Chemikalien-Tüv : Zahl der Tierversuche übertrieben?

Wie viele Tierversuche sind für die Zulassung von Chemikalien nötig? Toxikologen nennen die gewaltige Zahl von 54 Millionen. Doch die Angaben sind umstritten.

Ralf Nestler

Es klang dramatisch: Für die Zulassung von Chemikalien nach der EU-Verordnung „Reach“ (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) seien mindestens 54 Millionen Tierversuche nötig. Das berichteten die Toxikologen Thomas Hartung und Costanza Rovida in der jüngsten Ausgabe des Fachmagazins „Nature“ (siehe Tagesspiegel vom 27. August).

Dem widerspricht nun die europäische Chemikalienbehörde „Echa“. Die Autoren hätten die Anzahl der betroffenen Chemikalien – das sind alle Substanzen, von denen pro Jahr mehr als 1000 Kilogramm auf den europäischen Markt kommen – um mindestens das Doppelte überschätzt. Folglich sei die Zahl der damit verbundenen Tierexperimente zu hoch angesetzt. Es sei lediglich mit neun Millionen Tierversuchen zu rechnen.

„Hartung geht es vor allem darum, Werbung zu machen und Alternativmethoden für Tierversuche voranzutreiben“, sagt Richard Vogel vom Bundesinstitut für Risikobewertung. „Ich bin auch entschieden dafür, solche Tests so weit wie möglich zu ersetzen und zu reduzieren, aber dazu muss man mit glaubhaften Zahlen argumentieren“, sagt der Toxikologe. „Was Hartung tut, ist unseriös und dient nicht der Sache.“

Hartung und Rovida hatten geschätzt, dass durch steigende Produktion und neu hinzugekommene EU-Staaten mindestens 68 000 Chemikalien, vielleicht sogar 100 000 unter die Reach-Regeln fallen. „Ich kann mir nicht erklären, wie er auf diese Zahlen kommt, und mir ist auch unklar, warum ,Nature‘ die deutlich überhöhten Werte publiziert“, sagt Vogel. Es gebe keine neuen Erhebungen, so dass die Schätzung von gut 30 000 primär zu testenden Substanzen weiterhin gelte.

In einer schriftlichen Stellungnahme zu den Vorwürfen der Echa meidet Hartung die strittige Zahl der betroffenen Chemikalien und erwähnt lediglich, dass es eine Steigerung geben wird. Eine Verdoppelung oder gar Verdreifachung nennt er nicht mehr explizit. Stattdessen macht er eine Rechnung mit offiziellen EU-Angaben auf: Etwa 3500 Chemikalien werden in Mengen von jeweils mehr als 1000 Tonnen pro Jahr erwartet und müssten daher in umfangreichen Tierversuchen auf mögliche Schäden an Fruchtbarkeit und Embryonen getestet werden. Allein diese Analysen würden rund 13 Millionen Tierversuche nötig machen, schreibt Hartung.

„Die übrigen Substanzen, die in geringeren Mengen hergestellt werden, erfordern aber meist weniger aufwendige Versuche, so dass für Reach insgesamt sicher weniger als 45 Millionen Tiere benötigt werden“, sagt Vogt. Außerdem gebe es gerade für die massenhaft hergestellten Chemikalien wie Benzol bereits eine Reihe von Daten, die einen Teil der Versuche überflüssig machten. Da bislang aber keiner genau sagen kann, welche Resultate vorhanden sind, könne man auch die Anzahl der Tierversuche nicht seriös schätzen, sagt Vogt. Die von der Echa genannte Zahl von nur neun Millionen will er deshalb auch nicht kommentieren.

Der Toxikologe hat aber noch eine andere Hoffnung. Die aufwendigen Zwei- Generationen-Tests, bei denen im Schnitt 3200 Ratten pro Chemikalie erforderlich sind, könnten schon bald durch einen Ein-Generationen-Test mit halb so vielen Tieren ersetzt werden. Analysen hätten gezeigt, dass die Untersuchung bis zur Enkelgeneration bei Nagern keine wesentlichen neuen Informationen liefern und die Tests bereits nach der Tochtergeneration beendet werden können. Vogt: „Wenn alles planmäßig verläuft, wird die OECD diesen Test im nächsten Frühjahr als internationalen Standard zulassen.“ 

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