Carl von Linné : Von Bienen und Blumen

300 Jahre Carl von Linné: Die zweideutigen Texte des Botanikers über die Sexualität der Pflanzen erregen bis heute Aufsehen.

Matthias Glaubrecht

Er habe mehr vom Wunderwerk des Schöpfers gesehen, in dem er seine größte Freude fand, als irgendein Sterblicher, mehr Beobachtungen angestellt und mehr Werke geschrieben, besser, ordentlicher und aus eigener Erfahrung, als jeder andere Naturwissenschaftler. Bescheidenheit kann man Carolus Linnaeus, bekannt auch als Carl von Linné, nicht nachsagen. Dafür aber ein unfehlbares Talent, als einer der Ersten Ordnung in das Chaos der Natur und in die Vielfalt der Lebewesen gebracht zu haben.

Gott habe die Welt geschaffen, er habe sie geordnet, meinte Linné von sich selbst. Sein Metier war die Erforschung der Ordnung in der Natur. Geradezu militärisch kartografierte er die Natur und teilte sie in die drei Reiche der Pflanzen, Tiere und Mineralien ein. Für manche wurde Linné damit zum Begründer der modernen biologischen Systematik, für andere zum Voyeur der Natur.

Dem vor 300 Jahren, am 23. Mai 1707, auf einem Pfarrhof im südschwedischen Raashult geborenen Linné widmete sich jetzt ein Symposium im Schloss Glienicke, zu dem die schwedische Botschaft im Rahmen des Linné-Jahrs mit dem Gartenforum Glienicke und der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg eingeladen hatte. Wie der Wissenschaftshistoriker Gunnar Broberg von der Universität Lund dort betonte, ist Linné in Schweden noch heute ein wissenschaftlicher Nationalheld und seine Reiseberichte sind Klassiker, die heute noch gern gelesen werden.

Ein Dolmetscher der Natur

Vor allem aber wurde Linné durch sein systematisches Arbeiten zum Dolmetscher der Natur, wie Walter Lack vom Botanischen Museum Berlin sagte. Linné, der 1761 wegen seiner Forschungsarbeiten geadelt wurde, war Doktor der Medizin und Professor der Botanik, Direktor des Botanischen Gartens in Uppsala und erster Präsident der Schwedischen Akademie der Wissenschaften.

Ansätze zur Ordnung der Natur hatte es zwar bereits zuvor gegeben, doch erst der schwedische Botaniker entwickelte und benutzte konsequent ein einheitliches System zur Benennung und zur Klassifikation von Flora und Fauna. In der ersten Ausgabe seines Werkes „Systema Naturae“ (1735) versuchte er die Welt der Pflanzen und Tiere in ein natürliches System zu bringen, eingeteilt in Klassen, Familien, Ordnungen und Arten.

Insbesondere die Blütenpflanzen gliederte Linné anhand des Baus ihrer Sexualorgane in den Blüten. Je nach Anzahl und Anordnung der weiblichen Fruchtblätter und der männlichen Staubblätter unterteilte er sie in 24 Klassen. Später übernahm er ein ähnliches System auch für die Tierwelt – eine Klassifikation, die in Grundzügen noch heute verwendet wird. Er fasste etwa die Wale, die er trotz des gemeinsamen Lebensraumes von den Fischen trennte, erstmals korrekt als Säugetiere auf. Für diese Tierklasse führte er den Namen Mammalia ein, nach den für sie typischen Milchdrüsen. Den Säugetieren ordnete er auch den Menschen zu.

Anfangs als ein simpler Schlüssel zur schnellen Bestimmung gedacht, beschrieb Linné in seiner Systematik auch die Besonderheit der weiblichen und männlichen Blütenorgane. Und das mit recht zweideutigen Metaphern. So schrieb er über den Mohn: „In den Blütenkelchen finden sich die gleiche Zahl von Ehemännern und -frauen in unbeschwerter Freiheit, aber auch 20 Männer oder mehr im selben Bett mit einer Frau“.

