Bildungspolitik : Berlin leuchtet

Starke Forschungsregion, starke Universitäten: Die Hauptstadt hat im Bildungssektor ordentlich zugelegt. Im Elitewettbewerb sollte man nun auf Erfolg hoffen - die Förderung könnte dem Standort Berlin eine neue Blüte bescheren.

Anja Kühne,Tilmann Warnecke

Die Freie Universität Berlin (FU) und die Humboldt-Universität (HU) stehen vor einer wegweisenden Entscheidung. Siegen die beiden Hochschulen am 19. Oktober im Elitewettbewerb, könnten sie nach langen Jahren, in denen sie unter Sparzwang, ja unter Existenzangst gelitten haben, einer neuen Phase der Blüte entgegensehen. Berlins scientific community fiele ein schwerer Stein vom Herzen.

Dass keine von beiden Eliteuni wird, kann man sich in Berlin kaum vorstellen. Immerhin stehen zwei würdige Kandidatinnen bereit. Was aber, wenn nur eine von beiden Hochschulen den Status der Eliteuni bekäme? Das wäre aus Sicht vieler Berliner Wissenschaftler ein schreckliches Szenario. Die Verliererin würde sich nicht nur gedemütigt und demotiviert fühlen. Sie könnte in Gefahr schweben, zu einem College für die Ausbildung der Massen degradiert zu werden, während die Siegerin sich bald nur noch um die Besten kümmern müsste. Schließlich ist es das erklärte Ziel der Exzellenzinitiative, Unterschiede zwischen den Hochschulen und deren Funktion herbeizuführen – das dürfte auch für Berlin gelten.

Vielleicht würde aber selbst eine zukünftige Eliteuni in Berlin nur kurz jubeln. Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner (SPD) plant ein Dach über den Unis, eine Superuni (lat. super = über). Hier sollen die „absoluten Exzellenzfelder“ aller drei Berliner Unis mit Bereichen der außeruniversitären Forschung zusammengeführt werden, wie Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit im Juni angekündigt hat. Diese „Überuniversität“ würde sogar einer Berliner Eliteuni die Show stehlen. Denn nicht die Eliteuni, sondern die Superuni wäre die eigentliche Berliner Adresse für die Elite der Forscher, der Masterstudierenden und der Doktoranden aus der ganzen Welt. Sie wäre es, mit der Berlin versuchen würde, Harvard oder Stanford „auf Augenhöhe“ zu begegnen, wie Zöllner formuliert hat. Wie genau die Superuni aussehen soll, will der Senator nach der Entscheidung im Elitewettbewerb bekannt geben, wenn feststeht, wie erfolgreich die Unis tatsächlich waren.

In der Endrunde des Elitewettbewerbs stehen neben der HU und der FU noch Aachen, Heidelberg, Freiburg, Konstanz, Bochum und Göttingen. FU und HU haben eine gute Ausgangsposition. Beide Hochschulen sind forschungsstark, sie sind beliebte Adressen für Spitzenforscher aus dem Ausland und gut eingebettet in eine bundesweit einzigartige Forschungslandschaft. Besonders augenfällig ist die bundesweite Dominanz von FU und HU bei der Zahl der großen renommierten Sonderforschungsbereiche (SFB), die die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert. 26 SFB haben FU und HU mit ihrer gemeinsamen Hochschulmedizin nach Berlin geholt – so viel gibt es in keiner anderen deutschen Stadt. Zum Vergleich: Münchens zwei Universitäten, die beide bekanntlich schon zu Eliteunis gewählt wurden, haben 21 SFBs; die zwei Universitäten in Deutschlands zweitgrößter Stadt Hamburg bringen es gemeinsam gar nur auf sechs. Die Professoren von HU und FU werben pro Kopf die gleiche Summe an Drittmitteln von der DFG ein wie die Kollegen von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU).

Zu „internationalen Leuchttürmen“ sollen die neuen Eliteunis sich entwickeln, so lautet das Ziel des Wettbewerbs. Für ausländische Spitzenforscher gehören Berlins Unis bereits zu den attraktivsten Adressen für einen Gastaufenthalt in Deutschland – erneut zusammen mit München. Nach Angaben der Alexander von Humboldt-Stiftung zieht die FU nach der LMU München die meisten ausländischen Spitzenwissenschaftler an. Die HU liegt auf Platz drei, gefolgt von der TU München. Vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gewinnt die HU unter allen deutschen Hochschulen seit Jahren die meisten Fördergelder für Programme des internationalen Wissenschaftsaustauschs. Die FU steht gleichfalls sei Jahren im DAAD-Ranking in den Top Drei, die Technische Universität Berlin in den Top Fünf.

