Chemie : Chemie-Nobelpreis als schönstes Geburtstagsgeschenk

Chemiker gewinnt Auszeichnung an seinem 71. Geburtstag.

Daniel Cressey

Gerhard Ertl wird eine rauschende Geburtstagsparty schmeißen. Es ist nicht nur sein 71. Geburtstag, er erhält auch den diesjährigen Nobelpreis für Chemie für seine Arbeiten zu chemischen Prozessen an Oberflächen von Festkörpern.
Ertls Arbeit legte den Grundstein für eine Wissenschaft, die es uns erlaubt, Prozesse zu verstehen, die vom Rosten des Metalls unserer Autos bis zur Zerstörung der Ozonschicht in der Stratosphäre reichen, so das Nobelpreis-Komitee.
Ertl, der sich 2004 als Direktor des Berliner Fritz-Haber-Instituts der Max-Planck-Gesellschaft zur Ruhe setzte, sagt, er habe nicht erwartet, dass ein zweiter Deutscher mit einem Nobelpreis ausgezeichnet würde, nachdem bereits am Dienstag Peter Grünberg der Nobelpreis für Physik zuerkannt worden war. "Ich war sehr überrascht", sagte er in einem Telefonat mit der Nobel-Stiftung. "Es ist die größte Ehre, die man sich denken kann." Auf die Frage, was er darüber hinaus zum Geburtstag bekommen habe, antwortete er: "Einen Spazierstock."

Oberflächen-Einsichten

Die größten Auswirkungen hatte weder Ertls Entschluss, Oberflächen zu studieren, noch die Entwicklung hierzu eingesetzter Instrumente. Vielmehr hatte er die Idee sich anzusehen, wie die vielfältigen bereits bestehenden Verfahren adaptiert und zusammengebracht werden könnten, um ein komplexes Bild des Verhaltens von Oberflächenmolekülen zu erhalten. Solche Einsichten sind wesentlich für das Verständnis der Wirkungsweise von Katalysatoren - Materialien, die chemische Reaktionen beschleunigen, ohne dabei aufgebraucht zu werden.
Ertls Ergebnisse "erbrachten die wissenschaftliche Grundlage der modernen Oberflächenchemie", so das Nobelpreis-Komitee.
Die vielleicht beeindruckendste individuelle Arbeit Ertls beinhaltet die Entschlüsselung der chemischen Vorgänge, die dem Haber-Bosch-Verfahren zugrunde liegen, das in der chemischen Industrie essentiell ist. Bei diesem Prozess werden Stickstoff und Wasserstoff unter Verwendung eines metallischen Katalysators zu Ammoniak umgewandelt. Mithilfe verschiedener spektroskopischer Verfahren entdeckte Ertl, wie und wann die außerordentlich starke Bindung der beiden Stickstoffatome aufgebrochen werden kann.
In einer Stellungnahme sagte Andrea Sella, Chemikerin am University College London, das Haber-Bosch-Verfahren könne als "das industrielle Verfahren bezeichnen werden, das die größten Auswirkungen für die Menschheit hatte". Sie fügte hinzu: "Gerhard Ertl war einer der ersten Chemiker, die sich eingehend mit den Vorgängen auf Oberflächen befassten - wie sich die einzelnen Moleküle verhalten, wie sie sich in Atome aufspalten und wie schließlich das Endprodukt - Ammoniak - entsteht."
Darüber hinaus befasste Ertl sich mit den Vorgängen in Katalysatoren sowie der Organisation von Wasserstoffmolekülen auf metallischen Oberflächen.

Gut gemacht

Graham Hutchins, Chemiker an der Cardiff University, sagte, die Auszeichnung sei "absolut gerechtfertigt". "Es ist großartig, dass die Oberflächenwissenschaften anerkannt werden. Er hat sich angesehen, wie Moleküle mit Oberflächen interagieren. Etliche Verfahren sind aufgrund dieses fundamentalen Verständnisses möglich."
Die Chemie-Welt hat die Auszeichnung begrüßt - nicht zuletzt weil sie an einen "echten" Chemiker geht und nicht an jemanden, der eher als Biologe angesehen wird, wie in vielen vergangenen Jahren.
Viele wundern sich jedoch, warum der Preis nicht zwischen Ertl und dem Oberflächenchemiker Gabor Somorjai von der University of California in Berkeley geteilt wird. Ertl und Somorjai teilten sich 1998 den Preis für Chemie der Wolf Foundation für ihre Arbeiten zur Oberflächenchemie.

Dieser Artikel wurde erstmals am 10.10.2007 bei news@nature.com veröffentlicht. doi: 10.1038/news2007.159. Übersetzung: Sonja Hinte. © 2007, Macmillan Publishers Ltd

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