Positive Ruhmsucht

Linné wollte nicht bloß ein unschuldiges System für botanisierende Anfänger formulieren, sagte Walter Lack auf der Tagung in Berlin. Der Naturforscher habe einen Skandal provozieren wollen, um auf sich aufmerksam zu machen. Immerhin erreichte Linné mit seiner Ruhmsucht, dass viele seiner Zeitgenossen Freude an der Botanik fanden. Doch Linnés überaus verfängliche Art bei der Beschreibung und Darstellung der Fortpflanzungsverhältnisse bei Blütenpflanzen rief auch moralische Empörung hervor. „Die Blütenblätter dienen als Hochzeitsbetten“, schrieb Linné, „die der große Schöpfer so herrlich hergerichtet, mit so edlen Vorhängen und Düften versehen, damit das Paar dort seine Hochzeit mit einer erhöhten Feierlichkeit begehen kann.“ Nicht nur Kleingeister und religiöse Fanatiker seiner Zeit haben sich an Linnés Metaphorik gestoßen, mit der er die sexuellen Verhältnisse in der Botanik beschrieb. Auch heute finden manche noch Anstoß daran. Vor einigen Jahren interpretierte die US-Historikerin Londa Schiebinger die Metaphern als sexistisch und antifeministisch, was sie zweifellos sind. Doch möglicherweise wurde auch Schiebinger ein spätes Opfer von Linnés Tricks, mit denen er Aufsehen erregen wollte, vermutet der deutsch-schwedische Wissenschaftshistoriker Staffan Müller-Wille von der Universität in Exeter. Er betrachtet Linnés Sexualsystem der Pflanzen nicht nur vor dem naturwissenschaftlichen Hintergrund, sondern interpretiert dessen Hochzeitsmetaphorik im zeitgenössischen Kontext.

Nur die Monandria, wie etwa die Schlüssellilie, bei der nur „ein Mann in der Ehe“ zu finden sei, galten bereits zu Linnés Zeiten als rechtlich unbedenklich. Verhältnisse wie bei der Ringelblume, wo sich „die Betten der Verheirateten in der Mitte, die der Konkubinen am Rande befinden, die Ehefrauen aber unfruchtbar und die Konkubinen fruchtbar sind“, spiegeln dagegen bekannte soziale Verhältnisse beim Menschen wieder. Linné nutzte diese Metaphern aber nicht nur, weil er selbst von den Beziehungen im Leben der Pflanzen mindestens so fasziniert war wie von jenen beim Menschen, meint Müller-Wille, sondern auch, um eine treue Gemeinde von Anhängern zu rekrutieren, die er selbst als Apostel bezeichnete. Diese enthusiastischen Helfer reisten über die Jahre in verschiedene Länder, um exotische Pflanzen für Linné zu sammeln. Der namhafteste unter ihnen war Daniel Solander, der mit James Cook um die Welt segelte. Durch dieses „networking“ etablierte der Botaniker ein weltumspannendes Forschungsprojekt, an dem die Biosystematiker noch heute arbeiten: die Bestandsaufnahme der Arten- und Formenvielfalt in der Natur.

Ein Revoluzzer der Biologie

Die letzten Jahre seines Lebens, bis Linné mit 71 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls starb, waren von Leid und Krankheit geprägt. Seine drei Häuser – in Raashult, in Uppsala und in Hammerby – sind jetzt zur Aufnahme als Weltkulturerbe vorgesehen, wie die schwedische Autorin Marita Jonsson auf der Tagung im Schloss Glienicke sagte.

Zu Recht gilt Carl von Linné heute als einer der ganz Großen der Biologiegeschichte. Mit seiner Ordnung revolutionierte er vor 250 Jahren die Biologie und begründete die Wissenschaft der biologischen Systematik. Bis heute arbeiten Biosystematiker am Linné’schen Projekt – dem vollständigen Überblick über die Vielfalt oder Biodiversität.

Die Fotoausstellung „Herbarium Amoris – eine Huldigung an Carl von Linné“ ist noch bis einschließlich Sonntag in der Schwedischen Botschaft zu sehen. Nordische Botschaften, Felleshus/Gemeinschaftshaus, Rauchstraße 1, 10787 Berlin, Freitag 10 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 16 Uhr.

Der Forscher

Der schwedische Naturwissenschaftler begründete die moderne biologische Nomenklatur.

Das System der Natur

In seinem Hauptwerk „Systema Naturae“ beschrieb er 1735 erstmals alle Tiere und Pflanzen mit einem zweiteiligen Namen aus Gattung und Art.

Sein Werk

Er gab dem Menschen die wissenschafltiche Bezeichnung Homo sapiens, der wissende Mensch, und reihte ihn in die Primaten ein.
Das Linné’sche System wird noch heute verwendet, um die Natur zu beschreiben. stve

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