Berlins Universitäten sind Teil des – gemessen an den aus öffentlichen Töpfen eingeworbenen Drittmitteln – größten deutschen Wissenschaftsstandorts. „Die beiden Forschungsstandorte Berlin und München“ spielen „die führende Rolle“ in Deutschland, resümiert das aktuelle Ranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Und Berlin liegt dabei mit deutlichem Vorsprung vor München. Nirgendwo sonst in der Republik bemühen sich die Wissenschaftler an Hochschulen und außeruniversitären Instituten so erfolgreich um Forschungsgelder wie in Berlin.

Zwischen 2002 und 2004 – dem Zeitraum der letzten umfassenden Erhebung – gingen über 325 Millionen Euro nach Berlin, nach München 261 Millionen. Zum Vergleich: Die Großregion Aachen– Bonn–Köln mit drei Universitäten, an denen zusammen mehr Professoren forschen als an den Berliner Unis, kommt auf 306 Millionen Euro; der Raum Heidelberg–Karlsruhe–Mannheim auf gut 250 Millionen Euro.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den aus dem Bundesforschungsministerium (BMBF) eingeworbenen Drittmitteln. Wieder ist Berlin spitze. 180 Millionen Euro erhielten Berliner Forscher im letzten Jahr vom BMBF, mehr als jeder andere Wissenschaftsstandort. Es folgt in dieser Rangliste Karlsruhe (170 Millionen Euro). München ist hier mit 113 Millionen Euro deutlich hintendran, selbst ganze Flächenstaaten wie Niedersachsen (130 Millionen Euro) oder Hessen (85 Millionen Euro) stehen weit hinter Berlin.

Auch wenn man alle eingeworbenen Forschungsgelder ins Verhältnis zu den Staatszuschüssen setzt, stehen Berlins Hochschulen überdurchschnittlich gut da. In Berlin akquirieren sie auf eine Million Euro an Staatszuschüssen 149.000 Euro an Drittmitteln, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Effizienter, gemessen am finanziellen Aufwand des Landes, sind hier nur Bremen, Brandenburg und Baden-Württemberg. Der Bundesschnitt liegt bei 126.000 Euro Drittmittel pro eine Million Euro Staatszuschüsse.

Als Schwerpunkte der Berliner Wissenschaft sieht die DFG zumal die Geistes- und Sozialwissenschaften sowie die Biowissenschaften und die Medizin, also die Lebenswissenschaften. Das sind auch die Forschungsbereiche, auf die die Freie Universität und die Humboldt-Universität maßgeblich ihre Zukunftskonzepte im Elitewettbewerb aufgebaut haben. „Vor allem die Hochschulen im Berliner Bereich sind in den Geisteswissenschaften gut aufgestellt“, heißt es in dem DFG-Bericht. Keine andere Region reiche da heran. In den Lebenswissenschaften weist die DFG wiederum Berlin gemeinsam mit München, Heidelberg und Göttingen als „intensiv ausgebautes Cluster“ aus.

Die DFG lobt insbesondere, wie gut die Berliner Forschungseinrichtungen in diesen Bereichen untereinander vernetzt sind. Gut für die Chancen im Elitewettbewerb. Denn Vernetzung gilt dort als wichtiges Kriterium. „Mit Blick auf die Zahl der Einrichtungen, mit denen Wissenschaftler einer Hochschule kooperieren, sind die beiden Berliner Hochschulen FU und HU deutlich an der Spitze positioniert“, heißt es etwa für die Biologie. In der Medizin gibt es in keiner Region so viele Unis und Institute (insgesamt zwölf), die bei wichtigen Vorhaben tatsächlich vielfach zusammenarbeiten und nicht nur nebeneinanderher forschen.

Damit ist Berlin eine Forschungslandschaft, die offensichtlich auch Zukunftsindustrien anlockt. Laut einer in diesem Jahr veröffentlichten Biotechnologiestudie des Bundesforschungsministeriums gehört die Hauptstadtregion mit München, dem Rheinland und dem Rhein-Neckar-Gebiet zu den vier Regionen, in denen sich bundesweit die meisten Biotech-Firmen angesiedelt haben.

Fazit: Berlins Unis haben gute Gründe, im Elitewettbewerb auf Erfolg zu hoffen.

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