Dauerbeleuchtung : Die dunkle Seite des Lichts
10.07.2012 12:40 UhrVersuchsfelder im Westen der Stadt bringen erste Erkenntnisse.
Für andere Folgen von Lichtverschmutzung haben die Wissenschaftler bisher nur erste Hinweise: „Fische reagieren sehr unterschiedlich auf nächtliches Licht“, sagt der IGB-Forscher Hölker. So wandern Aale meist in dunklen Nächten und meiden Helligkeit. Die Lichterflut einer Großstadt oder eine gut beleuchtete Brücke könnten für diese Tiere eine Barriere sein. Manche Lachsarten dagegen werden von Licht angezogen und könnten daher an der Uferpromenade einer Metropole hängen bleiben, die auf dem Weg zu ihrem Laichgebiet liegt.
Solchen Überlegungen wollen die Forscher auf den Grund gehen. Westlich von Berlin haben sie dafür Versuchsfelder mit Straßenlampen errichtet. In einem der Felder leuchten die Lichter, im anderen bleiben sie aus. „Mit ,Batcordern’ genannten Geräten registrieren wir dann die Laute, mit denen sich die verschiedenen Fledermausarten orientieren“, erläutert Christian Voigt. Das Insektenleben auf den beiden Feldern erkunden die Forscher ebenfalls. So wollen sie erfassen, wie die Beleuchtung das gesamte Nahrungsnetz beeinflusst. Von einer ähnlichen Untersuchung berichteten kürzlich britische Biologen. Demnach fanden sich direkt unter Straßenlampen deutlich mehr Ameisen, Weberknechte und Laufkäfer, die zur Kategorie „Räuber und Aasfresser“ gehören, als einige Meter von den Lichtquellen entfernt.
Der UFZ-Forscher Reinhard Klenke dagegen beschäftigt sich in Leipzig mit dem Einfluss von Licht auf Amseln. Der Vogel tauscht seit mehr als 100 Jahren sein ursprüngliches Leben im Wald mit den Gärten der Städte. Ob es den Tieren dort wirklich besser geht, ist noch unbekannt. In Wien hat eine Röntgen-Reihenuntersuchung jedenfalls gezeigt, dass viele Stadtamseln bereits Knochenbrüche überlebt hatten, die sie sich bei Kollisionen mit Autos oder Fensterglas zugezogen haben könnten. Die Dunkelziffer der Todesfälle durch ähnliche Unfälle könnte bei Stadtvögeln daher hoch sein, vermutet Klenke.
„Es könnte auch sein, dass die Amseln vom Licht angezogen werden, obwohl ihr Leben in der Stadt eher mit dem von Bewohnern der Armenviertel als mit gutbürgerlichen Straßenzügen verglichen werden könnte“, sagt er. Während die Männchen im dunklen Leipziger Auwald ihren Balzgesang in der Morgendämmerung singen, wenn sie noch nicht genug sehen, um Nahrung zu suchen, zwitschern ihre Kollegen in der erhellten Stadt bereits vier Stunden früher. Über ihren Fortpflanzungserfolg ist wenig bekannt. Sollte er auf Grund der Unfallgefahren schlecht sein, könnte die schwindende Population in der Stadt durch Zuzügler aus dem Wald aufgefüllt werden, die vom Licht angelockt werden.
Falls sich bei den Untersuchungen herausstellt, dass die Lichtverschmutzung tatsächlich das Ökosystem umkrempelt, werden die Lichter trotzdem nicht ausgehen. „Die Innenstädte werden wohl immer hell bleiben“, sagt der IGB-Forscher Hölker. In den Außenbezirken ließen sich die verschiedene Bedürfnisse von Tieren und Menschen besser unter einen Hut bringen. Dort können Straßenlampen zum Beispiel zu später Stunde ausgeschaltet werden. Mehr Unfälle bedeutet das keineswegs, zeigen Untersuchungen auf belgischen Autobahnen, auf denen die Beleuchtung seit einiger Zeit für einige Stunden ausgeschaltet wird: Die Fahrer verhalten sich dann einfach vorsichtiger.
Manchmal genügt es, nur die Leuchtmittel zu wechseln. Als Josef Settele das Insektenleben an Straßen untersuchte, deren Lampen von grellweißem auf orange-rotes Licht umgestellt wurden, zählte er deutlich weniger Nachtfalter. Die Nacht war zurück – zumindest ein bisschen.











