Bachelor-Studium : Mein Professor bin ich

Um den durchgetakteten Unialltag zu durchbrechen, organisieren Studierende eigene Vorlesungen und Konferenzen. Das klingt nach akademischer Revolte. Doch tatsächlich wollen sich schon Bachelors für wissenschaftliche Karrieren fit machen.

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Experiment Lehre. Studierende (hier an der Humboldt-Uni) suchen Publikum für die eigenen Arbeiten.   Foto: HU Berlin/Matthias Heyde
Experiment Lehre. Studierende (hier an der Humboldt-Uni) suchen Publikum für die eigenen Arbeiten.  Foto: HU Berlin/Matthias Heyde

Auf Referate reagiert Marco Heiter allergisch. „Reine Pflichterfüllung“ sind sie für ihn. Zusammenfassen, was andere geschrieben haben, vortragen, was andere schon kennen, Seminar für Seminar für Seminar. „Niemand strengt sich wirklich dafür an“, sagt er, „weil kein Herzblut drinsteckt.“ Gleichzeitig drängt der ständige Berg an Arbeit, das Punktesammeln im Akkord: Da bleibt kaum Zeit für eigene Gedanken. Heiters Vorstellung von Wissenschaft wird das nicht gerecht. Aber das will er sein: Ein Wissenschaftler, auch wenn er noch studiert.

Der durchgetaktete Universitätsalltag fordert den Widerstand der Studierenden geradezu heraus. Marco Heiter, Masterstudent im Fach Kulturwissenschaften an der Humboldt-Universität (HU), hatte irgendwann genug davon, Seminare abzusitzen oder Seminararbeiten für die Schublade zu schreiben – alles für eine Note im Verwaltungssystem. Er wünschte sich ernsthaftes Feedback für seine Ideen, nicht im Kreise eines Kolloquiums, in dem nur Unabgeschlossenes besprochen wird. Ihm ging es um fertige Thesen und um ein richtiges Publikum.

2011 hat er deswegen mit Kommilitonen seines Fachbereichs eine „Student Lecture Series“ ins Leben gerufen, eine Vortragsreihe von und für Studierende. Für seinen ersten Vortrag über seine Bachelorarbeit machte er „viel mehr als für ein Referat“, überlegte lange, wie sich das Thema „ohne 27 Relativsätze“ auf den Punkt bringen ließ. Eine Stunde redete er über Kannibalismus im Film, danach beantwortete er Fragen aus dem Publikum. Im Rückblick sagt er: „Bei so einem Vortrag wächst man über sich hinaus.“

In diesem Sommersemester geht die Student Lecture in die dritte Runde, und auch anderswo erklimmen Studierende die Podien. Sie nennen es einen Akt der „Selbstermächtigung“, etwa der Philosophie-Masterstudent Simon Godart, der gerade eine studentische Tagung über mögliche „Perspektiven nach der Postmoderne“ plant. Es geht um die ganz großen Fragen: Wie kann man nach den „Toden aller Autoren“ Biografien lesen, wie kann man Adorno und Foucault heute verstehen? Am Ende soll es eine Publikation geben. Auch Godart interessiert sich für sein Fach „jenseits der Punkteorientierung“.

Das klingt nach akademischer Revolte. Hätten sich die Studierenden nicht ausgerechnet die biedersten Lehrformate ausgesucht. Konferenzvorträge und Vorlesungen sind klassische Frontaldidaktik. Doch als Revolutionär sieht sich Godart ohnehin nicht: „Ich bin nicht wütend, ich will nur das, was ich gelernt habe, anwenden.“ Schwarzer Anzug, nachdenklicher Zug an der Zigarette. Er ist ein Nachwuchswissenschafler, der es kaum erwarten kann, mit der Karriere zu beginnen.

Tatsächlich bestehen die Studierenden auf ihrer hohen akademischen Leistung, und Holger Brohm ist einer ihrer Qualitätskontrolleure. Brohm betreut als Studienfachberater die kulturwissenschaftlichen Vorlesungen. Nur wenige Arbeiten kommen dafür überhaupt infrage, sagt er. „Aber manchmal lesen wir Dozenten etwas, bei denen wir schade fänden, die einzigen Leser zu bleiben.“ Die Verfasser spricht Brohm gezielt an, etwa die Studentin, deren Bachelorarbeit er betreute und die mit einem Vortrag über Walter Benjamin das Sommersemester eröffnen wird. Vermintes Gelände für eine Studentin, könnte man meinen. Die Benjamin-Forschung fordert selbst erfahrene Germanisten heraus. Ihren „Charme“ bekam die Arbeit für Brohm durch die Recherchen der Studentin im Benjamin-Archiv.

Die Vorlesung sieht Brohm als Chance für Begabte, den wissenschaftlichen Betrieb kennenzulernen. „Wir können sonst nicht viel für sie tun“, sagt er. „Ein Praktikum können wir ja nicht bieten.“ Tatsächlich ist Marco Heiter, der Mitbegründer der Student Lecture, jetzt auf dem Weg zur Promotion. Bei seinem Kannibalismus-Vortrag lernte er, dass das Publikum dem Forscher nicht immer weiterhilft. „Da kamen ganz viele Vorschläge, welche Kannibalismus-Filme ich noch anschauen könnte, aber kaum etwas zu meiner Fragestellung.“ Immerhin war der Hörsaal voll, manchmal sitzen dort nur 15 Zuhörer. Seit es Studienpunkte dafür gibt, kommen mehr.

Als Dozenten probieren sich Studierende nicht zum ersten Mal. Die HU-Vorlesung knüpft an die Tradition der Projekttutorien an. Solche Kurse werden von Kommilitonen geleitet, Thema und Methode bestimmen sie. Anders als die Vorlesungen stehen Projekttutorien tatsächlich für eine Protestkultur. Sie gingen aus den Studentenstreiks Ende der 1980er Jahre hervor und standen für alternative Lehrformen, schräge Themen und Treffpunkte, zum Beispiel in WGs. An der Freien Universität gibt es diese Tutorien seit 2002 nicht mehr, informelle Lesekreise sind selten geworden. Auch die Lehre ist kleinteiliger: Im Magisterstudium trafen sich Studierende aller Semester bei Vorlesungen. Heute sind viele Professoren in Forschungscluster eingebunden.

Die studentischen Vorlesungen passen zur allgemeinen Geschäftigkeit. Bachelorstudiengänge sind praktisch ausgerichtet, erste Forschungsarbeiten entstehen schon nach sechs Semestern. „Wir sind Forscher“, sagen Heiter und Godart. Ihre Kommilitoninnen sehen es nüchterner. Sophie Bunge, die die Organisation der Lecture von Heiter übernommen hat, sagt, dass gute Präsentation auch im Vorstellungsgespräch wichtig ist. Sara Ehrentraut, mitverantwortlich für die „Perspektiven nach der Postmoderne“, spricht offen vom „Faktor im Lebenslauf“. „Es wäre naiv anzunehmen, dass wir uns den institutionellen Zwängen entziehen könnten.“

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