Berliner Unis : Jörg Steinbach neuer TU-Präsident

Kontinuität siegt: TU-Vizepräsident Jörg Steinbach setzt sich bei der Wahl gegen den Mathematiker Martin Grötschel durch. Steinbach will die TU unter die besten fünf deutschen Technischen Universitäten führen.

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Gewählt. Jörg Steinbach und die erste Vizepräsidentin Ulrike Woggon. Foto: Dahl/TUBTechnische Universitaet Berlin/U

Die TU Berlin hat einen neuen Präsidenten gewählt: den 53-jährigen Prozesswissenschaftler Jörg Steinbach, der sich mit 33 Stimmen gegen den 61-jährigen Mathematiker Martin Grötschel durchsetzte, der 27 Stimmen bekam. Es gab eine Enthaltung. Zur ersten Vizepräsidentin wurde Steinbachs Kandidatin gewählt, die Physikerin Ulrike Woggon – mit 39 Stimmen.

Dass es ein knappes Rennen werden würde, war klar geworden, als Steinbach kurz vor dem Bewerbungsschluss im Oktober seine Kandidatur erklärte – vielleicht, weil er bemerkt hatte, dass Grötschel Gegenwind aus der linken und gewerkschaftsnahen „Reformgruppe“ im Akademischen Senat entgegenblies. Ein Gegenkandidat konnte also nicht als völlig chancenlos gelten. Die Professoren im Wahlgremium, dem Erweiterten Akademischen Senat, haben mit 31 Stimmen gegenüber den Studierenden, den wissenschaftlichen und sonstigen Mitarbeitern, die je zehn Stimmen haben, die Mehrheit.

Unter den Professoren können weit mehr Unterstützer für Grötschel vermutet werden als für Steinbach, selbst wenn sie nicht komplett geschlossen hinter Grötschel standen, wie das Wahlergebnis zeigt. Dass es gleichwohl einen Graben zwischen den Steinbach- und den Grötschel-Anhängern gibt, zeigten Kommentare nach der Wahl. Steinbach habe „nicht die Mehrheit der Hochschullehrer“ und müsse zuallererst „deren Vertrauen aktiv gewinnen“, sagte Physik-Professor Christian Thomsen. Sollten die Professoren als Reaktion auf die Wahl Steinbachs jetzt mit ihren Leistungen nachlassen, „klappt hier alles zusammen“. Es sei im Vorfeld zu großen „Verhärtungen“ zwischen den Lagern gekommen, sagte Hannelore Reiner von den sonstigen Mitarbeitern – in den zwanzig Jahren, die sie an der TU sei, habe sie das in dieser Form „noch nie“ in einem Wahlkampf erlebt. Steinbach bestätigte nach der Wahl „eine gewisse Polarisierung“ an der TU. Er werde als erstes „eine Brücke zu den Unterstützern meines Wettbewerbers bauen“. Noch vor seinem Amtsantritt am 1. April solle sich die TU wieder als „Einheit“ präsentieren.

Im Vorfeld war die Wahl zur Richtungsentscheidung stilisiert worden. Der renommierte Wissenschaftler Grötschel stand dabei für einen deutlicheren Exzellenzkurs, Steinbach für eine demokratischere Hochschule. Bereits im Vorfeld hatten mehrere Professoren erklärt, sie wollten sich an größeren TU-Projekten nicht mehr beteiligen, sollte Steinbach die Wahl gewinnen. Für einige mag dabei auch eine Rolle gespielt haben, dass Steinbach ein Disziplinarverfahren gegen die TU-Kanzlerin und den jetzigen Präsidenten Kurt Kutzler geleitet hat und sich so zum Nestbeschmutzer gemacht habe.

Vor etwa 150 gespannten TU-Angehörigen hatten die beiden Kandidaten vor der Wahl am Mittwoch in 20-minütigen Vorträgen noch einmal um Stimmen geworben. Steinbach hielt dabei die rhetorisch ausgeklügeltere Rede und konnte auch in der folgenden Debatte mehrfach gegen Grötschel punkten, der sich manchmal nur schlicht seinem Vorredner anschloss oder zugeben musste, sich in den Details der TU-Verwaltung noch nicht gut genug auszukennen, um Auskunft geben können.

In seinem Vortrag entwarf Steinbach das Bild einer TU, die noch weiter bei der Forschung zulegt, dabei aber trotzdem „nicht zu einer Zwei-Klassengesellschaft“ wird, sondern für „ein neues Miteinander“ steht, in dem alle Statusgruppen gleichberechtigt einen „von gegenseitigem Respekt geprägten Diskurs“ führen. Damit versuchte Steinbach, sowohl die Professoren als auch die Verwaltungsmitarbeiter zu gewinnen.

