Debatte um Open Access in der Wissenschaft : Verleger sind keine Konservenfabrikanten

Die herkömmlichen Verlage behindern Open Access und produzieren vor allem Wissenskonserven - das schrieb unlängst der HU-Bibliotheksdirektor im Tagesspiegel. Hier widerspricht ihm der Geschäftsführer von De Gruyter: Die Wissenschaft fördere es am meisten, wenn Verlage und Bibliotheken zusammenarbeiten.

Sven Fund
Sven Fund, Geschäftsführer von De Gruyter.
Sven Fund, Geschäftsführer von De Gruyter.Foto: Photo Mike Minehan

Vom Verleger zum Konservenfabrikanten, der durch monopolartiges Verhalten Innovation und Fortschritt des wissenschaftlichen Publizierens behindert? Andreas Degkwitz, Direktor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität, hat in seinem Beitrag im Tagesspiegel unlängst nicht nur klare Fronten suggeriert, sondern vor allem einfache Lösungen. Die Lösung ist – wer hätte das gedacht – dass die Universität zur Verlegerin wird.

Um es vorweg zu nehmen: Degkwitz ist in vielem zuzustimmen, in einigen Punkten allerdings auch vehement zu widersprechen. Dass wissenschaftliche Zeitschriften nicht austauschbar sind, dass die meisten Verlage Open Access viel zu zaghaft angepackt haben und diesem Publikationsmodell anfänglich gar feindlich gegenüberstanden – völlig berechtigt und kein echter Aufreger. Gleichwohl scheinen einige Ergänzungen erforderlich – und die zentrale offene Frage nach der wünschenswerten Zukunft des Verlegens ist durch Dritte zu beantworten: durch die Wissenschaftler.

Unis sind schon länger Verlegerinnen - das Problem wird so nicht gelöst

Degkwitz sieht offensichtlich eine Innovation am akademischen Horizont. So werde die Universität zur Verlegerin, was ja zugleich bedeutet, dass es Verlage nicht mehr bräuchte. Die Universität als Verlegerin ist aber weder neu noch an digital vermittelte, intellektuelle Frischware gebunden. Sie wurde schon 1534 in England in Form der Cambridge University Press erfunden. Cambridge – wie ihre Schwester Oxford University Press – ist heute übrigens noch immer ein Department ihrer Universität und als Großkonzern Teil des Problems, das Andreas Degkwitz durch eine Replikation ihrer selbst zu lösen glaubt.

Ein Blick über den Atlantik löst angesichts von Lobpreisungen akademischen Selbstverlegens Stirnrunzeln aus. Kann eine wissenschaftliche Einrichtung sich wirklich in eine Situation bringen wollen, die in den USA als Krise apostrophiert wird? Dort sind university presses nämlich alles andere als stabile Gebilde. Häufig genug hängen sie am finanziellen Tropf ihrer Universität und verlegen nur den kleinsten Teil der Wissenschaftsproduktion ihrer Forschenden.

Ehrenhafte Motive machen noch keine erfolgreiche Informationsverbreitung

Während die öffentliche Hand in Deutschland zuletzt bei den öffentlich-rechtlichen Banken gelernt hat, dass sie kein guter Unternehmer ist, scheint diese Lektion zumindest nicht im Bibliothekarischen angekommen zu sein. Ehrenhafte Motive und hohe Motivation machen eben noch keine erfolgreiche Informationsverbreitung.

Bisher waren Bibliotheken stolz, „Wissensspeicher“ zu sein – nicht nur, aber eben doch zu einem wesentlichen Teil. Dieser Aspekt ist so bedeutsam, dass Menschen in gut ausgestattete (und schöne!) Bibliotheken wie das Grimm-Zentrum kommen, um dort wissenschaftlich zu arbeiten, statt dies daheim oder im Café um die Ecke zu erledigen. In einer Welt, deren Informationen noch immer zu einem sehr, sehr großen Teil ausschließlich gedruckt vorliegen, braucht es eben Orte, an denen Inhalte in beiden Medien komfortabel parallel angeboten und genutzt werden können.

Bücher sind im besten Sinne löchrig wie Schweizer Käse

Die Gleichzeitigkeit von Gedrucktem und Digitalem ist eine Realität in Bibliotheken und Verlagen, und sie wird es lange bleiben. Und Degkwitz weiß natürlich, dass weder Zeitschriften noch Bücher dem Vergleich mit einer vakuumierten Konservendose standhalten. Sie sind im besten Sinne löchrig wie ein Schweizer Käse, leben von Referenzen, die im elektronischen Format direkt auf die Quelle verweisen und im gedruckten auf das Buch im Regal nebenan. Dass das Medium die message sei, behauptete Marshall McLuhan schon in seiner Fortschrittsfantasie der sechziger Jahre – relevant für die Praxis wissenschaftlichen Arbeitens, dies ist sie aber nicht geworden.

Was also ist dann eigentlich das Problem? Dass in der Wissenschaft, insbesondere in den Naturwissenschaften, Arbeitsprozesse rasant an Bedeutung gewonnen haben, ist ohne Frage richtig. Und gerade die größten akademischen Verlage investieren seit Jahren in das, was sie als workflow integration bezeichnen. Man muss das nicht mögen, aber dass der Gebrauch wissenschaftlicher Information kontextabhängig ist und dem individuellen Arbeitsprozess des Forschers angepasst sein sollte und nicht umgekehrt, ist klar.

Natürlich stehen Ergebnisse in der Wissenschaft im Mittelpunkt

Dass aber Prozesse im Mittelpunkt stehen sollen und nicht Forschungsergebnisse, ist eine alarmierend falsche Einschätzung, die nicht unwidersprochen bleiben darf. In der Wissenschaft herrscht eben nicht das Primat des Prozesses über das Ergebnis, vielmehr steht Ersterer in seinem Dienst. Nobelpreise wie Fields-Medaillen auch in den Naturwissenschaften werden nach wie vor für herausragende Ergebnisse vergeben.

Degkwitz fordert Multimedialität als Leitwährung des wissenschaftlichen Publizierens – und Verlage haben viel Geld investiert, um Videos, Audios und andere Inhalte in ihre Publikationen einzubinden. Gleichwohl: Das findet bisher – wie übrigens auch bei Degkwitz’ Kronzeugen in den Publikumsverlagen – nur marginal und in sehr spezialisierten Bereichen statt.

Wenn Verlage etwas gelernt haben, dann dies: Der Nutzer und der Kunde entscheiden durch Akzeptanz und Ablehnung über Erfolg und Misserfolg. Das gilt wohl auch für Bibliotheken; die hohe Attraktivität von nutzungsgesteuerten Erwerbungsmodellen beweist dies.

Die Teilhabe an Information und damit an Wissen ist eine zentrale Aufgabe von Bibliotheken – und Verlagen. Beider „Geschäftsmodell“ – die Zuweisung von Mitteln durch Ministerien einerseits und der Kauf von Büchern und Zeitschriften andererseits – funktioniert nur, wenn es Nachfrage danach gibt.

Für ein vermeintliches Mehr an Partizipation und Transparenz das funktionierende, wenn auch nicht immer störungsfreie Miteinander der Akteure und das Nebeneinander digitaler und gedruckter Informationsträger aufs Spiel zu setzen, stellt das geteilte Verständnis von Bibliotheken, Verlagen und Wissenschaftlern ohne Not infrage.

- Der Autor ist Geschäftsführer des De Gruyter-Verlags.

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