Wissen : An was die Deutschen sich erinnern Guido Knopp gründet „Gedächtnis der Nation“

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Wunderbar. Berliner feiern die Öffnung der Mauer am 10. November 1989. Foto: dpa Foto: picture-alliance/ dpa
Wunderbar. Berliner feiern die Öffnung der Mauer am 10. November 1989. Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Es sind wichtige Momente der deutschen Geschichte. 1963 etwa, als John F. Kennedy ausrief: „Ich bin ein Berliner!“ Oder 1989, als die Mauer fiel. Doch was dachten die Menschen, die in der Menge vor dem Schöneberger Rathaus standen? Oder jene, die am 9. November zum Brandenburger Tor strömten? Ein neues Projekt will jetzt Zeitzeugen zu Stationen der jüngsten deutschen Geschichte befragen, ihre Interviews auf Video aufzeichnen und online bereitstellen. Ihre Stimmen sollen ein „Gedächtnis der Nation“ schaffen, so der Titel des Vorhabens. „Eine Nation, die ihr Gedächtnis verliert, ist verloren“, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann am Donnerstag bei der Projektpräsentation in Berlin. Gerade für die Aufarbeitung der beiden deutschen Diktaturen könne es viel leisten.

Erinnerungen vom Ersten Weltkrieg bis heute sollen gesammelt und von zeithistorisch geschulten Redakteuren aufbereitet werden. Dafür stehen schon die Initiatoren, ZDF-Zeitgeschichtler Guido Knopp und Hans-Ulrich Jörges vom Magazin „Stern“, die nicht nur von ihren Medien, sondern auch von Bertelsmann, Daimler und Google unterstützt werden. Vorbild ist die „Shoah-Foundation“ von Steven Spielberg, die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden aufzeichnete.

In den kommenden Monaten fährt ein „Jahrhundertbus“ durch Deutschland, in dem sich Zeitzeugen interviewen lassen können. Ein erster Schwerpunkt soll die „deutsch-deutsche Parallelgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg“ sein. Ebenso werden Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime gesucht. Selbstverständlich versuche man auch Täterstimmen zu sammeln, sagte Knopp, diese würden sich erfahrungsgemäß aber nur selten äußern. Später sollen Themen wie Migration, die Euro-Krise oder die Geschichte der Frauen im Mittelpunkt stehen.

Sehen kann man die Interviews über die Webseite des Projekts (www.gedaechtnis-der-nation.de). Schon jetzt können Nutzer 1800 Interviews abrufen, die aus Fernsehdokumentationen Knopps stammen. Auch bei der Bearbeitung für das Internet werden Elemente genutzt, die man aus den Knoppschen Sendungen kennt. Kurze, gefühlsbetonte Einspielfilme stellen das jeweilige Ereignis vor. Die Zeitzeugen selbst kommen meist in knappen Beiträgen zu Wort, in der typischen Einstellung vor einem dunklen Hintergrund.

Ergänzt werden die von einer Redaktion aufgezeichneten und überarbeiteten Interviews durch einen „Mitmachkanal“. Hier können Außenstehende eigene Videos einsenden, die nach einer Prüfung hochgeladen werden. Das könnte vor allem Schulen ansprechen, die Geschichtsprojekte auf die Beine stellen, sagte Peter Lautzas, Vorsitzender des Geschichtslehrerverbandes.

Kann das Projekt auch etwas für die Wissenschaft bewirken, wie Knopp und Jörges hoffen? Die „Oral History“ hat inzwischen eine lange Tradition in der Geschichtswissenschaft, ist aber umstritten. Nichts ist schließlich trügerischer als das eigene Gedächtnis. Der Historiker Sönke Neitzel, der oft mit Knopp zusammengearbeitet hat, verteidigte den Ansatz gegen mögliche Fallstricke. Es ginge nicht um die Rekonstruktion von Fakten, sondern um Erinnerungsforschung: „Wie haben Zeitgenossen Geschichte wahrgenommen?“ Was sie erinnerten, interessiere da genauso wie das, was sie in ihren Erzählungen ausließen. Eine Sammlung von mehreren tausend Zeitzeugen sei da schon deshalb wertvoll, weil Unis so viele Interviews schlichtweg nicht finanzieren könnten. Tilmann Warnecke

Der Bus, in dem sich Zeitzeugen interviewen lassen können, steht am heutigen Freitag und am 10.10. in Berlin am Fernsehturm sowie am 11.10. am Breitscheidplatz.

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