Wissen : Anwesenheitskontrolle ausgesetzt

Protestierende Studenten der Humboldt-Universität erreichen Teilsieg – und stellen weitere Forderungen. SPD konkretisiert „Pakt für Studienqualität“

Seit Wochen protestieren Studierende bundesweit gegen eine Verschulung des Bachelorstudiums und auch gegen Anwesenheitskontrollen bei den Lehrveranstaltungen. An der Humboldt-Universität setzten die Studierenden am gestrigen Dienstag eine Schnellentscheidung des Akademischen Senat (AS) durch, von sofort an bis zum Semesterende im Februar auf die Anwesenheitskontrollen in den Bachelorstudiengängen zu verzichten. Der Beschluss wurde bei einer Enthaltung einstimmig gefasst. Die Anwesenheitskontrollen stehen in engem Zusammenhang zu den Modulprüfungen, die in jedem Semester abgelegt werden müssen.

Außerdem bekamen die Studierenden gestern die Zusage von Präsident Christoph Markschies, der AS werde im Januar 2010 zu einer Sondersitzung zusammenkommen.

Die Studierenden kündigten eine Vollversammlung nach der Weihnachtspause am 6. Januar an. Dabei sollen konkrete Anträge für den AS formuliert werden. Die Protestteilnehmer der Humboldt-Universität präsentierten dem AS ein mehrseitiges Papier mit Reformvorschlägen. Darin fordern sie eine Verlängerung der Regelstudienzeiten für Bachelorstudiengänge auf acht Semester unter der Bedingung, dass für das anschließende Masterstudium vier Semester erhalten bleiben. Im Übrigen solle der Master als Regelabschluss gelten. In das Bachelorstudium solle ein Modul „Wahlfreiheit“ eingeführt werden, um ein „Studium generale“ in allen Studiengängen zu ermöglichen. Außerdem sollten nicht alle Prüfungsnoten vom ersten bis zum achten Semester in die Abschlussnote eingebracht werden müssen. Eine Zwangsexmatrikulation, sofern ein Studierender eine Prüfung dreimal nicht bestanden hat, wird abgelehnt. Institute mit hohen Abbrecherquoten seien rechenschaftspflichtig. Außerdem fordern die Studierenden mehr Stellen für wissenschaftliches Personal.

In den Gremien verlangen die Protestierenden die Einführung gleicher Stimmenblöcke für alle Gruppen. Sie greifen damit eine frühere Forderung nach der Viertelparität auf. Es sei völlig inakzeptabel, dass die Vertreter der Professoren allein alle anderen Statusgruppen in den Gremien überstimmen könnten. Auch das politische Mandat für die Studentenvertretung gehört zu den Forderungen.

An der FU hatten die Studierenden in der vergangenen Woche die Einrichtung eines Rundes Tisches erreicht.

Unterdessen weisen die neun großen Technischen Universitäten (TU 9) Kritik zurück, bei der Bologna-Reform sei von den Unis „alter Wein in neue Schläuche“ gegossen worden. Die Unis seien lediglich den Vorgaben der KMK und der Akkreditierungsagenturen gefolgt: „Die Zwangsjacke der Akkreditierung lässt uns nun zu wenig Luft zum Atmen“, erklären die TU 9.

Die SPD-Bundestagsfraktion hat am Dienstag ihre Forderung nach einem „Pakt für Studienqualität und gute Lehre“ konkretisiert. Durch eine Bund-Länder-Vereinbarung sollten die Hochschulen unter anderem für 1000 weitere Juniorprofessuren „mindestens drei Milliarden Euro für drei Jahre“ erhalten, heißt es. Im Rahmen des Pakts müssten Studiengebühren abgeschafft und ein „sozial gerechtes Stipendienprogramm“ aufgelegt werden. Die BA/MA-Studienreform müsse länderübergreifend überarbeitet, Studieninhalte sollten im Einzelnen fachspezifisch kritisch überprüft werden. Die SPD fordert außerdem einen breiten „Wettbewerb für gute Lehre“ und einen Ausbau der Studienberatung. U.S./akü/-ry

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