Berliner Unis : Humboldt stellt sich hinter Olbertz

Die Humboldt-Universität verteidigt künftigen Präsidenten im Streit um DDR-Vergangenheit, diskutiert aber über die bisherige Kanzlerin der TU Berlin.

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Unterwegs. Am Montag gab Olbertz sein Amt als Kultusminister ab, am Dienstag bezog er an der Humboldt-Uni ein Büro.
Unterwegs. Am Montag gab Olbertz sein Amt als Kultusminister ab, am Dienstag bezog er an der Humboldt-Uni ein Büro.Foto: ddp

Seit dem Pfingstwochenende wird über die Biographie des designierten Präsidenten der Humboldt-Universität diskutiert. Es geht um die Frage, ob sich Jan-Hendrik Olbertz als Erziehungswissenschaftler in der DDR zu sehr dem Regime angepasst hat. Olbertz, seit dem gestrigen Dienstag nicht mehr Kultusminister in Sachsen-Anhalt, ist von mehreren bekannten Persönlichkeiten heftig kritisiert worden. Aber er hat auch prominente Verteidiger.

Nun verursacht Olbertz’ erste Personalentscheidung für die HU neue Kontroversen an der Uni. Die bisherige Kanzlerin der TU Berlin, Ulrike Gutheil, soll wie berichtet Vizepräsidentin für Haushalt der HU werden. Sie wurde am Montag auf Olbertz’ Wunsch hin vom Kuratorium der HU als einzige Kandidatin vorgeschlagen.

Gutheil gilt als kompetent und engagiert. Doch laufen noch immer staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen sie, nachdem der Landesrechnungshof im Frühjahr 2008 moniert hatte, dass die TU Berlin Gutheil bei einem Mietverhältnis für ihre Privatwohnung begünstigt habe, die der Universität gehörte. Damit verbunden war das Einschreiten des Berliner Senats gegen eine deutliche Gehaltserhöhung, die ihr der damalige TU-Präsident Kurt Kutzler gewährt hatte.

Mehrere Professoren, die sich aber nur anonym äußern wollten, zeigten sich am Dienstag irritiert. Er sei „schockiert“, sagte ein Professor. Gerade weil Olbertz selbst schon umstritten sei, sei es „höflich ausgedrückt: sehr problematisch“, wenn er nun auch noch Gutheil in sein Team hole. Ein anderer befürchtet, dass Olbertz selbst zusätzlich von der Personalie beschädigt werde. Ein weiterer Professor hält die Debatte über Olbertz und Gutheil für „fatal“. Nach der Präsidentenwahl habe es so ausgesehen, als ob sich die HU „jetzt auf die Sache konzentrieren kann“ – und schon stecke sie wieder in einer Personaldebatte. Aus der Professorenschaft ist auch zu hören, Gutheil sei in den schwierigen Finanzverhandlungen für die Berliner Hochschulen „nicht durch starke Positionen aufgefallen“. Aber diese Warnung sei verhallt. Zudem sehe es jetzt so aus, „als ob die TU ihre belastete Kanzlerin an die HU entsorgt“.

Der Studentenvertreter Tobias Rossmann sagt zur Debatte über Olbertz und Gutheil: „Beides zusammen ist unglücklich.“ Die Personalie werde an der Uni „viel diskutiert“, zumal sich auch noch Kanzlerinnen anderer Hochschulen beworben hätten. Rossmann betont, dass für Gutheil die Unschuldsvermutung gilt. Doch hätte sie sich seiner Meinung nach erst an die HU bewerben dürfen, wenn die Ermittlungen eingestellt worden sind. Auch habe Gutheil als TU-Kanzlerin Entscheidungen getroffen, die nicht im Sinne der HU gewesen seien. „Damit hat sie sich beim Personal in der HU-Verwaltung unmöglich gemacht.“

Der „ReferentInnenrat“ der Uni fordert inzwischen den Rücktritt des Kuratoriumsvorsitzenden Rolf Emmermann, der die Findungskommission geleitet hat. Die Studierendenvertreter üben auch heftige Kritik daran, dass das Kuratorium der Uni wiederum keine Entscheidung zwischen Personen ermöglicht.

Olbertz verteidigt seine Wunschkandidatin. „Die Humboldt-Universität muss bedacht sein, sich ein sorgfältigeres Bild zu machen als die Medien.“ Gutheil sei in „eine schwierige Geschichte“ verwickelt, die wegen der nicht vorankommenden Ermittlungen auch noch nicht „ausgeräumt“ sei: „Sie hat Fehler aber korrigiert, im materiellen Sinne ist die Sache ausgeräumt“, sagt Olbertz. Gutheil sei eine „exzellente Fachfrau“, „durchsetzungsfähig“, „kommunikativ“ und „mit Abstand“ die beste Wahl unter den Bewerbern. Die Gremien der Uni sollten sich selbst ein Bild machen. Sollte Gutheil wider Erwarten vom Konzil nicht gewählt werden, werde er einen neuen Vorschlag machen.

