Astronomie : Der Himmel auf Erden

Was bringt das neue Jahr, was die Zukunft? Wer einen Blick in die Sterne tun will, landet in Berlin am Fuße des Insulaners in Schöneberg. Zu Silvester ein Besuch im Planetarium.

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I-ich seh den Sternenhimmel oh-oh. Als wäre Hubert Kah gern im Planetarium am Insulaner gewesen.
I-ich seh den Sternenhimmel oh-oh. Als wäre Hubert Kah gern im Planetarium am Insulaner gewesen.Foto: David von Becker

Wenn es in der heutigen Silvesternacht am Brandenburger Tor wieder aussehen wird, als hätte die gesamte Republik eine Sternfahrt in die Hauptstadt gemacht, wenn alle gegen Mitternacht ihren Blick hoffnungsvoll in den Himmel richten, als würde in den Sternen die Zukunft stehen, wenn bunte Raketen das Funkeln vervielfachen, ist astronomisch schon alles gelaufen. Galaktisch korrekt beginnt hier das neue Jahr um 20 Uhr 12 und 51 Sekunden.

Wer wirklich einen Blick in die Sterne tun will, landet in Berlin am Fuße des Insulaners in Schöneberg, oben am Berg steht die größte Volkssternwarte Deutschlands, das Planetarium dazu liegt igluhaft verschneit. Die Mitglieder des Vereins, der seit mehr als 50 Jahren die Sternwarte und das Planetarium betreibt, fallen sich vor Begeisterung gegenseitig ins Wort. Sie tragen stolz ihre eigenen Mitgliedsnummern, als wären sie selbst entfernte Kleinplaneten.

Rolf Preuschmann, Mitglieds-Nr. 994, Vorsitzender des Vereins, klappt in seinem Sessel zurück, der Bart zeigt Richtung Himmel. Das Licht in der Kuppel dimmt ab, Mitglieds-Nr. 5432 wirft den Projektor an.

Wie man gemeinhin über Sterne spreche, das habe in irreführender Art und Weise an Geschwindigkeit gewonnen, hatte Preuschmann schon am Telefon verkündet. Alle denken immer an das Spektakuläre: in Raumschiffen dahinrasen, Zeitzonen überbrücken, die Schwerkraft überwinden, Fesseln sprengen, fremdes Leben entdecken. Dabei ist die Astronomie ein ganz stilles Hobby. Nur möglich in wolkenloser Nacht. Mit Genauigkeit, einem Faible für Technik und Geduld. Die Verfolgung des Himmels hat mehr mit Angeln zu tun als mit dem Krieg der Sterne.

Erstens, sagte Preuschmann, machen wir ja nur Küstenschifffahrt: Wir schaffen es gerade bis zur nächsten Insel, dem Mond.

Zweitens bewege man sich im All nicht kreuz und quer: Dafür gibt es keine geeigneten Antriebe. Stattdessen gibt es nur Raketenantriebe, die entlang der Hohmann-Bahnen, der energieärmsten Kurve zwischen der Erde und einem anderen Planeten, ins All geschossen werden.

Zeit, dass jemand sagt, was es wirklich auf sich hat mit dem Universum. Wie langsam das alles geht. Zeit, dass man Schülern nicht nur erklärt, wie eine Heizung funktioniert, sondern auch, warum es im Winter überhaupt kalt wird. Das sieht Preuschmann als seinen Auftrag an. Aber jetzt steht ein Winterhimmel im Planetarium und der gekippte Herr Preuschmann in seinem Sessel wird ganz still.

Sterne, das sagt man so, hätten im Zeitalter von GPS ihre Bedeutung als Richtungsgeber verloren. Aber stimmt das wirklich? Haben wir sie nicht vielmehr längst auf unsere Erde geholt? In gleicher Funktion?

Der Mensch, der sich vor Jahrhunderten an den Sternen orientierte, landete an fernen Küsten und Kontinenten. Wer sich heute nach den Sternen richtet, landet womöglich in einem teuren Restaurant mit Dampfgarer. Die Sterne verteilen wir als Wegweiser gleich selbst: Wie viele Lichtjahre ist meine Küche von einer Sterne-Küche entfernt? Sterne weisen uns den Weg zu den besten Köchen, den bequemsten Hotels, den bekanntesten Menschen und teuersten Autos. Wer den Sternen folgt, landet auch heute noch an fremden Ufern. Die Navigationskarten in diesen fremden Gefilden sind die „Bunte“ oder der „Guide Michelin“.

„Und jetzt bitte den Blick von außen, geht das?“, ruft Preuschmann in die dunkle Kuppel hinein. „Wir haben ja eine so enge Wahrnehmung, immer nur von der Erdperspektive auf uns selbst zu blicken!“ Wo kann man sich sonst schon einmal von außen sehen? Preuschmann hat hier einen Aufklärungsauftrag. Gut, dass im Planetarium gerade die neue Full-Dome-Technik eingebaut wurde.

