• Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin an der TU Berlin: Berliner, die Museen gehören euch!

Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin an der TU Berlin : Berliner, die Museen gehören euch!

Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin an der Technischen Universität Berlin, forscht begeistert in den Sammlungen der Stadt – und will nicht nur ihre Studierenden mitreißen.

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Die Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy vor dem Alten Museum in Berlin.
Ihr Revier. Die Berliner Museumskultur ist ein Forschungsthema von TU-Professorin Bénédicte Savoy (hier am Alten Museum). Bei...Foto: TU Berlin/Ulrich Dahl

Das Pariser Observatorium war bereits 130 Jahre lang in Betrieb, als die Gebrüder Humboldt nach Paris kamen, in die damalige Welthauptstadt der Wissenschaften und der Künste. Im kommenden Jahr wird ihr Aufenthalt, der sich so folgenreich auf die preußisch-deutsche Geistesgeschichte auswirken sollte, ebendort in einer Ausstellung gewürdigt werden. „Die Gebrüder Humboldt. Das Europa des Geistes“ lautet ihr Titel, und erarbeitet wird sie von Bénédicte Savoy, Professorin für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin, gemeinsam mit Marc Fumaroli, einem der angesehensten Philologen Frankreichs und Mitglied der Académie française.

„Die zu positiven Helden der Bundesrepublik avancierten Brüder Humboldt sind ein wunderbares Beispiel für die deutsch-französische, ja europäische und globale Verflechtung unserer Kulturen“, schwärmt Bénédicte Savoy von ihrem Forschungsgebiet. „Paris war für ein Vierteljahrhundert die Wohn- und Forschungsstätte Alexander von Humboldts. Wilhelm lebte hier entscheidende Jahre seines Lebens. Seine Forschungen werden hier bis heute intensiv wahrgenommen.“

Sie bringt verstaubte Aktenfunde zum Sprechen

Savoy ist bei der Geschichte der deutsch-französischen Kulturbeziehungen in ihrem Element. Im Jahr 2000 machte sie mit ihrer Dissertation über den napoleonischen Kunstraub in Deutschland Furore, einer umfangreichen Arbeit, die im französischen Universitätssystem einer Habilitation gleichkommt und ihr den Weg zur Berufung öffnete. Den ging sie dann allerdings in Berlin, wo sie zuvor bereits am damals von Étienne François geleiteten Centre Marc Bloch gearbeitet hatte und nun ab 2003 als Juniorprofessorin an der TU lehrte. Der Sprung auf die W3-Professur erfolgte sechs Jahre und mehrere Bücher später.

Diese Bücher sind alles andere als trockene Gelehrtenprosa, obgleich es ihnen an Gelehrsamkeit wahrlich nicht mangelt. Aber Savoy besitzt die seltene Gabe, verstaubte Aktenfunde zum Sprechen zu bringen. Gerade weil sie nicht vorgefasste Theoreme zu belegen sucht, sondern neugierig ist auf neue Erkenntnisse und diese Neugier auf den Leser überspringen lässt, macht sie ihn zum Teilnehmer ihrer Exkursionen

Streit um Nofretete als Spätfolge der "Erbfeindschaft"

Sie selbst ist am meisten überrascht darüber, dass ihr die Funde glücken. Warum hat niemand vor ihr die Akten der napoleonischen Zeit, insbesondere die des allmächtigen Museumsgründers, Sammlungsleiters und Kunsträubers Vivant Denon, sorgsam studiert und ausgewertet? Warum hat niemand verfolgt, wie sich die nationale Kränkung durch Napoleons Beutezüge auf die Geschichte des Museums ausgewirkt hat? Und warum hat niemand die politische Sub-Geschichte des Nofretete-Fundes erforscht, aus der sich mit einem Mal die scheinbar wohlbegründeten Rückgabeforderungen ägyptischer Stellen als Spätfolge der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ und des Ersten Weltkriegs entpuppten?

