 zum bevorzugten Objekt der Siegermächte – als sich im Sommer die Amerikaner aus Mitteldeutschland zurückzogen, wurden kurzerhand sowohl die führenden Wissenschaftler, als auch die wichtigsten Forschungsunterlagen mitgenommen. Die nachrückende sowjetische Besatzungsmacht plante zunächst die totale Demontage des Werkes und beließ es schließlich bei der Umwandlung in eine sowjetische Aktiengesellschaft, die bis Mitte der fünfziger Jahre etwa zwei Drittel der Produktion als Reparationsleistung in die Sowjetunion lieferte.

Auch die Zukunft der DDR-Filmfabrik sah nicht allzu rosig aus. So wurden harte Lizenzstreitigkeiten mit dem neuen Agfa-Standort in Leverkusen geführt, was Mitte der sechziger Jahre zur Kreierung des neuen Markenzeichens Orwo (Original Wolfen) führte. Orwo war zwar der Marktführer in den sozialistischen Ländern, doch auf den westlichen Märkten fanden Orwo-Filme nur als Billigprodukte Absatz. Wie auch sonst setzten in der Filmindustrie Mangelwirtschaft und Planwirtschaft den nötigen Innovationen enge Grenzen; hinzu kamen wachsende Umweltprobleme, von denen gerade die Wolfen-Bitterfelder-Industrieregion betroffen war. Die Währungsunion gab der Filmfabrik, auch ein bedeutender Produzent von Zellulose und Kunstfasern (Wolpryla), schließlich den Todesstoß. Filme werden heute in Wolfen nur noch für Spezialzwecke hergestellt, stattdessen kümmert sich die Mitteldeutsche Sanierungs- und Entsorgungsgesellschaft auf der Industriebrache um die Altlastensanierung und die Ansiedlung neuer mittelständischer Industriebetriebe. Wie vor hundert Jahren muss sich so eine Region neu erfinden. Dieter Hoffmann

R. Karlsch, P.W. Wagner: Die Agfa-Orwo-Story. Geschichte der Filmfabrik Wolfen und ihrer Nachfolger. Verlag für Berlin-Brandenburg 2010. 240 Seiten, 108 Abbildungen. 19,90€.

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