Denn plötzlich hat man die Raumschiff-Enterprise-Perspektive, und Doktor Monika Staesche, Mitglieds-Nr. 7925, Leiterin des Planetariums, outet sich als Star-Trek-Fan und der gekippte Herr Preuschmann sagt: „Die Bedingungen, die wir hier zum Leben haben, sind fantastisch.“ Jetzt mal intergalaktisch gesehen.

Es sind ja eigentlich die anderen, die Astrologen, die in die Sterne gucken, um in Wahrheit etwas über die Erde zu erfahren. Die in weiteste Ferne blicken, um Erkenntnisse über Menschen und Ereignisse in nächster Nähe zu gewinnen. Bis hinein in ihren eigenen Charakter. Man müsse die Zusammenhänge nur lesen können.

Sie hatten, erzählt Monika Staesche, im Planetarium mal eine ehrenamtliche Kartenverkäuferin, die goss die Blumen, wenn der Mond in einem Wasserzeichen stand. Doch weiter kam die Astrologie hier nie zur Anwendung. Staesche findet, die Astrologie habe ihre Berechtigung als Lebenshilfe. Vergleichbar mit der Psychotherapie und auch der Religion. Wenn es Menschen hilft, ihr Leben selbstgewisser anzugehen, warum nicht? Die Astronomen hier gucken in die Sterne, weil sie etwas über die Sterne wissen wollen, das ist schon kompliziert genug.

Drei Mal im Monat trifft sich am Montagabend die Astronomische Arbeitsgemeinschaft. Es ist die letzte Sitzung des Jahres, es gibt „Best of und Kekse“. Alle bringen die Bilder mit, die sie im Laufe des Jahres gemacht haben. 2010 war astronomisch schwierig, sagen sie. „Ein Mangel an Ereignissen“: keine Sonnenfinsternis, keine spektakulären Kometen, die Mondfinsternisse vernebelt. Sie haben sich trotzdem in ihren Berliner Dachfenstern und Balkonen in Position gebracht.

Sie geben die Kekse rum. Einer hat aus einer Videosequenz diverse Bilder einer Mondlandschaft übereinandergelegt, sie gemittelt und geschärft, das Rauschen herausgerechnet. Die Zuschauer können auf der pockigen Oberfläche spontan den Apollo-11-Landeplatz finden, sie haben ja auch selbst nachgemessen, dass die Erhebungen rund um einen Krater mit 100 Metern Durchmesser bis zu 4000 Meter hoch sind. Es ist Krater Kopernikus, beobachtet von einem Steglitzer Balkon. Er hat noch den Rosettennebel, drei Stunden Belichtungszeit, den Andromedanebel und die Galaxie M33 dabei.

Ein anderer ist gegen drei Uhr morgens aufgebrochen zur Haveldüne auf der Suche nach Geminiden, einem besonderen Kometenschauer im Dezember. 80 Aufnahmen mit dem Fish-Eye, eine halbe Minute belichtet, Sternschnuppen, und am Rande seines Kuppelbildes flammt die Stadt ins Bild. Die anderen raunen bewundernd. Einer hat die internationale Raumstation ISS verfolgt, alle zollen Anerkennung für diesen weißen Fleck im Schwarz.

Die Füße in Schöneberg, den Mund voll Kekse, den Kopf im All: hier, der Andromeda-Nebel. Mit diesem Sternennebel werden wir in absehbarer Zeit kollidieren, sagt Detlef Hartmann, Mitglieds-Nr. 4270. Ein lustvoller Schauder erfasst die Astronomische Arbeitsgruppe. Es gibt sie quasi schon ewig, Mitglieds-Nr. 99 ist seit 1955 jeden Montag dabei, aber bei der Kollision mit unserer Milchstraße in etwa zwei Milliarden Jahren werden auch sie nicht mehr sein.

Detlef Hartmann, seit 38 Jahren an Bord, Experte für die sogenannte „Deep-Sky“-Beobachtung, hat sich das Auto passend zum Fernrohr gekauft – einen VW-Bus, der sein 300-Kilo-Ungetüm bis in die italienischen Alpen transportieren kann, wo es so dunkel ist, dass die Sterne umso heller leuchten. Zuletzt hat er sich auf einer österreichischen Alm eine Holzhütte mit Stromanschluss als Privatsternwarte eingerichtet.

Die Profis sitzen ja wegen der allgemein gestiegenen Lichtverschmutzung alle auf einem Berg oder in der Wüste. Da stimmen die Bedingungen: sehr hoch, sehr dunkel, klar die Sicht. Fetischisten fahren nach Kreta, Namibia, nach Chile in die Atacama-Wüste.

Aber die Amateure haben einen Vorteil. Sie haben ihre Instrumente ständig zur Verfügung, müssen keinen Forschungsantrag stellen, vor keiner Kommission bestehen, niemand muss Gelder bewilligen. Die Kleinplaneten-Entdeckung zum Beispiel haben die Profis den Amateuren beinahe ganz überlassen.

