Chicago : US-Uni straft israelkritischen Politologen ab

Die DePaul-Universität in Chicago hat dem international bekannten Politologen Norman Finkelstein die unbefristete Anstellung verweigert. Der streibare Politologe wirft Israel bei ihrem Vorgehen gegen die Palästinenser Nazi-Methoden vor.

Christoph von Marschall

Beifall von der falschen Seite kann Karrieren zerstören. Die katholische DePaul- Universität in Chicago hat dem international bekannten Politologen Norman Finkelstein wie berichtet die unbefristete Anstellung als Dozent verweigert. So hebt abermals eine hitzige Debatte in den USA an über die Freiheit der akademischen Lehre, das Verhältnis von Holocaustgedenken, jüdischem Einfluss auf Politik und Wissenschaft, dem Einfluss israelkritischer Kreise sowie dem Missbrauch der Geschichte für politische Ziele. Auch persönliche Feindschaften und Versuche, unbequeme Thesen zu attackieren oder zu unterdrücken, spielen eine Rolle im Fall Finkelstein.

Finkelstein lehrt seit 1998 an der DePaul-Universität, einer Top-Privathochschule, seit 2003 ist er Juniorprofessor. Nun hatte er den Antrag auf eine unbefristete Professur gestellt, den seine politologische Fakultät unterstützte. Das höchste Aufsichtsgremium jedoch lehnte den Antrag mit vier zu drei Stimmen ab. Finkelstein nennt es „das Ende meiner Karriere“ und sieht „politische Gründe“. Keine Uni werde ihm jetzt noch eine Professur anbieten, „aber ich werde das überleben. Meine Eltern haben das Warschauer Ghetto und Nazi-KZ’s überlebt“.

US-Medien melden, Harvard-Professor Alan Dershovitz, ein Intimfeind Finkelsteins, habe mit einer Telefonkampagne gegen Finkelstein Stimmung gemacht. Die „New York Times“ schreibt, entscheidend seien finanzielle Überlegungen gewesen. DePaul lebe von privaten Zuwendungen, jede neue Finkelstein-Kontroverse habe Millionen Einbußen zur Folge gehabt. Rektor Dennis Holtschneider widersprach der Interpretation, hier sei „die Freiheit der Lehre in Gefahr“. Tatsächlich sei „die akademische Freiheit an DePaul quicklebendig“. Finkelstein sei allerdings nicht sehr tolerant gegenüber Andersdenkenden und „ehrt nicht die Pflicht, die Forschungsfreiheit seiner Kollegen zu verteidigen“.

Finkelstein sieht sich als Opfer jüdischer Netzwerke

International berühmt wurde der streitbare Finkelstein 2000 durch sein Buch „Die Holocaust-Industrie“. Darin wirft der 53-Jährige jüdischen Organisationen vor, den deutschen Massenmord an den Juden für finanzielle Ziele auszunutzen. Scharf ist seine Kritik an Israel. Er unterstützt das Recht der Palästinenser auf gewaltfreien Widerstand und vergleicht Israels Vorgehen mit Nazi-Methoden. Mit diesen provokanten Thesen ist er seit Jahren für Medien weltweit ein „Vorzeigejude“, der Israel angreift. Das trug ihm viel Beifall von antisemitischen und rechtsradikalen Kreisen ein, den er gewiss nicht gesucht hat. Für sie ist Finkelstein der Held, der die Methoden einer angeblichen jüdischen Verschwörung enttarnt.

Seine Gegner werfen ihm vor, er leiste gar keine wissenschaftliche Arbeit, sondern betätige sich als politischer Kampfpublizist. Von Beginn an habe er den Streit mit Bestsellerautoren wie Daniel Goldhagen („Hitlers willige Helfer“) gesucht, um Aufmerksamkeit zu erregen und seine eigenen Werke über den Zionismus, den Nahostkonflikt und das Holocaustgedenken zu Bestsellern zu machen. Finkelstein sieht sich dagegen als Opfer mächtiger jüdischer Netzwerke. In der Tat sind seine Arbeit und seine Karriere mehrfach behindert worden. Sowohl seine wichtigsten Förderer, etwa Noam Chomsky, wie seine Gegner sind jüdische Intellektuelle.

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