Arzneimittel während der Stillperiode : Medikamente in Mutters Milch

Frauen sind oft unsicher, was in der Stillzeit eingenommen werden darf. In Berlin gibt es kompetente Beratung.

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Geborgen. Stillen ist gut für Babys und ihre Mütter. Etwa die Hälfte von ihnen nimmt während der Stillzeit Medikamente – und fragt sich, welche Folgen das für ihr Kind hat. Foto: imago/Westend61
Geborgen. Stillen ist gut für Babys und ihre Mütter. Etwa die Hälfte von ihnen nimmt während der Stillzeit Medikamente – und fragt...Foto: imago/Westend61

Bekommt mein Baby Bauchweh, wenn ich mit viel Zwiebeln und Knoblauch koche? Kann ich eigentlich nach Herzenslust ausgepresste Zitrone trinken, ohne dem Säugling an meiner Brust später einen wunden Po zu bescheren? Solche Unsicherheiten beschäftigen Mütter während der Stillzeit. Im Vergleich mit der Frage, ob und welche Medikamente in dieser Zeit eingenommen werden dürfen, wirken sie allerdings harmlos. Denn hier stehen akut oder chronisch kranke Frauen und ihre Ärzte oft vor schwierigen Entscheidungen.

Als vor einigen Jahren in Kanada ein Säugling starb, dessen Mutter gegen Schmerzen ein Codein-Präparat eingenommen hatte, war das eine schockierende Nachricht. Es stellte sich heraus, dass das Baby wegen einer genetischen Besonderheit einen veränderten Stoffwechsel hatte. Mit jeder Stillmahlzeit hatte es vor allem Morphin und nicht das Codein erhalten.

Eltern sollten genau beobachten, ob ihr Kind lethargisch wirkt

Ein tragischer Fall, über den in Fachzeitschriften berichtet wurde und der die Behörden in aller Welt alarmierte. In Deutschland reagierte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medikamentensicherheit (BfArM), indem es empfahl, stillenden Frauen nur Einzeldosen des Schmerzmittels zu verordnen.

„Auch wenn Ibuprofen in der Stillzeit Schmerzmittel der ersten Wahl ist – Codein ganz zu verbieten, wäre überzogen und falsch“, sagt Christof Schaefer vom Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité Berlin. Es sei aber extrem wichtig, dass Eltern sich ihr Kind noch genauer anschauen, als sie das ohnehin schon tun, wenn die Mutter in dieser Zeit bestimmte Medikamente nehmen muss. Und dass sie sofort zum Kinderarzt gehen sollen, falls es schläfrig und lethargisch wirkt. „Das Kind aus Toronto hätte man auf diese Weise retten können.“

Als einziges öffentlich gefördertes, unabhängiges Institut dieser Art bietet das Zentrum seit 1988 unabhängige Informationen zur Verträglichkeit von Medikamenten und zur Behandlung auch seltener Krankheiten bei Müttern und werdenden Müttern in Schwangerschaft und Stillzeit an. Mit Einverständnis der Patientin werden der Verlauf der Schwangerschaft und das Befinden des Kindes abgefragt, um mit Hilfe dieser Angaben mehr Erkenntnisse zu bisher unzureichend untersuchten Medikamenten zu bekommen.

Jede zweite Frau nimmt Medikamente in der Stillzeit

Seit 2008 können sich Ärzte, Hebammen und Eltern auch auf der Internetseite www.embryotox.de über die wichtigsten 420 Arzneimittel informieren. Weit über zwei Millionen Besucher zählt man dort jedes Jahr, Tendenz weiter zunehmend. Die meisten Anfragen bei Embryotox betreffen die Zeit der Schwangerschaft, etwa ein Viertel aber auch die Verträglichkeit von Medikamenten für das Baby an der Brust.

Es ist ein Thema, das junge Mütter über Monate beschäftigt: Die aktuelle Empfehlung von Kinderärzten und Ernährungsexperten lautet schließlich, mindestens vier Monate voll und anschließend nach Möglichkeit noch einige Monate flankierend zur ersten festen Nahrung zu stillen. „40 bis 50 Prozent der Frauen nehmen irgendwann in dieser Zeit ein Medikament ein“, berichtet Schaefer. In den USA sollen es sogar neun von zehn stillenden Müttern sein. Immer häufiger nehmen dort schon junge Frauen Mittel gegen zu hohen Blutdruck, Diabetes oder zu hohe Blutfettwerte.

