Biologie : Reiche Länder haben mehr invasive Arten

Je reicher ein Land ist und je mehr Menschen auf der gleichen Fläche leben, umso mehr fremde Arten finden sich dort. Reger Handel nutzt den Tieren und Pflanzen.

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Blinder Passagier. Die Chinesische Wollhandkrabbe kam mit Schiffen nach Europa, wo sie kaum natürliche Feinde hat.
Blinder Passagier. Die Chinesische Wollhandkrabbe kam mit Schiffen nach Europa, wo sie kaum natürliche Feinde hat.Foto: dpa

Strauße rennen in Mecklenburg über Felder, Waschbären betrachten Berliner Tiefgaragen als ihr Revier und Robinien verdrängen seltene Orchideen auf geschützten Halbtrockenrasen in Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt. Solche für Europa fremden Arten gibt es immer häufiger. Der Erfolg einer biologischen Invasion hängt stark vom Wohlstand und der Bevölkerungsdichte eines Landes ab. Diesen zunächst verblüffenden Zusammenhang fanden Ingolf Kühn vom Umweltforschungszentrum in Halle und Kollegen aus 15 Ländern.

Was die Chancen eines biologischen Neuankömmlings betrifft, fällt der Verdacht zunächst auf natürliche Faktoren wie das Klima. Die Samen einer Robinie brauchen zum Beispiel warme Sommer zum Ausreifen. Daher verwildern diese Bäume, die als Zierpflanzen aus den nordamerikanischen Appalachen importiert wurden, vor allem in Gebieten mit warmen Sommern wie dem Rheintal oder dem Osten Deutschlands. Treibt der Klimawandel die Sommertemperaturen in die Höhe, sollten die Robinien davon profitieren. Das tun sie auch, zeigen die Forscher. 11.000 für Europa fremde Moose, Gefäßpflanzen, Vögel, Reptilien, Säugetiere und wirbellose Wassertiere hatten sie untersucht. Das Klima erklärt 17 Prozent ihrer Verbreitung und spielt damit eine bedeutende Rolle.

„Noch wichtiger aber sind sozio-ökonomische Faktoren“, berichtet Kühn. Je reicher ein Land ist und je mehr Menschen auf der gleichen Fläche leben, umso mehr invasive Arten finden sich dort. In Deutschland, Österreich oder Spanien, wo es auf jedem Quadratkilometer im Mittel mehr als 91 Einwohner gibt und der nationale Reichtum pro Person bei mehr als einer Viertelmillion Dollar liegt, erreicht auch die Zahl fremder Arten Spitzenwerte.

Warum das so ist, zeigt ein Blick auf die Geschichte der invasiven Spezies. „Vor dem 20. Jahrhundert wurden die meisten Arten bewusst nach Europa gebracht“, sagt der Wissenschaftler. Dazu gehörte zum Beispiel die Robinie, die als Ziergehölz mit ihren großen Blütentrauben und deren Bergamotte-Duft im 17. Jahrhundert einen Siegeszug durch die Parks der alten Welt begann. Da nur reiche Herrscher sich solche Parks leisten konnten, ist der Zusammenhang mit dem Wohlstand offensichtlich.

„Seit dem 20. Jahrhundert dominiert das unbewusste Einbringen“, erläutert Kühn. Da kommen Schiffe in den Hafen und lassen das vor der nordamerikanischen Küste aufgenommene Ballastwasser ab. Darin schwimmende Muschellarven, Würmer und andere Kleintiere können sich dann unter Umständen in hiesigen Gewässern etablieren. Oder es werden Pflanzen importiert, auf denen unbemerkt Schädlinge mit einreisen. Solche blinden Passagiere kommen umso häufiger in ein Land, je stärker der Verkehr über die Grenzen ist. Der wiederum hängt vor allem von zwei Faktoren ab: Wohlstand und Bevölkerungsdichte. Je mehr Menschen in einem Land leben, umso mehr Güter importieren sie normalerweise. Und je höher der Wohlstand ist, umso eher kann man sich die importierte Ware leisten. Es sind also oft die Menschen selbst, die fremden Arten eine Chance geben.

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