Wissen : Den Spaß an der Sprache fördern

Reimen, Erzählen, Debattieren, Vortragen: Wie sich Kinder und Jugendliche auch außerhalb der Schule beweisen können

Dorothee Nolte

Falk Wellmann ist der deutschen Sprache verfallen. Er findet sie schön, er findet sie klangvoll, er benutzt sie gerne und ausgiebig. Er möchte auch diejenigen für die deutsche Sprache begeistern, die sie tagtäglich, ohne groß darüber nachzudenken, in großen Mengen produzieren. „Wie fördert man die deutsche Sprache am besten?“, fragt er, und gibt sich gleich selbst die Antwort: „Doch nur über Spaß und Freude daran.“ Soll wohl heißen: Man fördert das Deutsche nicht am besten, indem man, wie es einige Vereine tun, auf Anglizismen schimpft. Anglizismen sind ein Thema, ja. Aber nicht das wichtigste, findet der Geschäftsführer der „Initiative Deutsche Sprache“.

Falk Wellmann sitzt in einem modern ausgebauten Dachgeschoss mit Blick über das Scheunenviertel, in der obersten Etage des Goethe-Instituts in der Neuen Schönhauser Straße, wo Sprachschüler aus aller Herren Länder ein- und ausgehen. Glas überall, Hitze im Sommer, aber ein guter Ort, um mit ein wenig Abstand vom Deutsch unten auf der Straße über die Sprache nachzudenken. Hier sitzt die „Initiative Deutsche Sprache“, hinter der das Goethe-Institut und die Gemeinnützige Hertie-Stiftung stehen.

Ihre Hauptaufgabe ist es, Neuntklässlern mehr Spaß an der Sprache zu vermitteln: Die „Deutsch-Olympiade“ lädt Schüler aus ganz Deutschland dazu ein, sich in Vierer-Teams in fünf Disziplinen zu messen: Die Teams müssen jeweils zwei Minuten lang reimen, eine Geschichte erzählen, Fantasiebegriffe möglichst überzeugend erklären, Begriffe umschreiben und eine kleine Szene darstellen – nach Vorgaben, die sie erst kurz vorher erfahren. Ein temperamentvoller Wettbewerb, an dem im zurückliegenden Schuljahr bundesweit knapp 28 000 Schüler aus 400 Schulen teilgenommen haben. In diesen Wochen kann man sich wieder anmelden.

Die Deutsch-Olympiade ist eines von vielen Projekten und Wettbewerben, die von Institutionen außerhalb der Schulen angeboten werden, um die Sprachmotivation innerhalb der Schulen zu fördern. Ob es ums Erzählen, Schreiben, Zuhören, Vorlesen oder Debattieren geht, allein oder in Gruppen: Die Auswahl ist groß (siehe auch Artikel rechts). „Wir begrüßen die Anregungen, die von außen an die Schulen herangetragen werden“, sagt Gisela Beste, zuständig für Leseförderung am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg. Denn außerschulische Institutionen könnten leisten, was Schulen bei allem Engagement kaum schaffen: „Sie bieten den Schülern ein Podium, eine Bühne, auf der sie sich beweisen können, vor einem Publikum, das sie nicht kennen“, sagt Beste. „Die Schüler können sich mit Schülern aus anderen Schulen messen, oft auch mit Schülern anderer Altersgruppen – und sie stellen sich einer unabhängigen Jury, nicht ihren Lehrern, die sie benoten.“

Das gilt auch für den Erzählwettbewerb, zu dem der Tagesspiegel seit 2002 immer im Herbst aufruft. Schüler aller Klassenstufen und Schularten sind aufgefordert, eine Geschichte zu einem vorgegebenen Thema zu schreiben – und sie beim öffentlichen Halbfinale und Finale möglichst lebendig vorzutragen. Sowohl Einzelschüler, kleine Gruppen als auch ganze Klassen können sich beteiligen, Hauptsache ist, dass die Zuhörer von Anfang bis Ende von einer Geschichte gefesselt sind. „Da es nicht nur aufs Schreiben, sondern auch aufs Vortragen ankommt, machen da auch Kinder gerne mit, die sonst keine Einserkandidaten in Deutsch sind“, sagt Andrea Freese, Lehrerin an der Andersen-Grundschule in Wedding, die schon mehrfach mit Schülergruppen teilgenommen hat.

Manche Schüler interessieren sich für Geschichten, andere mehr für Argumente, und die finden ihre Herausforderung in der Debatte. Pionierarbeit auf diesem Gebiet hat die Gemeinnützige Hertie-Stiftung mit ihrem bundesweiten Wettbewerb „Jugend debattiert“ geleistet. In Teams werden hier Fragen wie „Soll das Wahlalter auf 16 Jahre herabgesetzt werden?“ oder „Soll die Türkei in die EU aufgenommen werden?“ nach einem vorgegebenen Zeitschema diskutiert. Teilnehmen können allerdings nur ausgewählte Schulen. Wer in Berlin außerhalb von „Jugend debattiert“ mit anderen streiten möchte, schließt sich entweder einem schulinternen Debattierclub an – auch englischsprachige Debating Clubs gibt es – oder wartet auf die Studentenzeit: An den Berliner Unis ist die „Berlin Debating Union“ sehr aktiv. Oder er oder sie schaut beim Tagesspiegel vorbei: Hier gibt es einen Debattierclub und regelmäßige Rhetorikseminare für Schüler ab 15 und Studenten.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt das Projekt „Erzählen in der Schule“ des Vereins Erzählkunst rund um die ehemalige UdK-Professorin Kristin Wardetzky. Hier geht es darum, Grundschulkinder gerade in benachteiligten Gegenden an eine bilderreiche und anspruchsvolle Sprache heranzuführen. Professionelle Erzählerinnen kommen dafür in ausgewählte Schulen und erzählen den Kindern Märchen aus verschiedenen Kulturkreisen – ohne Textvorlage, aber mit starken gestischen und mimischen Mitteln.

Gerade hat der Verein aus dem Projektfonds Kulturelle Bildung 50 000 Euro erhalten und kann künftig in zehn Berliner Schulen Erzählprojekte durchführen. „Durch das aktive Zuhören erweitern sich die Fantasie und der Wortschatz der Kinder, gerade bei denjenigen, die zu Hause nicht mit der deutschen Sprache aufwachsen“, sagt Kristin Wardetzky. „Sie werden selbst zu Erzählern und erfinden komplexe und berührende Geschichten.“ Lehrer und Lehrerinnen, die die Methode ausprobieren möchten, aber auch andere Interessierte können sich in einem einjährigen Kurs des Vereins in der Kunst des mündlichen Erzählens ausbilden lassen. Denn schließlich sind Lehrer im Idealfall auch das: einfach gute Erzähler.

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