Alle diese Fragen mündeten in Publikationen, die die Kunst- und Kulturgeschichte vorangebracht haben. Und da die Recherche das A und O der historischen Wissenschaften darstellt, betreibt die Professorin sie auch mit ihren Studenten. Indem die Studierenden dem forschenden Lehrer begegnen und selber als Forscher tätig werden, lernen sie mehr als Prüfungswissen – sie lernen zu denken, sagt Savoy. „Meine Studis erlebe ich als sehr aufgeweckte, engagierte, zum Teil recht unangepasste und mutige junge Leute. Sie schaffen es auf wunderbare Weise, sich von den teils schrecklich kompliziert gewordenen Studienordnungen nicht entmutigen zu lassen.“

Mit Charlie Chaplin auf der Museumsinsel

Neue Zugänge zu den musealen Schätzen der Stadt eröffnet Savoy auch auf durchaus populäre Weise. Zum schieren Lesevergnügen geriet die gemeinsam mit Philippa Sissis unlängst herausgegebene Anthologie „Die Berliner Museumsinsel. Impressionen internationaler Besucher 1830–1990“ (Böhlau Verlag, 2013). Der Artikel im „Berliner Lokalanzeiger“ von 1905, „Was zeigen wir den Fremden in Berlin?“, etwa belegt, dass der Umgang mit dem Kulturtourismus durchaus kein neues Problem darstellt, sondern so alt ist wie die Reisemöglichkeiten für (beinahe) jedermann: „Nun, man ,muß’ doch im Museum gewesen sein“, wird darin Volkes Stimme zitiert. Einer, der dort auch gewesen sein „musste“, war Charlie Chaplin – anlässlich seines Berlin-Besuchs im März 1931. Die Presse berichtete ausführlich, nur nicht über den Besuch des Pergamon-Museums, den allein eine englischsprachige Zeitschrift in einer Fotografie festgehalten hat. Savoy hat sie aufgespürt – im Archiv der Staatlichen Museen. Samuel Becketts Besuch in Berlin 1936, festgehalten samt gezeichnetem Lageplan der Museumsinsel im Tagebuch des irischen Dichters und späteren Nobelpreisträgers, darf natürlich nicht fehlen. Schließlich die Zeit der geteilten Museen. Der portugiesische Schriftsteller Vergilio Ferreira berichtet über Ost-Berlin im Jahr 1977: „Im Museum, fast niemand da. In jedem Saal haben Frauen die Aufsicht. Sie blicken stur und abweisend. (...) Anschließend suchen wir ein Restaurant zum Mittagessen. Wir gehen durch leere Straßen.“

Franzosen fühlen sich als Eigentümer der Sammlungen

„Die Berliner Museumskultur war sehr lange international führend“, sagt Savoy und wundert sich: „Oft hat man den Eindruck, dass die Berliner selbst sehr wenig von diesem Reichtum wissen, dass sie sich wenig damit identifizieren. Das ist aus der Perspektive des Auslands irritierend. In England oder Frankreich gibt es ein ganz anderes Eigentümergefühl den öffentlichen Sammlungen gegenüber.“ Und mit der für sie bezeichnenden Ironie deklamiert sie: „Berliner! Die Museen gehören nicht nur mir! Sie gehören auch euch!“

In Berlin ist Savoy weit über die TU hinaus vernetzt, wirkt etwa mit im Exzellenzcluster Topoi, das Räume und Wissen in der antiken Welt erforscht. Dass die Laufbahn der Kunsthistorikerin auch in ihrem Heimatland nicht unbemerkt blieb, belegt die Verleihung der „Insignien eines Ritters im Nationalen Verdienstorden“ durch den Präsidenten der französischen Republik, den ihr Botschafter Gourdault-Montagne im Juni in Berlin überreichte. Er würdigte Savoy als „eine der angesehensten Vertreterinnen Frankreichs in Deutschland“. In ihrer Dankesrede nannte Bénédicte Savoy ihre Beschäftigung mit der deutsch-französischen Kulturgeschichte „un projet de vie et d’amitié“. Ein Projekt des Lebens und der Freundschaft. Eine Berufung eben.

Alexander von Humboldt vermachte übrigens seinen Pariser Schreibtisch samt Schreibzeug und Brille dem Observatorium. 2014 wird dieses Monument deutsch-französischer Wahlverwandtschaft einen Höhepunkt der von Savoy im Musée de l’Observatoire kuratierten Ausstellung bilden.

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