Charité will die Lehre stärken : Die Diagnose üben

Einfühlsam sollten Ärztinnen und Ärzte sein und ihren Patienten gut zuhören. Doch im Studium wird ihnen das nicht vermittelt – sondern ganz im Gegenteil sogar ausgetrieben.

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Ab dem dritten Semester nimmt nämlich die Empathiefähigkeit von Medizin-Studierenden kontinuierlich ab. Am Ende ihrer Ausbildung sind sie weniger einfühlsam als Jura-Absolventen. Das legte zumindest eine Befragung hunderter Studierender vor einiger Zeit nahe.

Nicht nur wegen dieses Befundes gibt es an mehreren Fakultäten Ansätze, das Studium zu reformieren: In Heidelberg, Aachen oder Hannover. Die Berliner Charité bietet wie berichtet zu diesem Semester erstmals für alle Studierenden einen Modellstudiengang an, bei dem die Trennung zwischen Theorie und Praxis so weit wie nirgends sonst überwunden werden soll. Um die vielen Versuche, das Medizinstudium zu verbessern, professionell zu begleiten, hat die Charité jetzt das „Dieter Scheffner Fachzentrum für medizinische Hochschullehre“ eröffnet. „Wir wollen Anstöße geben, das Medizinstudium in Deutschland weiterzuentwickeln“, sagt Dekanin Annette Grüters-Kieslich.

Aktivitäten sollen vorangetrieben werden, die der Namensgeber des Zentrums angestoßen hatte. Der im vergangenen Jahr gestorbene Dieter Scheffner war Vater des Reformstudiengangs Medizin, in dem seit 1999 ein Teil der Studierenden praxisnah ihr Handwerk lernten. Viele Lehrformate sind in dem neuen Studiengang aufgegangen: das problemorientierte Lernen anhand von realen Patientengeschichten etwa oder das Einüben von Gesprächen mit Kranken. Diese Lehrformate werden evaluiert und entwickelt sowie Dozenten weitergebildet. Die Lehre müsse mit der gleichen Wissenschaftlichkeit vorangetrieben werden wie die Forschung, sagt Grüters-Kieslich. Auch neue Prüfungsformate wolle die Charité stärken – weg von den dominierenden Multiple-Choice-Fragen: „Die Prüfungen im Medizinstudium bilden kaum ab, was die Gesellschaft von uns Ärzten braucht.“

Das Zentrum könnte nach Charité-Vorstellungen die Rolle eines nationalen Zentrums für die Lehre in der Medizin übernehmen. In jedem Fach bundesweit ein Lehrzentrum einzurichten, hatte 2008 der Wissenschaftsrat vorgeschlagen. tiw

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