Antibiotika : Infektionen sollen gezielter behandelt werden

Medikamente gegen Krankheitserreger retten Menschenleben. Damit das so bleibt, sollte der Einsatz von Antibiotika verbessert werden, sagen Infektionsexperten.

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Ungesundes Wachstum: Nachweis von Bakterien in der Petrischale.
Ungesundes Wachstum. Nachweis von Bakterien in der Petrischale.Foto: Imago

„Das Buch der Infektionskrankheiten kann geschlossen werden“, sagte 1972 der amerikanische Mediziner Jesse Steinfeld, oberster Berater der Regierung in Gesundheitsfragen. Die Zuversicht war voreilig, auch wenn sie gute Gründe hatte: bessere Hygiene, Impfprogramme und Medikamente. Alle drei haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die Lebenserwartung gestiegen ist.

Kann sich heute jeder Zweite Gedanken darüber machen, wie er seinen 80. Geburtstag feiern möchte, so erreichten zu Beginn des Industriezeitalters, vor 150 Jahren, kaum mehr als ein Drittel der Einwohner Liverpools das 40. Lebensjahr, 60 Prozent der Todesfälle waren Folge einer Infektionskrankheit. Oft starben Kinder an Diphtherie oder Lungenentzündung. „Wenn wir an diesen Fronten schwächeln, hat das gravierende Folgen“, warnte Norbert Suttorp, Infektionsmediziner an der Berliner Charité, auf einem Symposium der Paul-Martini-Stiftung in Berlin.

Patienten bekommen oft nicht früh genug Antibiotika - und dann zu lange

Bakterien sind anpassungsfähig, sie verändern sich und machen dadurch ehemals scharfe Schwerter stumpf. „Ohne wirksame Antibiotika schlittert die moderne Medizin in die Krise“, sagte der Infektionsforscher Stefan Kaufmann, der die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina vertrat. Viele Operationen sind nur unter ihrem Geleitschutz denkbar. Gerade dabei wird heute einiges falsch gemacht: Eine Analyse von fast 35 000 Fällen ergab, dass in den USA nur 56 Prozent der Operierten die Antibiotika früh genug bekamen, dafür aber in 60 Prozent der Fälle zu lange. Für Europa ergaben Studien ein ähnliches Bild.

Der Versorgungsatlas des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung belegt, dass auch niedergelassene Ärzte Antibiotika nicht immer nach den geltenden Leitlinien verwenden. So werden bei einer Bronchitis oder einer Lungenentzündung zu häufig Mittel aus den Gruppen der Cephalosporine und der Fluorchinolone eingesetzt, auffallend selten Penicillin. Winfried Kern, Infektiologe an der Uni Freiburg, rät dringend dazu, bei Atemwegsinfektionen streng zu prüfen, ob ein Antibiotikum sinnvoll ist, auch wenn der Patient sich ein Rezept wünscht. Generell sollte kürzer und gezielter behandelt werden.

Der "Monsterkeim" MRSA verliert an Bedeutung

Resistenzen sind vor allem in ärmeren Ländern ein wachsendes Problem. „Dort werden Antibiotika oft ungerichtet eingesetzt, ohne viel Erreger-Diagnostik“, sagte Tim Eckmanns vom Robert- Koch-Institut in Berlin. Mit tragischen Folgen, etwa für mangelernährte Kinder, die Antibiotika brauchen und denen sie nicht mehr helfen. Die WHO ist alarmiert. In diesem Jahr hat sie erstmals auf der Basis von Daten aus 114 Ländern eine Bestandsaufnahme veröffentlicht, für 2015 kündigt sie einen Aktionsplan an.

Aus deutschen Kliniken gibt es Positives zu berichten. Der Atlas des Europäischen Netzwerkes zur Überwachung von Antibiotika-Resistenzen zeigt, dass der berüchtigte „Monsterkeim“ MRSA, ein Staphylococcus aureus, der gegen das Mittel Methicillin und andere unempfindlich ist, an Bedeutung verloren hat. Stattdessen haben die Resistenzen bei Bakterien mit einem anderen Aufbau der Zellwand („gram-negative“ Erreger) deutlich zugenommen. Dazu zählt das Darmbakterium Escherichia coli und die Mikrobe Klebsiella pneumoniae.

Einen Punkt in der europäischen Statistik bezeichnet Eckmanns als Katastrophe. In Griechenland liegt der Anteil der Klebsiellen, die gegen Reservemittel aus der Gruppe der Carbapeneme unempfindlich sind, bei 60 Prozent. In Italien ist er in wenigen Jahren von rund einem Prozent – dem Niveau, auf dem Deutschland liegt – auf fast 27 Prozent gestiegen. Die World Alliance Against Antibiotic Resistance reagierte im Sommer mit der Pariser Erklärung. Auch das Paul-Ehrlich-Institut mahnte zum Aufsparen von Breitbandantibiotika für abwehrgeschwächte Patienten mit lebensbedrohlichen Infektionen. Und generell zum umsichtigen Einsatz von Antibiotika: „Sie sind ein schützenswertes Gut.“

Sanfte Attacke: Neue Mittel sollen Bakterien nicht töten, sondern entwaffnen

Auch, weil es kaum neue Mittel gibt. „Die vorhandenen Antibiotika haben zudem nur wenige Angriffsziele, so dass es leichter zu Resistenzen kommt“, sagte der Chemiker Stephan Sieber von der TU München. Die Medikamente hindern die Erreger an der Vermehrung, blockieren die Bildung bestimmter Eiweiße, stören die Bildung der Zellwände und setzen sie damit unter hohen Selektionsdruck. Sieber und seine Kollegen arbeiten dagegen mit Abkömmlingen natürlicher Verbindungen, die den Erregern eleganter zusetzen sollen: „Unsere Substanzen töten die Bakterien nicht, können sie aber entwaffnen.“ Die Keime verlieren die Fähigkeit, giftige Proteine und kleine Moleküle zu bilden, die ihnen bei der Ausbreitung helfen und die bei einer Blutvergiftung (Sepsis) verheerend wirken. Im Labor und in ersten Tierversuchen hat das geklappt.

Die Forscher hoffen, dass Bakterien, die ihre Waffen statt ihr Leben verlieren, nicht unter dem Druck stehen, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen und resistent zu werden. Mit den geschwächten Erregern könnte das Immunsystem des Kranken selbst fertig werden, eventuell mithilfe von Antibiotika, die im Normalfall nichts gegen sie ausrichten. Ein weiterer Vorteil: Die Darmflora, das Mikrobiom, würde nicht gestört.

Im Auditorium wurden allerdings Bedenken laut, dass Erreger wie Staphylococcus aureus weitere Waffen in ihrem Arsenal haben. Waffen, die sie erst zücken, wenn sie die gewohnten Eiweiße nicht mehr bilden können. „Für das Verständnis der Bakterien wird diese Forschung aber einen großen Fortschritt bedeuten“, urteilte der Mikrobiologe Georg Peters von der Uni Münster. Gegen große Versprechungen wie die vom endgültigen Sieg gegen die Infektionskrankheiten sind die Infektionsforscher heute anscheinend immun.

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