Bluttat an Sandy-Hook-Grundschule : Kann Autismus den Amoklauf verursacht haben?

19.12.2012 13:10 Uhrvon
Trauer und Anteilnahme in Newtown sind groß. Foto: dpa
Trauer und Anteilnahme in Newtown sind groß. - Foto: dpa

Noch immer gibt es im Zusammenhang mit den Motiven des Amokläufers fast nur offene Fragen. Schnell wurde spekuliert, der Täter habe womöglich am Asperger-Syndrom gelitten. Was ist dran an den Vermutungen - und spielt das für die Tat überhaupt eine Rolle?

Warum? Das werden sich viele als Erstes gefragt haben, als sie von dem Amoklauf des 20-jährigen Adam Lanza in einer Grundschule in Newtown im amerikanischen Bundesstaat Connecticut erfuhren. In einem offenbar kaltblütig geplanten Vorgehen ermordete Lanza zunächst seine Mutter und danach 20 Schüler und sechs Lehrkräfte in der Sandy-Hook-Grundschule.

Dann tötete er sich selbst. Schon bald nach der Tat kamen bislang unbestätigte Vermutungen auf, nach denen der als schüchtern und isoliert beschriebene Lanza autistisch gestört gewesen sei und womöglich am Asperger-Syndrom gelitten habe. Die Warum-Frage schien für viele eine Antwort gefunden zu haben.

Asperger gilt als „leichte“ Form von Autismus. Es handelt sich um eine Entwicklungsstörung, die sich bereits in jungen Jahren ausprägt. Menschen mit Asperger fällt es schwer, mit anderen in Kontakt zu treten. Zugleich haben sie eher eingeschränkte oder als stereotyp beschriebene Interessen, ohne dass ihre Intelligenz eingeschränkt wäre. Diese kann sogar deutlich über dem Durchschnitt liegen. Diese Eigenschaften trafen anscheinend auf Lanza zu, der als sozial unbeholfen und zugleich als hochintelligent beschrieben wird.

Allerdings machen Schüchternheit und ein hoher IQ einen Menschen nicht zum Massenmörder. Doch zusätzlich wurde darüber spekuliert, dass mangelndes Einfühlungsvermögen und soziale Kälte, wie sie Menschen mit autistischen Störungen zugeschrieben werden, den emotionalen Hintergrund der Tat geliefert hätten. Aber diese Erklärung wirft mehr Fragen als Antworten auf.

Emily Willingham, Mutter eines elfjährigen Sohnes mit Asperger-Syndrom, weist im Internet-Magazin „Slate“ auf einen feinen, aber wesentlichen Unterschied im Einfühlungsvermögen hin. Menschen mit einer autistischen Störung fällt es schwer, die Gefühle ihrer Mitmenschen zu „lesen“. Das heißt aber nicht, dass sie keine Empathie besitzen würden, schreibt Willingham. Im Gegenteil. Sie berichtet von ihrem Sohn, der, als er von dem Amoklauf erfuhr, nach einer langen Phase der inneren Besinnung in Tränen ausbrach.

Als genaues Gegenteil erscheint der Psychopath. Er hat keine Schwierigkeiten, die Gefühle seiner Mitmenschen zu erahnen, und wird nicht zögern, sie für seine Zwecke auszubeuten. Denn ihm fehlt tatsächlich nahezu jedes Mitgefühl. Als Prototyp des Psychopathen gilt der eiskalte Killer. Auch auf Diktatoren wie Adolf Hitler dürfte das Etikett Psychopath meist zutreffen. Sie verstehen die Motive anderer Menschen und manipulieren sie ohne Skrupel für ihre eigenen Zwecke. Jemand mit einer autistischen Störung wäre dazu nicht im geringsten imstande. Weshalb die Behauptung mancher Forscher, auch Hitler habe Asperger gehabt, mehr als umstritten ist.

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