Bildungsstreik : Die vierte Welle

Gibt es eine neue Studentenbewegung? Jugendforscher und Soziologen streiten über den Bildungsstreik

Amory Burchard,Tilmann Warnecke
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Beflügelt. Margit Meyer von der FU sieht Parallelen des Bildungsstreiks etwa zur Anti-Gentrifizierungs-Bewegung. Foto: Thilo...

Rund 200 000 Schüler und Studierende gingen in der vorigen Woche bundesweit auf die Straße – für bessere Bildung, gegen Zeit- und Konkurrenzdruck an Schulen und Hochschulen. Sie besetzten Institute, blockierten Straßen, skandierten ihre Forderungen vor Unis, Ministerien und Banken: „Wir sind viele, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut.“ – „Bei den Banken sind sie fix, für die Bildung tun sie nix.“ Ist damit eine neue Protestbewegung geboren? Experten für soziale Bewegungen beobachten das Aufbegehren mit großem Interesse, beurteilen die Proteste aber sehr unterschiedlich.

Jugendforscher Klaus Hurrelmann, Mitautor der Shell-Jugendstudie (siehe Kasten) und Professor an der Berliner Hertie School of Governance, sieht nach dem Bildungsstreik Anzeichen für eine „Repolitisierung der Jugend“. Studierende hätten bislang eine gute Zukunftsprognose gehabt. „Aber wenn sie um ihre Chancen fürchten, könnte das Funken für eine neue Protestbewegung schlagen.“ Die an sich unpolitische Generation fordere jetzt ihr individuelles Recht auf gute Lehre ein. „Und dieser Prozess ist wieder urpolitisch“, sagt Hurrelmann.

Von der „vierten Welle“ der Studentenproteste seit der 68er-Revolte spricht Dieter Rucht, Soziologe am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin. 1988/88, 1997/98, 2003/2004: Immer wieder gingen Studierende gegen unzumutbare Verhältnisse an den Massenuniversitäten und für mehr Mitbestimmung auf die Straße. Vor sechs Jahren mobilisierte zusätzlich der Protest gegen die Studiengebühren. „Doch jetzt passiert mehr als in den Wellen davor“, sagt Rucht, Experte für soziale Bewegungen. Die neue Protestwelle sei die bislang größte. Die Schüler, die früher nur am Rande dabei waren, seien jetzt sichtbarer und formulieren Kritik, die sich mit denen der Studenten teilweise deckt: Zu großer Leistungsdruck, weniger Wahlfreiheit und die unzureichende Ausstattung von Bildungseinrichtungen.

Besetzungen von Unigebäuden seien „hochgradig funktional“, weil sie den Betrieb deutlich störten und die weiterhin passive Masse der Studierenden quasi zwängen, zu den Protesten Stellung zu beziehen. Aber selbst wenn auch linksradikale Gruppen den Auftakt des Bildungsstreiks organisiert hätten: Rucht glaubt nicht an die vom Philologenverband aufgebrachte These von der politischen Steuerung. Die Proteste erfassten auch den Mainstream. „Das sind denkende Leute, die auf ihre Interessen bedacht sind und nicht wie die Lemminge hinterherlaufen.“

Auch für die Sozialwissenschaftlerin Margit Mayer von der Freien Universität ist durch die Proteste „etwas Neues entstanden, das in die Zukunft weist“. Bei früheren Studierendenprotesten sei es allein um schlechte Studienbedingungen gegangen. Die aktuellen Proteste würden darüber hinausgehen. Die Studierenden hätten sich mit Schülern verbunden, dem Mittelbau an den Unis und teilweise auch den Gewerkschaften. „Ein Bündnis aller, die von den Missständen im Bildungswesen betroffen sind, hat es in Deutschland lange nicht mehr gegeben“, sagt Mayer.

Vor allem die Verwerfungen durch die Finanz- und Wirtschaftskrise könnten laut Mayer dafür verantwortlich sein, dass die Proteste eine andere Dimension haben als sonst. „Halteseile, die man früher für sicher hielt, werden auf einmal als löchrig empfunden.“ So seien die Bachelor- und Masterstudiengänge auch mit dem Argument eingeführt worden, dass Absolventen besser einen Arbeitsplatz finden, wenn sie das Studium nur schnell abschließen. „Wenn jetzt die Arbeitslosenzahlen als Folge der Finanzkrise explodieren, können sich Studierende darauf nicht mehr verlassen“, sagt Mayer – sie würden sich also verraten fühlen.

