Archäologie : Das Äffchen mit der Schminkdose

In Syrien hat ein deutsch-syrisches Archäologenteam unter dem Königspalast von Qatna eine Grabkammer aus der Bronzezeit entdeckt. Neben zahlreichen Skeletten fanden sie auch Kunsthandwerkliches wie die Skulptur eines Äffchens mit Schminkgefäß.

Amory Burchard

Das bauchige Gefäß ist halb versunken in Scherben, Knochenstücken und Holzresten – und im Staub von vielen tausend Jahren. Doch etwas darin leuchtet warm. Es sind goldene Ringe, Rosetten und Goldbleche. Diesen Schatz in einem Alabastergefäß entdeckte ein deutsch-syrisches Archäologenteam kürzlich unter dem Königspalast von Qatna in Mittelsyrien. Bei dem rund fünf mal sechs Meter großen Raum handele es sich um eine Grabkammer, die vermutlich bis in die Spätphase des Palastes um 1400 vor Christus benutzt wurde, erklärt Peter Pfälzner, Archäologe an der Universität Tübingen und seit 1999 gemeinsam mit einem syrischen Kollegen Grabungsleiter in Qatna.

Als die Archäologen im August dieses Jahres in die Gruft unterhalb des Nordwestflügels des Palastes vordringen, wird ihnen schnell klar, dass sie eine sensationelle Entdeckung gemacht haben. Um das goldgefüllte Alabastergefäß herum stapeln sich Dutzende weiterer Gefäße, mindestens 30 menschliche Schädel und – stets von ihnen getrennt – eine zunächst unübersehbar große Menge von Knochen. Die ganze Fundsituation und die Anordnung der Gegenstände zeigt den Archäologen: Hier handelt es sich um eine unberaubte Gruft, um eine Grabstätte in ursprünglichem Zustand.

Davon zeugen auch Fundstücke, die Grabräuber nicht hätten liegen lassen: ein Siegel in Form eines Skarabäus, eine kleine Steinskulptur eines Affen, der ein Schminkgefäß in den Händen hält und eine menschliche Figurine aus Elfenbein mit einem sehr feinen Gesicht. Letzterer messen Pfälzner und seine Kollegen „kunstgeschichtlich große Bedeutung“ bei. Aufschlussreich seien auch mehrere Gefäße aus Granit – zweifellos ägyptische Importe, die von den Forschern auf 1000 Jahre vor der Entstehungszeit des Grabes datiert werden.

Die Felsengruft aus dem Hanggeschoss des Palastes ist bereits die zweite bedeutende Entdeckung der groß angelegten Grabungskampagne in Qatna, etwa 200 Kilometer nördlich der syrischen Hauptstadt Damaskus gelegen. Im Jahr 2002 entdeckten die Archäologen bereits eine von den zentralen Palasträumen aus zugängliche Königsgruft. 2000 Objekte gruben sie dort aus, darunter Waffen, Verzierungen von Möbeln, Schmuck aus Gold und wertvollen Steinen, Gefäße aus unterschiedlichstem Material, mit Purpur verzierte Stoffe und Rollsiegel.

Die Funde zeugen vom Leben und Sterben der Königsfamilie, vom altsyrischen Totenkult in der Bronzezeit, von einem blühenden Kunsthandwerk – und von weitverzweigten Handels- und Kulturbeziehungen vor 3500 Jahren. Qatna war ein bedeutendes Königtum Syriens im zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Seine Blütezeit erlebte es zwischen 1800 und 1600 vor Christus, damals zählte es zu den mächtigsten Staaten des Orients. Das Ende kam abrupt: Um 1340 v.Chr. wurde die Stadt durch die Hethiter vollkommen zerstört.

Entdecken kann man diese Welt demnächst in Stuttgart: Das Landesmuseum Württemberg zeigt vom 17. Oktober bis 14. März 2010 „Schätze des Alten Syrien – Die Entdeckung des Königreichs Qatna“ mit der nachempfundenen 2002 entdeckten Grabkammer, den wichtigsten Funden und 3 D-Animationen. Die Entdeckung einer weiteren Grabkammer und die Präsentation wenige Wochen vor der Eröffnung kann den Ausstellungsmachern nur gelegen kommen.

Doch in der zweiten Grabkammer ist vieles anders als in der Gruft, die vor sieben Jahren unweit des Thronsaals entdeckt wurde. Auch die Fundstelle unterhalb des Nordwestflügels gehöre architektonisch zum Königspalast, teilt Peter Pfälzner mit. Aber die Anzahl der dort gelagerten Knochen übertreffe die der Fundstücke von 2002 um ein Mehrfaches. Zudem seien sie sehr viel besser erhalten.

Anthropologen der Universität Hildesheim untersuchen die Knochen an der Fundstätte in Qatna, um mehr über die Herkunft der Toten zu erfahren. Noch ist unklar, wer in der Grabkammer bestattet wurde. Inschriften seien nicht vorhanden, erklärt Pfälzner.

Auffällig sei jedoch, dass Schädel und Skelettteile nicht beieinander lägen, sondern zu Gruppen aufgeschichtet worden seien. Holzreste wiesen darauf hin, dass sie in Kisten transportiert worden sein könnten. Womöglich handele es sich um ältere königliche Bestattungen, die aus einer anderen Gruft in diese umgebettet wurden. Denkbar sei aber auch, dass in der jetzt entdeckten Kammer Angehörige der königlichen Familie oder Mitglieder des Hofstaates von Qatna bestattet wurden. Amory Burchard

Die Qatna-Ausstellung im Internet:

www.schaetze-syrien.de

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