Angst und Hass an US-Schulen : Trumps verstörte Schüler

Die „aggressive politische Dynamik“, die Amerika seit dem Amtsantritt Donald Trumps beherrscht, verschlechtert das Klima an den Schulen, klagen Lehrkräfte.

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Schüler in den USA arbeiten in einem Computerraum an PCs.
Drohender Klimawandel. Werden Schüler offen diskriminiert, verlieren sie den Anschluss an die Klasse.Foto: imago/ZUMA Press

„Viele Schüler reagierten sehr gestresst und beunruhigt auf die Wahl. Sie äußerten sich besorgt über den Aufenthaltsstatus ihrer Familienmitglieder, über die Gesundheitsversorgung und über LGBT-Rechte.“ Was eine Lehrkraft an einer High School in Pennsylvania über die Stimmung unter ihren Schülern nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten im November 2016 berichtet, gilt offenbar für das ganze Land.

Etliche von Trumps großen Themen – Einwanderung, Reisebeschränkungen für Menschen aus muslimisch geprägten Ländern und Einschnitte bei den Rechten Homo- und Transsexueller – lösen bei Schülerinnen und Schülern in den USA Zukunftsängste und Sorgen um ihr Wohlergehen aus. Das bestätigen 79 Prozent der Lehrkräfte. Befragt wurden sie von Januar bis Mai dieses Jahres durch Wissenschaftler des Institut for Democracy, Education and Access (Demokratie, Bildung und Zugang zu Bildung) an der University of California. 1535 Lehrkräfte an 333 High Schools haben sich beteiligt. Im Juli und August führten die Forscher zusätzlich qualitative Interviews mit 35 Lehrerinnen und Lehrern durch (zur vollständigen Studie geht es hier).

Wachsender Stress und Feindseligkeit in High Schools

Die zentrale Frage des Teams um den Bildungsforscher John Rogers lautete, wie der „polarisierende und streitbare“ Ton, mit dem Trump die politische Debatte in den USA prägt, sich auf die Schülerschaft der Sekundarschulen auswirkt. Schon der Titel der Studie liefert die Antwort: „Lehren und Lernen im Zeitalter Trumps: Wachsender Stress und Feindseligkeit in Amerikas High Schools“. Diese These belegt die Studie mit beunruhigenden Zahlen und Aussagen.

Mehr als jede zweite Lehrkraft berichtet, dass ihre Schüler seit Trumps Amtsantritt vermehrt unter „Stress und Angst auf einem hohen Niveau“ leiden (51,4 Prozent). Verringerte Angst registrierten nur 6,6 Prozent. Die nach Angaben der Lehrerinnen und Lehrer weitaus stärker verbreiteten Befürchtungen der Jugendlichen angesichts bedrohlicher Politikziele Trumps wirken sich auch auf ihre Lernfähigkeit aus. 44,3 Prozent berichten von Konzentrationsschwierigkeiten und vermehrtem Fernbleiben vom Unterricht.

Wer die Abschiebung befürchtet, lernt schlechter

Viele Lehrkräfte hätten den Eindruck, dass Bildungs- und Karriereziele der Schüler unterminiert werden. Wer die eigene Abschiebung oder die der Eltern nach Mexiko befürchtet, verfalle in einen bloßen „Überlebens-Modus“, heißt es.

Doch nicht nur die Sorgen, die sich eingewanderte, sozial benachteiligte oder queere Schüler machen – und wohl auch solche, die mit ihnen sympathisieren –, verändern das Klima im Klassenraum. Auch die Forscher-Frage, ob die „aggressive politische Dynamik“ den Umgang der Schüler untereinander negativ beeinflusse, wird klar bejaht. Mehr als 20 Prozent der Lehrkräfte bestätigen demnach eine „verschärfte Polarisierung“ im Klassenraum.

An vorrangig von Weißen besuchten Schulen komme es zu „entfesselten“ rassistischen, antimuslimischen, antisemitischen oder homofeindlichen Äußerungen. 27,7 Prozent der befragten Lehrkräfte sagen aus, es seien insgesamt mehr herabwürdigende Bemerkungen von Schülern gegenüber Minderheiten zu hören.

Ermutigt, sich nicht mehr "politisch korrekt" zu äußern

Einzelne Schüler, die von zu Hause rassistische Ansichten mitbrächten, fühlten sich „ermutigt“, sich offen rassistisch zu äußern, wird eine Lehrkraft aus Indiana zitiert. Andere bemerken, dass Schüler es nicht mehr für nötig hielten, sich „politisch korrekt“ zu äußern.

All dies verstärke die Ungleichheit im Klassenzimmer und produziere mehr Risikoschüler, kritisieren Studienleiter John Rogers und sein Team: „Schüler, die Opfer verbaler Angriffe werden, ziehen sich aus dem Klassengespräch zurück oder versäumen gar den Unterricht.“

Lehrkräfte wollen eine politische Führung, die für Verständigung wirbt

Was tun, um der teilweise dramatischen Verschlechterung des Schulklimas entgegenzuwirken? Auch danach haben die Bildungsforscher gefragt. Immerhin 40,9 Prozent der Lehrkräfte geben an, dass sich ihre Schulleitungen in diesem Jahr zu den Problemen öffentlich geäußert haben und etwa den Wert des höflichen Umgangs miteinander betonten. Konkret unterstützt fühlte sich aber nur gut ein Viertel der Lehrkräfte. Ganz deutlich wird auch, dass sich die allermeisten einen ganz anderen Politikstil als den Donald Trumps wünschen. 91,6 Prozent wollen eine politische Führung, die in der Bevölkerung eine bessere Verständigung über Unterschiede hinweg propagiert.

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