Auch seinen „Galaktischen Zirrus“ konnte Hartmann so ungestört fotografieren: 1975 erstmals entdeckt, dann jedoch wenig Forschung, wenig Literatur über diesen Staub- und Gashaufen einer Galaxie, der blaues Sternenlicht reflektiert.

Interessant, finden die anderen. Sieht gut aus. Da hat sich noch niemand mit beschäftigt.

Früher, erzählt Hartmann, bekamen sie bei diesen langen Beobachtungen immer Rückenschmerzen und wehe Hälse, wenn sie hinter einem Fernrohr mit automatischer Nachführung in einer bequemen Beobachtungsposition gestartet sind, um sich dann mit dessen Verschiebung langsam um das Gerät zu wickeln.

Heute sitzt Hartmann bei klassischer Musik in seiner Holzhütte auf der Alm am PC und belichtet vier Stunden lang. Seine Ausrüstung macht bessere Bilder als die der Profis in den 60er Jahren. Draußen steuert sich die Nachführung des Fernrohrs vollautomatisch. Nach getaner Arbeit übernachtet er in der Nähe in einem astronomiefreundlichen, das heißt schlecht beleuchteten Hotel.

Man kann heute schon 12,7 Lichtjahre weit gucken, sagt Preuschmann, erst dann ist unser Blick zu Ende.

Und weil jetzt auch die Fotos zu Ende sind, gehen sie noch zum Chinesen essen. Sie runden sich um einen großen Tisch. Die Platte darauf dreht sich und über der Umlaufbahn krosser Enten erzählen sie von dem Hype damals, ab 1950, als das Interesse für die Sterne erwachte: Sputnik, Gagarin, dann die Mondlandung. Die Russen haben im Planetarium Vorträge gehalten, und in der letzten Reihe lauschten die Amerikaner. Es gab eine enorme Eintrittswelle in den Verein, zu den Mittwochs-Vorträgen haben die Leute in den Gängen gelagert.

Erst später hat die Fiktion der Realität den Rang abgelaufen, mit den Reisen ins All, den Helden auf der Kommandobrücke eines Raumschiffes. Wie unendlich langsam wirkte dagegen die echte Nacht durchs Fernrohr! Ab da gingen viele, die Sterne sehen wollten, ins Kino.

Sie erzählen sich, dass auf der Insel La Palma wegen des berühmten Observatoriums Lichtverschmutzung verboten ist, Straßenlaternen zum Beispiel nicht nach oben abstrahlen dürfen. Sie berichten von komplett ferngesteuerten Sternwarten, bei denen man einen Observationsauftrag anmelden kann für 300 US-Dollar die Nacht. Dass das aber natürlich nicht dasselbe sei, wie selber hinter der Linse zu sitzen.

Das Schöne ist ja: Wer mit den Gedanken im Andromeda-Nebel steckt, für den relativiert sich die Welt. Es ist jetzt vollkommen unerheblich, dass zum Beispiel der 176er-Bus verspätet ist – nur ein banaler Zwischenfall in einem kurzen Moment der Menschheit, die als Ganzes auch nur eine kurze Episode des Universums darstellt. Die Sterne, sie entrücken, sie schaffen Distanz.

Heißt das, dass Astronomen generell gelassener sind als andere Erdenbürger? „Das kann man so sagen – 99 Prozent der Zeit, die die Erde besteht, waren wir ja auch gar nicht vorhanden“, sagen sie über ihre Enten hinweg.

Heißt das, die weltliche Sterne sind ihnen schnuppe?

Menschen benutzen die Sterne auf Erden als Kontrastmittel, sie trennen schon ganz früh den Fleißigen vom Faulen, den Schüler ohne Fehl vom Schüler mit Tadel, den Herausragenden vom Durchschnittlichen. Sterne werden als Auszeichnung vergeben, und alle anderen wissen: Wo die Sterne sind, ist oben. So stellt man Hierarchien her.

Und die größte Vermessenheit ist es natürlich, nicht nur einen Stern, sondern den Himmel auf Erden zu wollen: Essen wie Gott in Frankreich, die Firma Rolls Royce baut in ihren Wagen einen „Sternenhimmel“ ein, den man mit einem Griff zur Mittelkonsole ein- und ausschalten kann. Aber das ist natürlich nicht das Gleiche. Ein Autodach ist nicht das All. Auch Rolls Royce hat nicht die All-Macht.

Dort oben leuchtet alles so fern und kostbar – und doch ist es für alle zugänglich, Besitz ist unmöglich. Die Sterne im All einen die Menschheit, die Sterne auf Erden spalten sie.

Es ist jetzt kurz vor Mitternacht, die Hobby-Astronomen, deren Leben tatsächlich von den Sternen bestimmt wird, bezahlen, treten ins Freie und reflexhaft knicken die Köpfe in Planetariumsposition. Der Himmel ist etwas aufgeklart.

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