Botanischer Garten : Pflanzen mit Migrationshintergrund

100 Jahre botanische Forschung in Dahlem: Noch heute sammeln die Biologen Gewächse in aller Welt.

Rosemarie Stein
Unter Beobachtung. Im Botanischen Garten werden Pflanzen nicht nur gezüchtet und gepflegt, sondern auch erforscht.
Unter Beobachtung. Im Botanischen Garten werden Pflanzen nicht nur gezüchtet und gepflegt, sondern auch erforscht.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Für eine botanische Weltreise braucht man weder ein windabhängiges Segelschiff wie die frühen Naturforscher noch ein aschegefährdetes Flugzeug. Ein Spaziergang in Dahlem durch die Hügel und Täler der pflanzengeografischen Abteilung des Botanischen Gartens tut’s auch. Er bietet die ganze Flora-Fülle der nördlichen Halbkugel, und die der südlichen findet man frostsicher in den Schaugewächshäusern.

Die meisten der jährlich rund 350 000 Besucher werden die grünende und blühende Vielfalt einfach genießen – nach Schinkels Museums-Motto „Erst erfreuen, dann belehren“. Dass es sich hier aber auch um eine weltberühmte Stätte der Forschung und Lehre handelt, macht eine Sonderausstellung im Botanischen Museum deutlich: „Humboldts Grüne Erben. Der Botanische Garten und das Botanische Museum in Dahlem 1910–2010.“ Auch die Botaniker jubilieren also im Berliner Wissenschaftsjahr, und das „Internationale Jahr der biologischen Vielfalt“ ist ein zweiter Anlass für die erfreuliche Ausstellung, deren lehrreiche deutsch-englischen Texte alle im reich illustrierten Katalog nachzulesen sind.

Ein grüner Teppich führt im Museum hinauf zu den „grünen Erben“, meist Gartendirektoren oder -kustoden und Universitätsprofessoren zugleich. Ihre posthum angefertigten Bronzebüsten empfangen den Besucher. Der älteste, Carl Ludwig Willdenow (1765–1812), war nicht Erbe, sondern Mentor des jungen Alexander von Humboldt.

Willdenow übernahm als Direktor den 1679 gegründeten, aber nach einem Jahrhundert völlig vernachlässigten Königlichen Botanischen Garten im Dorf Schöneberg als „eine Wüste, die kaum den Namen Garten verdiente“ und machte sie für die Wissenschaft fruchtbar. Er kultivierte, benannte und beschrieb in seinem „Hortus Berolinensis“ bis dahin unbekannte Pflanzen, auch aus Samen, die Humboldt aus Lateinamerika geschickt hatte. Darunter war „Solanum humboldtii“, die mutmaßliche Urtomate; auch sie quasi eine Berliner Pflanze mit Migrationshintergrund. Ein halbes Jahrhundert nach Linné beschrieb Willdenow als letzter einzelner Botaniker auf mehr als 7000 Seiten alle ihm bis dahin bekannten Pflanzengattungen und -arten.

Als besondere Kostbarkeit sind hier zwei handgeschriebene Bände erstmals zusammen zu betrachten: Humboldts amerikanisches Reisetagebuch und das „Feldbuch“, in dem er und sein Reisegefährte Aimé Bonpland ihre Beobachtungen zu den gesammelten Pflanzen notierten. Es gehört dem „Muséum national d'Histoire naturelle“ in Paris, das die botanische Ausbeute seiner Forschungsreise mit dem Dahlemer Botanischen Museum teilt. Immerhin lebte Humboldt 23 Jahre in Paris.

Dem ausgestellten „Plan des Königlichen Botanischen Gartens in Schöneberg bei Berlin“ von 1895 (elf Hektar an der Potsdamer Straße 75) sieht man an, wie die Stadt mit ihren Mietskasernen ihn in der Gründerzeit umzingelt und jeder Ausdehnungsmöglichkeit beraubt hatte. Auf Anregung des Unterdirektors Ignaz Urban, dessen dickleibiges Gutachten in Schönschrift zu sehen ist, beschloss der Ministerialdirektor im Preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff die Verlegung auf 22 Hektar Land des Kronguts Domäne Dahlem.