Der Kuratoriumsvorsitzende Emmermann betont, Gutheil sei eine „hervorragende“ Kandidatin. Leider sei die Personalie durch Indiskretionen zu früh bekannt geworden, so dass nun „aus allen Rohren auf Gutheil geschossen“ werde. Die HU erwarte aber, dass die Ermittlungen gegen sie eingestellt würden. Dass das noch nicht der Fall sei, sei nicht Gutheils Schuld. Der Rechtswissenschaftler Martin Heger, der Mitglied der Findungskommission war, habe Gutheils Rolle in der TU-Angelegenheit aus juristischer Sicht „detailliert geprüft“ und „keine Bedenken“ gegen ihre Kandidatur vorgebracht.

Auch der Germanist Michael Kämper-van den Boogaart gehörte zur Findungskommission. Die TU-Sache, von der er inzwischen mehrere Versionen kenne, „sei „unangenehm“ für die HU. Aber „moralische Standards“ seien wichtiger: „Es gilt die Unschuldsvermutung.“

Unterstützung aus der Uni bekam Olbertz am Dienstag auch in der Kontroverse um seine Rolle in der DDR. Der Germanist Werner Röcke, der Vorsitzende des HU-Konzils mit 61 Mitgliedern, erklärte, der Vorstand des Gremiums sei „davon überzeugt, dass er mit Professor Olbertz einen hoch qualifizierten Wissenschaftler und Wissenschaftspolitiker für das Präsidentenamt gewonnen hat“. Der Vorstand sehe „die wissenschaftliche, politische und persönliche Integrität von Prof. Olbertz durch die Vorwürfe in keiner Weise in Frage gestellt“ und freue sich auf die Zusammenarbeit.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hatte Olbertz am Freitag vor Pfingsten auf einer Tagung an der FU heftig für dessen zu DDR-Zeiten verfasste Dissertation und Habilitationsschrift kritisiert. Beide Arbeiten seien „von der ersten bis zur letzten Seite dem Marxismus-Leninismus verpflichtet“ und hätten „allein der Stützung und Stabilisierung der SED-Herrschaft“, behauptet Kowalczuk.

Der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme sagte am Dienstag, man wolle offenbar die HU beschädigen. Anders sei nicht zu erklären, warum Olbertz’ Vergangenheit nicht in seinen acht Jahren als Kultusminister in Sachsen-Anhalt thematisiert worden sei.

Der HU-Philosoph Volker Gerhardt sagte, die jetzt aus Olbertz’ Arbeiten zitierten verbalen Zugeständnisse an die SED-Ideologie seien die „leider üblichen Deklarationen“ zum System, ohne die wissenschaftliche Arbeiten nicht veröffentlicht werden konnten. Richard Schröders Kritik, Olbertz sei wissenschaftlich ein „Dünnbrettbohrer“, könne er nicht nachvollziehen, sagt Gerhardt. „Auch deshalb nicht, weil wir einen Präsidenten gewählt und keinen Pädagogik-Professor berufen haben.“ Die Universität solle und müsse an Olbertz festhalten.

Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen im ehemaligen Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit der DDR, hat der HU empfohlen, ihre Entscheidung für Olbertz „im Licht der neuen Erkenntnisse zu überdenken“. Als ehemalige Vorzeige-Universität der SED müsse die HU „besonders daran interessiert sein, zu demonstrieren, dass die mit der DDR-Geschichte gebrochen hat“, sagte Knabe in der „Frankfurter Rundschau“ (Montagsausgabe). Falsch wäre es, die Wahl Olbertz öffentlich zu verteidigen. Die Uni solle vielmehr eine unabhängige Kommission einsetzen, um den Fall Olbertz aufzuklären – hinsichtlich seiner wissenschaftlichen Qualifikation. Seine im Februar 1989 eingereichte Habilitationschrift rufe Zweifel daran wach. Knabe wirft Olbertz einen „ideologischen Kotau“ vor dem SED-Regime vor, der Anfang 1989 nicht mehr nötig gewesen wäre, da damals selbst im Staatssicherheitsdienst schon massive Kritik an der Führung geübt worden sei.

Für ihren Umgang mit der DDR-Geschichte hat die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, die HU in einem Beitrag für den Tagesspiegel (Dienstagsausgabe) scharf kritisiert. So fehlten auf der Website der Hochschule Hinweise auf Studierende, die für ihre kritische Haltung verfolgt, entlassen und exmatrikuliert wurden. Der Kuratoriumsvorsitzende Emmermann sagte, Birthler hätte nicht in ihrer Funktion, sondern nur als Privatperson sprechen dürfen. Sie hebe das Thema auf eine „moralische Ebene“, weil inzwischen klar sei, dass es sich bei dem Vortrag ihres Mitarbeiters Kowalczuk nicht um eine wissenschaftliche Arbeit, sondern nur um „zusammengeklaubte“ Zitate handle.

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