Anthropologie : Faustkeile gibt es schon länger als gedacht

Die aufwendig hergestellten Steinwerkzeuge nutzte Homo erectus bereits vor 1,76 Millionen Jahren. Damit sind Faustkeile gut 350000 Jahre älter als Anthropologen bisher vermuteten. Das geht aus einer Altersbestimmung der Fundstelle im Norden Kenias hervor.

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Handlich. Faustkeile von Homo erectus, entdeckt in Kenia. Foto: P.-J. Texier/MPK/WTAP
Handlich. Faustkeile von Homo erectus, entdeckt in Kenia. Foto: P.-J. Texier/MPK/WTAPFoto: dpa

Der Faustkeil ist das „Leatherman Tool“ unserer Vorfahren, ein Allzweckwerkzeug, mit dem sie schneiden, schaben und sogar Knochen aufbrechen konnten. Besonderes Kennzeichen: Die Steinrohlinge wurden nicht nur an einer Stelle abgeschlagen, damit eine scharfe Kante entsteht, sondern beidseits. So wurden sie an der Spitze extra scharf, an der gegenüberliegenden Seite entstand ein runder Bogen, der gut in der Hand liegt. Kein Primat hat das bisher zuwege gebracht. Faustkeile sind also etwas zutiefst Menschliches – und zwar seit längerer Zeit, als man bisher glaubte.

1,76 Millionen Jahre alt sind die Faustkeile vom Turkana-See, die bereits bei früheren Expeditionen im heutigen Nordkenia geborgen wurden. Das geht aus einer Analyse hervor, die ein Team um den Geologen Christopher Lepre vom Lamont-Doherty Earth Observatorium in Palisades (New York) jetzt im Fachblatt „Nature“ vorstellt (Band 477, Seite 82). Damit sind die Werkzeuge gut 350 000 Jahre älter als ähnliche Keile aus Konso (Äthiopien), denen Anthropologen bislang den Rekord zugeschrieben hatten. Selbst Funde im heutigen Indien sind mit 1 bis 1,5 Millionen Jahren jünger als die Steinwerkzeuge der kenianischen Fundstelle namens „Kokiselei“.

Das Alter der steinernen Faustkeile kann nicht direkt bestimmt werden, wie es bei hölzernen Werkzeugen mithilfe der Kohlenstoff-14-Methode möglich wäre. Lepre und Kollegen datierten daher die Sedimente, in denen die Artefakte lagen. Es sind feinkörnige Schichten, die von Überflutungen der urzeitlichen Lagerplätze von Homo erectus herrühren. Als die Schlammmassen zur Ruhe gekommen waren, schwebten die feinen Partikel langsam zu Boden. Magnetische Minerale wie Magnetit richten sich dabei nach dem Erdmagnetfeld aus. Dies ändert im Lauf der Erdgeschichte immer wieder seine Polarität – genau das machten sich die Forscher zunutze.

Sie entnahmen mehrere Gesteinsproben und rekonstruierten in einem Speziallabor die Ausrichtung des seinerzeit herrschenden Magnetfelds. Keine einfache Aufgabe, denn die Magnetitpartikel ordnen sich nicht wie Zinnsoldaten vollkommen parallel an. Bei der Sedimentation spielen auch Strömung und Gestalt der Teilchen eine Rolle. Um die magnetische Komponente herauszufiltern, ist eine Statistik mit vielen Körnchen vonnöten.

Dabei zeigte sich: Die Faustkeile von Kokiselei lagen in einer Schicht, die kurz nach einem Polaritätswechsel des Erdmagnetfelds vor 1,78 Millionen Jahren abgelagert wurde. „Wir hatten vermutet, dass diese Fundstelle sehr alt ist“, sagt Lepre. „Aber als die geologischen Daten nahelegten, es sei der älteste Beleg der Acheuléen-Kultur der Welt, war ich sprachlos.“ Er bezieht sich damit auf eine Phase der Altsteinzeit, die durch das Auftreten von Faustkeilen gekennzeichnet ist.

Bereits zuvor hatten Hominiden Steinwerkzeuge hergestellt. Das waren aber nur einseitig abgeschlagene Gerölle. Faustkeile waren größer und hatten kantige Ecken, mit denen zum Beispiel Elefanten zerlegt werden konnten. Die Fähigkeit, solche Werkzeuge zu entwickeln, wird als maßgeblicher Fortschritt in der Hirnentwicklung gewertet und Homo erectus zugeschrieben.

In Kokiselei fanden Anthropologen beide Werkzeuge. Nach Ansicht der Autoren lasse das vermuten, der pfiffige Homo erectus und sein primitiver Cousin Homo habilis lebten zur gleichen Zeit in dieser Gegend. Woher die Faustkeile kamen – ob sie in der Nähe „erfunden“ oder aus einem fernen Ort importiert wurden – bleibt offen. Ebenso wie die Frage, warum die Vertreter von Homo erectus, die in Europa und Asien zu dieser Zeit lebten, keine Faustkeile hatten. Lepre und Kollegen vermuten, dass es mehrere Gruppen von Hominiden gab, die zeitlich versetzt Afrika verließen. Die ersten Auswanderer kannten die neue Technik wohl noch nicht, sie kam erst vor einer Million Jahren mit Migranten in den Mittelmeerraum.

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