Bildung : Die Grenzen zwischen den Fächern aufbrechen

„Topoi“ und „Muslimische Kulturen“: Zwei geisteswissenschaftliche Exzellenzprojekte an der Freien Universität stellen sich vor.

Eva Maria Götz
FU Berlin
Logo der Freien Universität Berlin. -Foto:ddp

„In den Bereich der Philosophie gehört ganz sicher auch die Geografie“, schrieb in der Zeit um Christi Geburt der Wissenschaftler Strabon. Für die Menschen der Antike war das Zusammenspiel von philosophischem Weltbild, kosmologischen Vorstellungen, historischen Entwicklungen und geografischen Phänomenen selbstverständlich. Seitdem hat sich die akademische Landkarte stark verändert, die Geo- und die Geisteswissenschaften wurden dabei auseinanderdividiert.

Diese Grenze zwischen den Fachgebieten will der Berliner Exzellenzcluster „Topoi – die Formation und Transformation von Raum und Wissen in der antiken Welt“ nun aufbrechen. „Alle Möglichkeiten, wie man Raum überhaupt aufteilt, vermisst und beschreibt, hängen ja damit zusammen, was man auch an Gedankengebäuden und Raumkonzepten hat“, sagt die Archäologin Friedrike Fless, Sprecherin des Projekts, das im Oktober 2007 im Elitewettbewerb für die deutschen Universitäten erfolgreich war.

„Topoi“ ist eines von drei interdisziplinären, universitätsübergreifenden Vorhaben der Freien Universität Berlin (FU), die im kommenden Semester mit der Arbeit beginnen können, und neben dem Cluster „Sprachen der Gefühle“ das zweite Forschungsprojekt aus dem Gebiet der Geisteswissenschaften (siehe Tagesspiegel vom 5.11.2007).

Erforscht wird der Zusammenhang von Raum und Wissen in der Zeit zwischen 6000 vor und 500 nach Christus in den Kulturen des Vorderen Orients und des Mittelmeerraumes. Die Schwerpunkte liegen im Bereich der Interaktion zwischen Mensch und Umwelt. Welche Eingriffe hat der Mensch in die Natur vorgenommen? Was passierte dann mit der Umwelt? Was gab es für gesellschaftliche Regelungsmechanismen, wie wurden Territorien aufgeteilt und besetzt?

Achtzig Wissenschaftler werden sich an diesem gemeinsamen Projekt von FU und Humboldt-Universität beteiligen, mit dabei sind auch die TU, das Deutsche Archäologische Institut, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Zentrum für Altertumswissenschaften und die ethnologischen Museen. Neue Lehrstühle werden in den Bereichen Geoarchäologie und Historische Geografie sowie Philosophie und Wissenschaftsgeschichte eingerichtet. In fünf Jahren sollen die Forschungsergebnisse in einer großen Ausstellung gebündelt und der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Nicht ganz so umfangreich, aber gesellschaftlich von großem Interesse ist die Graduiertenschule „Muslimische Kulturen und Gesellschaften: Einheit und Vielfalt“. Hier steht die Verbesserung der Doktorandenausbildung im Mittelpunkt: Drei Jahre kann der akademische Nachwuchs auf gesicherter finanzieller und infrastruktureller Basis arbeiten, in einem eigenen Haus mit Bibliothek und unter Anleitung internationaler Wissenschaftler. Es geht vor allem um verschiedene Auffassungen über die Bedeutung des Islam für die Politik. Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer: „Es gibt in der Wissenschaft eine Richtung, die meint, dass Muslime nicht demokratiefähig sind, weil der Koran nicht von Demokratie redet.“ Solche Aussagen seien „von unmittelbarer gesellschaftspolitischer Sprengkraft. Umgekehrt gebe es im wissenschaftlichen Milieu Stimmen, die sagten: Der Koran sei vollkommen irrelevant. Man dürfe bei der Analyse etwa der politischen Verhältnisse in Ägypten gar nicht nach dem Koran fragen, „weil man da die falsche Frage stellt“, sagt Krämer.

Die Doktoranden, die über diesen Fragen brüten werden, kommen aus vielen Ländern und Kulturen und sollen nicht nur für die Hochschule ausgebildet werden. Ebenso wichtig sind Methodentraining und Praktika in Politikberatung, Museen und Medien.

Informationen im Internet: www.fu-berlin.de/info/exzellenzinitiative/

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