Randomisierte Medikamentenstudien mit Schwangeren und Stillenden sind verboten

Der Zeitschrift „Nature“ war das kürzlich ein Editorial wert. Als sie vor 40 Jahren als Ärztin angefangen habe, sei ihr schnell klar geworden, wie wenig sie auf das Alltagsproblem Medikamente in der Muttermilch vorbereitet sei, schreibt Janet Woodcock, heute Leiterin des US-Center for Drug Evaluation and Research bei der Arzneimittelbehörde FDA. „Ich habe in meiner Ausbildung nie auch nur ein einziges Wort darüber gehört.“ An der Universität von San Diego soll nun die Forschung zum Thema Muttermilch und Medikamente intensiviert werden. Unter dem Dach einer Institution mit dem schönen Namen „Center of Better Beginnings“ entsteht eine Bank für Muttermilch, das „Human Milk Research Biorepository“.

Durch die systematische Nachfrage zum weiteren Verlauf nach der Medikamenteneinnahme im Berliner Zentrum stehe man in Deutschland deutlich besser da als in den USA, sagt Schaefer. Randomisierte Medikamentenstudien mit Schwangeren und Stillenden sind zwar aus nahe liegenden Gründen verboten. Über die Verträglichkeit besonders der schon länger zugelassenen Arzneimittel liegt jedoch viel Wissen aus sogenannten Beobachtungs-Studien vor. Sie werden auch von Embryotox mit den nach der Beratung erhobenen Verlaufsdaten erstellt. Hinzu kommen Fälle, in denen Blutproben der gestillten Babys untersucht wurden. Die Muttermilch selbst zu untersuchen, ist nicht nur technisch schwieriger, sondern letztlich auch weniger aussagekräftig. Denn manche Stoffe, die man dort finden kann, werden gar nicht vom Organismus des Kindes aufgenommen und belasten es deshalb nicht.

Giftigkeit von Medikamenten in der Milch wird meist überschätzt

„Tendenziell wird die Giftigkeit von Medikamenten in der Muttermilch eher überschätzt“, sagt Schaefer. Mit der Folge, dass die junge Mutter entweder auf ein für sie wichtiges Arzneimittel oder auf das Stillen verzichtet. Dabei ist das auch bei schweren chronischen Krankheiten oft nicht nötig. So können einige altbewährte Mittel gegen rheumatische Krankheiten – die sich manchmal in der Schwangerschaft bessern und danach heftig zurückmelden – oder gegen chronisch-entzündliche Darmerkrankungen ohne ernsthafte Bedenken genommen werden. Die neueren „Biologika“ und ihr Einsatz in Schwangerschaft und Stillzeit werden derzeit in Studien untersucht.

Ein besonderes Problem ist Lithium, das in der Psychiatrie etwa gegen bipolare Störungen eingesetzt wird. „Die Substanz kann durch das Stillen in Dosierungen ins Blut kommen, die manchmal knapp unter der Behandlungsgrenze liegen“, erläutert Schaefer. Frauen, die das Psychopharmakon in höherer Dosierung brauchen, bleibt deshalb manchmal nichts anderes übrig, als mit dem Stillen aufzuhören. Das Charité-Zentrum bietet hierzu individuelle Beratungen an.

Die Wirkung auf Embryos ist ungleich stärker

Schon weil es einen glimpflichen Ausweg wie das Abstillen während der Schwangerschaft nicht gibt, ist sie für die Arzneimittel-Spezialisten die schwierigere Phase. „Der Embryo ist viel leichter störbar, er bekommt höhere Dosen von Medikamenten ab, und oft weiß die Mutter dann noch gar nichts davon, dass sie ein Kind erwartet“, gibt Schaefer zu bedenken. Dass es der werdenden Mutter gut geht, ist auch für ihr Baby wichtig.

Doch zugleich kann ihr Kind durch die Medikamente, die sie einnimmt, fürs Leben geschädigt werden. Ohne dass die Eltern wie in der Stillzeit eine Chance hätten, sein Verhalten zu beobachten und rechtzeitig einzugreifen. Thalidomid, besser bekannt unter dem Namen Contergan, ist das bisher eindrücklichste Beispiel dafür. Dank kritischer Arzneimittelzulassungsbedingungen und einer ständigen Beobachtung von Nebenwirkungen in Schwangerschaft und Stillzeit müsse man heute keine Angst mehr vor derart krassen Überraschungen haben, betont Schaefer.

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