AIDS : HIV-Infektion kann „nie geheilt werden“

AIDS-Virus entzieht sich selbst den besten Medikamenten, indem es sich in Organgewebe versteckt.

Michael Hopkin

Neuen Studien mit HIV-Patienten in den USA zufolge können selbst die besten derzeit verfügbaren Medikamente das HI-Virus nicht in all seinen Verstecken im Körper beseitigen. Die Entdeckung scheint die Annahme vieler Ärzte zu bestätigen, dass das Virus nie wieder ganz zu entfernen sein wird, nachdem es einmal im Körper Fuß gefasst hat.

Nach Jahren der Behandlung mit aggressiven Medikamenten befindet sich das Virus immer noch in einem Reservoir, speziellem Gewebe, das den Darm umgibt, berichten die Wissenschaftler. Zellen in diesem Gewebe, dem so genannten Darm-assoziierten lymphatischen Gewebe, bleiben mit dem Virus infiziert, selbst wenn der Patient offenkundig gesund zu sein scheint.

Viele Patienten können ihre Infektion mit antiretroviralen Medikamenten unter Kontrolle halten. Diese können die virale Belastung - die Menge Viren, die im Blutplasma zirkuliert - auf nichtmessbare Level reduzieren.

Neue Studien zeigen jedoch, dass selbst bei diesen "nichtinfektiösen" Patienten das Virus im Darm-assoziierten lymphatischen Gewebe lauert und weiterhin Immunzellen des Bluts infiziert.

"Unter Umständen wird es nie möglich sein, das Virus ganz aus dem Körper zu bekommen, selbst wenn es den Leuten gut geht", sagt Antony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bethesda, Maryland, der die Forschungen leitete. Er fügt jedoch hinzu, dass dies nicht bedeutet, dass die Patienten das Virus mit größerer Wahrscheinlichkeit als bislang angekommen an andere weitergeben.

Unheilbar

Die Ergebnisse unterstreichen den Status von HIV als "nichtheilbare" Infektion, auch wenn Ärzte in vielen Fällen in der Lage sind, den Ausbruch des Krankheitsbilds AIDS durch dauerhafte Medikamentengaben abzuwehren.

Derzeit verfügbare Medikamente sind in der Tat so effektiv, dass die meisten der Ansicht sind, eine HIV-Infektion sollte als chronische Krankheit betrachtet werden, die eine lebenslange Therapie erfordert, wie zum Beispiel Diabetes oder Bluthochdruck. "Es ist kein Todesurteil mehr", sagt Deenan Pillay vom University College London, Experte in der antiviralen Behandlung.

Anfang des Monats brach die Eidgenössische Kommission für AIDS-Fragen mit gängigen Konventionen, als sie erklärte, HIV-positive Patienten, die erfolgreich mit antiretroviralen Medikamenten therapiert werden, könnten als "nichtinfektiös" beim Geschlechtsverkehr angesehen werden. Andere Gesundheitsorganisationen halten daran fest, dass der einzige Weg, eine HIV-Infektion zu vermeiden, Safer-Sex ist, insbesondere die Verwendung von Kondomen.

Die neuen Ergebnisse zeigen, dass selbst modernste Medikamente die Replikation des Virus in bestimmten Körpergeweben nicht stoppen können, erklärt Pillay. "Wir haben immer gewusst, dass die derzeitigen Behandlungsoptionen noch nicht ausreichen. Wenn etwas, dann sagen uns diese Ergebnisse, dass noch mehr getan werden muss."

Fauci und seine Kollegen untersuchten acht HIV-Patienten, die seit mehreren Jahren antiretrovirale Medikamente nehmen. Alle waren bei guter Gesundheit mit niedrigen Virus-Plasmaspiegeln. Doch bei Biopsien des Darm-assoziierten lymphatischen Gewebes wurden nach wie vor Viren gefunden und die Anzahl der CD4+-Zellen - Zellen, die durch das Virus angegriffen werden - lag niedriger als normal.

Die Wissenschaftler verglichen darüber hinaus die Virus-DNA des Darmgewebes mit der Virus-DNA weißer Blutkörperchen und stellten fest, dass sie sehr ähnlich waren, was darauf schließen lässt, dass sich Gewebe und Blutkörperchen ständig gegenseitig reinfizieren; das Darm-assoziierten lymphatischen Gewebe ist nicht vom Rest des Körpers isoliert. Die Ergebnisse wurden im Journal of Infectious Deseases veröffentlicht (1).

Frühzeitig eindämmen

Pillay ist der Ansicht, dass HIV-Tests häufiger bei Patienten mit den Grippe-ähnlichen Symptomen einer Frühinfektion durchgeführt werden sollten, um die Menschen ausfindig zu machen, die gerade erst mit dem Virus in Kontakt gekommen sind. Da das Virus das Darm-assoziierte lymphatische Gewebe früh befällt, könnte eine schnelle Intervention die Größe dieses Virenreservoirs begrenzen. Dies wiederum könnte es einfacher machen, Virus-Plasmaspiegel im Verlauf der Erkrankung niedrig zu halten.

Im letzten Jahr forderte Liam Donaldson, Großbritanniens Chief Medical Officer, Ärzte auf, großflächiger auf das Virus zu testen. "Es ist ein Anstieg an Tests zu verzeichnen, was ich persönlich sehr befürworte", so Pillay.

Virenreservoire durch frühzeitige Intervention zu reduzieren, könnte vor allem Patienten, die keinen Zugang zu modernsten Medikamenten haben, zugute kommen, fügt Pillay hinzu.

(1) Chun, T.-W. et al . J. Infect. Dis. doi:10.1086/527324 (2007).

Dieser Artikel wurde erstmals am 14.2.2008 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news.2008.595. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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