Bildung : Berliner Unis für Studium ohne Abitur

Die Bildungsdebatte in Deutschland wird wieder neu belebt - durch einen Vorstoß des Präsidenten der Humboldt-Universität. Christoph Markschies will Begabte an die Unis holen - allein ein Aufnahmegespräch soll für eine Teilnahme reichen.

Amory Burchard

Berlin "Ich will Begabte an die Universität holen, die durch ihre Lebensgeschichte und ihren familiären Hintergrund keine Chance hatten, Abitur zu machen", sagte HU-Präsident Christoph Markschies am Sonntag dem Tagesspiegel. Auch der Präsident der Technischen Universität Berlin, Kurt Kutzler, plädiert für "eine Strategie, exzellente Fachkräfte unkonventionell an die Uni zu bringen".

Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität, beklagt, dass in Berlin bislang jährlich weniger als 100 Studierende aus dieser Gruppe an den Unis aufgenommen würden. Angesichts des demographischen Wandels sei es "wichtig, weitere Zugänge zur Universität zu schaffen".

Markschies sieht in seinem Vorstoß eine Möglichkeit, den fatalen Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen aufzubrechen. Bis es dem Schulsystem gelänge, Schüler aus bildungsfernen Familien besser zu integrieren, seien die Hochschulen aufgefordert, ihnen größere Chancen einzuräumen. Ihm sei ein "hochmotivierter und gut ausgebildeter Meister ohnehin lieber als ein durchschnittlich qualifizierter Abiturient", sagt TU-Präsident Kutzler.

Die Präsidenten reagieren auf den gravierenden Fachkräftemangel in der Wirtschaft, vor dem auch die OECD zuletzt im September gewarnt hatte. Deutschland bilde zu wenig Akademiker aus, um mit anderen Industriestaaten konkurrieren zu können. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kündigte daraufhin an, den Zugang zum Studium für Berufstätige zu erleichtern.

Ohne Abitur zu studieren, ist heute schon möglich. Aber das sei kaum bekannt, sagt Markschies. Die HU wolle nun zusätzliche Beratungen und eine Informationsseite im Internet einrichten. Die Zulassung von Studierenden ohne Abitur müsse auch entbürokratisiert werden. Weiterhin müssten Bewerber einen Realschulabschluss, eine Ausbildung und vier Jahre Berufserfahrung haben. Im Berliner Hochschulgesetz gibt es aber weitere Hürden. Bislang müssen Bewerber ein Beratungsgespräch an ihrem Fachbereich überstehen und können anschließend für zwei Semester befristet zugelassen werden. Eine richtige Zulassung bekommen sie erst, wenn sie die verlangte Zahl von Seminaren und Vorlesungen besucht und Klausuren bestanden haben. Markschies will sich dafür einsetzen, dass die Zwei-Semester-Frist aufgehoben wird. Über die Zulassung zum Studium solle nur noch ein Aufnahmegespräch entscheiden. In den Grundlinien seines Vorstoßes sei er sich auch mit Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) einig.

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