Ganz anders bewertet Christian Lahusen, Soziologe an der Uni Siegen, die Aktionen: „Ich sehe nicht, dass hier eine neue Studentenbewegung entsteht. Die Proteste werden nur Strohfeuer bleiben.“ Lahusen sieht bei vielen Studierenden eine Zukunftsangst, die sie auch weiterhin als Einzelkämpfer weitermachen lässt.

Für Mathias Albert, Sozialwissenschaftler an der Universität Bielefeld und Mitautor der Shell-Jugendstudie 2006, sind die Proteste eine „vertane Chance“: „Es hätte ein viel breiteres Bündnis geschmiedet werden können“, sagt Albert. Die Aktivisten hätten auch die Unterstützung von liberalen und konservativen Studenten und vieler Dozenten gewinnen können, wenn sie sich bei den Protesten auf die Kernproblematik – schlechte Lernbedingungen sowie die Unterfinanzierung des Bildungssystems – konzentriert hätten. „Diese Problemdiagnose wird doch von allen Akteuren weitgehend geteilt“, sagt Albert. Überzogen sei jedoch etwa die Forderung, Studiengebühren abzuschaffen. In Nordrhein-Westfalen hätten sich viele Wissenschaftler wegen dieser Forderung von den Protesten wieder abgewendet.

In Frankreich wird bereits seit Monaten an den Unis gegen die Regierung demonstriert, in Griechenland gingen im vergangenen Herbst Hunderttausende auf die Straße. Könnte das einen Einfluss auf die deutschen Proteste gehabt haben? Ja, sagt Margit Mayer. „So etwas beflügelt die Leute. Sie haben das Gefühl: Wir können etwas auf die Beine stellen.“ Auch in den USA protestierten derzeit Studierende und Lehrende, weil die Kosten für die Ausbildung immer mehr steigen.

Christian Lahusen warnt allerdings davor, zu große Parallelen etwa zwischen Frankreich und Deutschland zu ziehen. So seien viele französische Gewerkschaften kleiner und radikaler als die deutschen und würden viel stärker den Schulterschluss mit anderen gesellschaftlichen Gruppen wie den Studierenden suchen, um ihre Forderungen gegenüber der Regierung durchzusetzen. „Diesen organisatorischen Zusammenschluss wird es in Deutschland nicht geben.“

Mit Revolten, die wie in Frankreich auch sozial benachteiligte Jugendliche erfassen, rechnet auch Hurrelmann nicht. Die Jugendlichen, die die Hauptschulen mit oder ohne Abschluss verlassen und auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nahezu chancenlos seien, gingen in Deutschland nicht auf die Straße – weil sie nicht auf der Straße stünden. Etwa eine Million sei betroffen, sie würden aber vom Übergangssystem aufgefangen: in Kursen und Jobs auf dem zweiten Arbeitsmarkt, mit denen sie symbolisch die Anwartschaft auf einen Platz in der Gesellschaft behielten.

Margit Mayer sieht in Berlin Überschneidungen mit städtischen Bewegungen wie etwa den Tempelhof-Aktivisten oder anderen Anti-Gentrifizierungsgruppen, die die Proteste auf eine breitere Basis bringen könnten. „In dem Maß, wie sich die ökonomische Krise weiter verschlimmert, könnten sich die Proteste verstärken“, sagt Mayer. Christian Lahusen hält es dagegen für wahrscheinlich, dass der Bologna-Prozess und die Einführung von Studiengebühren sogar zu einer weiteren Entpolitisierung der Studierenden führen. Studenten würden sich tatsächlich immer mehr als Kunden begreifen, die von ihrer Hochschule erwarteten, dass sie ihr Studium vernünftig absolvieren könnten. „Der klassische Kunde denkt aber nicht politisch. Er wägt vielmehr individuell ab, welche Kosten und Nutzen seine Entscheidungen haben“, sagt Lahusen.

Rucht glaubt, die Proteste könnten bald wieder aufflammen: 2011/12 , wenn die doppelten Abiturjahrgänge und die letzten geburtenstarken Jahrgänge an die Unis drängen – und die Freiräume für Studierende noch enger werden.

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