Eigentlich wollte Althoff für die Charité und den Botanischen Garten einen gemeinsamen Standort. Das hätte gepasst: Berlin war damals nicht nur das „Mekka der Medizin“, sondern auch das „Mekka der Botanik“. Der Plan zerschlug sich, aber beide Vorhaben (und noch ein paar Universitätsinstitute) konnten aus dem Erlös des Schöneberger Gartenterrains finanziert werden, das nun wertvolles Bauland war. Eine Bürgerinitiative, die das Gelände als Park erhalten wollte, konnte wenigstens den heutigen Kleistpark retten.

Nach langwieriger Bau- und Pflanzenumzugsphase waren Gartenanlagen und Bauten in Dahlem so weit fertig, dass Direktor Adolf Engler Garten und Museum 1910 eröffnen konnte. Für das Publikum war der Botanische Garten zunächst nur zum Teil und nur an vier Nachmittagen zugänglich, das Museum sogar nur mittwochs und sonntags. An „Events“ wie die heutigen Konzerte oder langen Nächte war nicht zu denken. Denn dies waren vor allem wissenschaftliche Einrichtungen – mit der größten botanischen Bibliothek Mitteleuropas, mit Sammlungen von Hölzern, Früchten, Samen, mit einem Herbarium, das heute wieder dreieinhalb Millionen sorgsam getrocknete und genau bestimmte Pflanzen aus aller Welt bewahrt.

Im Krieg war der größte Teil der Sammlung zerstört worden – auch die Glashäuser, auch die 22 000 Arten enthaltende Lebendsammlung, wie die Botaniker die Pflanzen des Gartens nennen. Nach langwierigem Wiederaufbau haben wir in Berlin heute einen der drei bedeutendsten Botanischen Gärten der Welt. Zeitweise gehörten Garten und Museum zur Friedrich-Wilhelms- bzw. Humboldt-Universität, heute zur Freien Universität. Diese drohte vor sieben Jahren aus Finanznot Garten und Museum zu schließen, was Bürgerproteste verhinderten.

Leuchtturm. Auch die Lange Nacht lockt viele Besucher an.
Leuchtturm. Auch die Lange Nacht lockt viele Besucher an.Foto: dpa

Humboldts grüne Erben sammelten zunächst, was sie nur finden konnten, erst später gingen sie gezielt vor. Ihre Hilfsmittel, wie Transportkisten für lebende Pflanzen, sieht man in der Ausstellung. Man kann auch selbst durchs Mikroskop schauen, und potenzielle Nachwuchsforscher können in einem Expeditionsspiel auf Sammelreise gehen. Das tun Botaniker auch jetzt noch, etwa für Forschungsprojekte wie die überreiche Flora Kubas. Die Ergebnisse erscheinen in Lieferungen seit 1998, die Feldforschung läuft noch.

Ein Schwerpunkt ist für die Botanik seit den sechziger Jahren der Artenschutz. Auch im Botanischen Garten Dahlem werden bedrohte Pflanzen gezielt kultiviert und seit den neunziger Jahren ausgewildert wie bedrohte Tierarten. Auch hierüber informiert die Ausstellung, wie auch über den Aufbau einer Tiefkühl-Samenbank für gefährdete Arten.

Führend sind die Dahlemer Botaniker in der Biodiversitäts-Informatik: Sie entwickeln Verfahren zur Speicherung, Vernetzung und Visualisierung von Daten zur Vielfalt der Organismen. Die von ihnen erarbeiteten Systeme zur Vernetzung biologischer Datenbanken werden schon in zwanzig Ländern angewandt. Man sieht: Unser Botanischer Garten mit seinem Museum steht zwar unter Denkmalschutz, aber seine Wissenschaftler sind auf der Höhe der Zeit.

Humboldts Grüne Erben – Der Botanische Garten und das Botanische Museum in Dahlem 1910 bis 2010. Botanisches Museum, Königin-Luise-Straße 6-8. Bis 30.1.2011, täglich 10 bis 18 Uhr (Botanischer Garten Mai, Juni, Juli bis 21 Uhr). Museumseintritt 2,50 Euro, mit Botanischem Garten 6 Euro. Katalog 8,50 Euro. Auskunft über das reichhaltige Rahmenprogramm: www.botanischer-garten-berlin.de

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