Augenkrankheit : Lichtempfindliche Linse

Grauer Star: Eine neues Verfahren verspricht ein Leben ohne Brille

Ronald D. Gerste

Nach der Operation des Grauen Stars (Katarakt) soll der Patient im Idealfall ohne Brille eine volle Sehschärfe für die Ferne haben. Doch nicht immer kann die bei dem Eingriff eingesetzte Kunstlinse das Auge auf eine Brechkraft von „null Dioptrien“ bringen. Jetzt gibt es einen Kunstlinsentyp, dessen Brechkraft noch Tage nach der OP geändert werden kann - mithilfe von Licht.

Rund 700 000 Mal im Jahr werden in Deutschland Menschen am Grauen Star operiert, was den meist ambulant durchgeführten augenärztlichen Eingriff zur mit Abstand häufigsten chirurgischen Intervention macht. Die vor allem bei zunehmendem Alter, aber auch nach einer Augenverletzung oder bei bestimmten Erkrankungen wie Diabetes, sich eintrübende Linse des Auges wird dabei mit einem Ultraschallgerät zertrümmert und durch einen sehr kleinen Einschnitt (manchmal nur drei Millimeter oder gar weniger) abgesaugt. Durch diese kleine Öffnung wird eine zusammengefaltete Intraokularlinse (IOL) eingeführt, die sich im Augeninneren entrollt, ihre vorbestimmte Position einnimmt und dem Patienten wieder ein gutes Sehvermögen gewährleisten soll.

Mit der Operation wird nicht nur die störende Trübung beseitigt. Die Brechkraft der Kunstlinse wird nach einer Ultraschallausmessung des Auges kurz vor dem Eingriff so gewählt, dass der Patient anschließend möglichst weder kurz- noch weitsichtig ist, also für Fernsehen und Autofahren keine Brille mehr benötigt und allenfalls für die Nahdistanz, zum Beispiel zum Lesen, eine zusätzliche Korrektur braucht.

Nicht immer indes kommt es zu diesem Wunschergebnis und der Frischoperierte behält eine leichte Kurz- oder Weitsichtigkeit zurück. Bisher gab es verschiedene Möglichkeiten damit umzugehen: der Patient trägt klaglos eine Brille, er unterzieht sich einer Laserbehandlung der Hornhaut oder es wird bei höheren Abweichungen eine neuerliche Operation mit Linsenaustausch vorgenommen.

Jetzt gibt es einen Kunstlinsentyp, bei dem in puncto Brechkraft mit Ende der Operation noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Burkhard Dick, Chef der Augenklinik der Ruhr-Universität Bochum, hat als erster Operateur in Deutschland bei mehr als 150 Patienten, die nach der Operation des Grauen Stars partout ein brillenfreies Leben führen wollten, einen neuen Linsen-Typ eingesetzt, der lichtadjustierbar ist, dessen Brechkraft also durch gezielte Lichtbestrahlung verändert werden kann.

Im Material dieser Kunstlinsen sind lichtempfindliche Silikonpolymere eingebettet. Die gezielte Bestrahlung bestimmter Zonen der Linse mit kurzwelligem Licht mehrere Tage nach der Operation führt zu einer Vernetzung der Silikonpolymere in Teilen der Kunstlinse. Die übrigen Polymere wandern in Richtung dieser behandelten Regionen, was zu einer Änderung der Brechkraft führt. Diese Justierung kann Kurz- und Weitsichtigkeit und selbst eine Hornhautverkrümmung von bis zu zwei Dioptrien ausgleichen.

Für den Augenchirurgen bedeutet der Umgang mit einer lichtempfindlichen Linse eine leichte Anpassung des Arbeitsfeldes. Im OP-Saal wird das Licht tunlichst reduziert, das Operationsmikroskop wird mit einem UV-Filter ausgerüstet. Der Eingriff selbst verläuft wie mit einer herkömmlichen Kunstlinse, die IOL wird erst kurz vor dem Einsetzen aus ihrer schützenden Verpackung entfernt.

Nach dem Einsetzen der Linse wird das Auge schnellstmöglich mit einem Verband abgedeckt. Lichtschutz ist auch in den nächsten Tagen oberstes Gebot. Der Patient trägt eine UV-Schutzbrille, bevor es nach ungefähr zehn Tagen zur Justierung mit Hilfe einer Quecksilberbogenlampe und eines Systems von Mikrospiegeln kommt, die das Licht präzise auf die zur Refraktionsänderung ausersehenen Segmente der Linse lenken. Einen Tag nach dieser Anpassung wird die ganze IOL bestrahlt („Lock-in“), um die verbliebenen Polymere zu deaktivieren und eine ungewollte weitere Brechkraftänderung zu verhindern.

Dick berichtete auf der Tagung der Deutschen Augenchirurgen in Nürnberg über seine bisherigen Ergebnisse. Sämtliche mit einer justierbaren IOL ausgestatteten und über ein halbes Jahr nachkontrollierten Augen hatten nur noch maximal eine viertel Dioptrie Fehlsichtigkeit, 95 Prozent der mit einer solchen Linse ausgestatteten Augen hatten ohne zusätzliche Brille ein Sehvermögen von 0,8 (80 Prozent) oder besser. Dick hält einen Ausgleich von plus/minus zwei Dioptrien mit einer einmaligen Justierung für die Norm des Erreichbaren. Wenn auf das Lock-in verzichtet wird, können lichtempfindliche Linsen offenbar durch wiederholte Fotopolymerisationen mehrfach in ihrer Brechkraft geändert werden. Studien haben Brechkraftänderungen um bis zu 3,5 Dioptrien belegt.

Die Innovation verfeinert das Operationsergebnis bei einem Eingriff, der in den Industrienationen Routine mit höchsten Erfolgsraten ist – weltweit indes bleibt der Graue Star mangels adäquater augenärztlicher Versorgung vor allem in Afrika die Erblindungsursache Nummer eins. Ronald D. Gerste

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