Archäologie : Knochenfunde europäischer Frühmenschen

Ein internationales Forscherteam hat in Georgien Knochen von Frühmenschen gefunden, deren Körperbau Merkmale des modernen Menschen und der urtümlicheren Frühmenschen zeigen.

Roland Knauer
Knochenfund
Knochenjob. Museumsdirektor Lordkipanidze am Fundort in Georgien. -Foto: Nature

Die Forscher um David Lordkipanidze, Chef des Nationalmuseums in Tiflis, hoffen, dass ihnen genau diese Mischung Aufschluss darüber geben kann, wie sich aus den urtümlichen Eigenschaften der Gattung Homo über verschiedene Stufen die Körperproportionen des modernen Menschen Homo sapiens entwickelt haben („Nature“, Band 449, Seite 305).

Ausgegraben wurden die versteinerten Knochen dreier Erwachsener und eines Jugendlichen in der Nähe der mittelalterlichen Ruinenstadt Dmanisi im Süden Georgiens. Die rund 1,77 Millionen Jahre alten Fossilien stammen aus einer Zeit, in der sich die Gattung Homo gerade so richtig entwickelte. Erst vor rund 200.000 Jahren ging aus dieser Stammbaumlinie der moderne Mensch hervor. Die Funde zeigen, dass die Dmanisi-Menschen bereits relativ lange Beine und moderne Füße hatten. Damit waren sie ähnlich gute Langstreckenläufer wie Homo sapiens. In ihren Schädel passte mit 0,6 bis 0,8 Litern allerdings gerade einmal die Hälfte der Gehirnmasse eines modernen Menschen. Ebenso urtümlich war ihr zierlicher Körperbau: Bei einer Größe von 145 bis 166 Zentimetern wogen sie 40 bis 50 Kilogramm. Auch die Stellung von Armen und Händen erinnert weniger an den modernen Menschen, bei dem die Handinnenflächen zum Oberschenkel zeigen, wenn die Arme am Körper herabhängen. Beim Dmanisi-Menschen wiesen die Handflächen wie bei urtümlicheren Frühmenschen nach vorn.

„Die Frühmenschen von Dmanisi zeigen ein Mosaik urtümlicher und moderner Eigenschaften“, fasst Ottmar Kullmer vom Senckenberg Museum in Frankfurt zusammen. Er erklärt sich diese Entwicklung mit ersten ausgiebigen Wanderungen der Frühmenschen.

Vor fast zwei Millionen Jahren entwickelte sich Homo erectus

Vor rund 1,85 Millionen Jahren entwickelte sich im Osten Afrikas eine neue Frühmenschenart, die Wissenschaftler Homo erectus nennen. Während die Überreste älterer Arten der Gattung Homo bisher ausschließlich in Afrika gefunden wurden, muss Homo erectus nach Europa gewandert sein. Bereits vor 1,77 Millionen Jahren hatten sehr ähnliche Frühmenschen das heutige Georgien an der Grenze zwischen Asien und Europa erreicht, in der gleichen Zeit tauchten auf der indonesischen Insel Java Frühmenschen auf.

In den verschiedenen Weltgegenden mussten sich unsere Vorfahren an ein anderes Klima und neue Nahrungsquellen anpassen. Waren zum Beispiel gute Läuferqualitäten gefragt, hatten Menschen mit längeren Beinen einen Vorteil und erreichten häufiger das fortpflanzungsfähige Alter. So gaben sie dieses Merkmal weiter. Ob es sich bei diesen Anpassungen in den einzelnen Regionen gleich um eine neue Art handelt, ist strittig. David Lordkipanidze jedenfalls vermeidet für die Funde in Dmanisi den Namen Homo erectus. Doch der Forscher gibt seinen Frühmenschen auch keinen neuen Artnamen – auch wenn die Georgier selbst am liebsten ihren eigenen Homo georgicus hätten.

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