Gleich am Anfang packte er die Uni bei ihrem Stolz. Er versprach, sie unter die „Top 5“ der Technischen Unis zu führen und erinnerte an jüngste Forschungserfolge: „Als Präsident werde ich dafür sorgen, dass diese und weitere Erfolge zur Reputationssteigerung unserer TU Berlin führen!“, rief Steinbach. Dazu müsse „ein Ruck durch unsere TU gehen, der zu einem effizienten Zusammenwirken der Fakultäten führt“, sagte er.

Diejenigen Uni-Angehörigen, die befürchten, der neue Präsident könne die Ressourcen innerhalb der Uni verschieben, beruhigte Steinbach: „Das Restrukturierungspotenzial ist längst erschöpft.“ Er sei der festen Überzeugung, dass ein erneutes Infragestellen aller Einrichtungen und Funktionen dieser Universität kontraproduktiv ist. „Die TU würde sich erneut und ohne Not für ein bis anderthalb Jahre in ihrer guten Entwicklung lähmen!“, sagte Steinbach.

Steinbach präsentierte sich als Kandidat, der für Kontinuität steht. Schließlich ist er schon seit acht Jahren Vizepräsident, aber auch jünger als sein Kontrahent Grötschel, wie er andeutete, kommt also für eine zweite Amtszeit durchaus infrage. Auf Kontinuität und Erfahrung angewiesen sieht Steinbach die von der TU bereits in der ersten Runde der Exzellenzinitiative eingeworbenen Projekte, die nun in der zweiten Runde verstetigt werden müssten. Bei der Entwicklung neuer Projekte müsse „das zukünftige Präsidium integrierend auf den Gesamtprozess einwirken, um der Gefahr zu begegnen, dass durch die Exzellenzinitiative eine Desintegration der Universität eintritt“, sagte Steinbach. Den Studierenden versprach Steinbach ein Studium in großer Nähe zur Forschung. Schon von Anfang an müsse das Motto „Triff den Star!“ heißen.

Grötschels Vortrag schien weniger gut strukturiert, auch verhaspelte sich der Mathematiker immer wieder, so dass der Eindruck entstehen konnte, er habe sich weniger intensiv vorbereitet. Allerdings machte er auch deutlich, dass er nicht aus „persönlichem Ehrgeiz“ angetreten sei, „sondern ganz einfach, weil ich meiner Alma Mater etwas von dem zurückgeben will, was ich von ihr erhalten habe“.

Grötschel, der im Vorfeld viele TU-Angehörige durch sein forsches Auftreten verschreckt hatte, zeigte sich lernbereit: Er habe bei Rundgängen durch die Uni in den vergangenen Wochen viele neue Erkenntnisse gesammelt. Um dem Verdacht entgegenzutreten, er wolle eine „Zwei- Klassen-Gesellschaft“ an der TU einführen, verwies er auf seinen Führungsstil am Matheon und am Konrad-Zuse-Zentrum. Wer anderes behaupte, betreibe „miese Negativpropaganda“. Anders als Steinbach, der Grötschel nicht direkt attackiert hatte, griff Grötschel seinen Konkurrenten mehrfach an. So fragte er ins Publikum, ob die Uni „wirklich Konflikte einer auslaufenden Amtsperiode in die nächste Amtszeit mitnehmen“ wolle – eine Anspielung auf Steinbachs Rolle in der Führungskrise der TU. Auch betonte Grötschel, er trete nicht an, „um Präsident von irgendetwas zu werden, Präsident egal welcher Universität oder welcher Institution“ – das kann als Anspielung auf Steinbachs Versuche, Präsident in Bielefeld oder Siegen zu werden, gesehen werden.

Vor der Wahl hatte Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner gesagt, er wünsche sich mehr Harmonie zwischen den Uni-Präsidenten und zwischen Universitäten und Senat – und dabei besonders von seiner Einstein-Stiftung gesprochen. Jörg Steinbach dürfte ihm den Gefallen nicht tun. Er erklärte vor der Wahl, die Unis hätten für 2010 und 2011 nur die Hälfte der eigentlich benötigten Mittel vom Senat bekommen. Die andere Hälfte der Grundfinanzierung stecke in der Einsteinstiftung und sei zum Teil in die Kitas umgeleitet worden: „Es liegen Gelder in der Beuthstraße, die uns als Unis bitter fehlen“, sagte Steinbach. Die neuen Präsidenten der drei Unis sollten sich erneut um eine bessere Lösung bemühen.

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