Wissen : Der andere Blick

Der Kunstwissenschaftler Hans Belting wird 75

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Als Hans Belting vor Jahresfrist in Berlin von der „Zentralperspektive“ sprach, die verhindere, „die Umwelt im Spiegel anderer Kulturen zu sehen“, meinte er wohl mehr den Eurozentrismus allgemein. Doch hatte er zugleich die ganz besondere Zentralperspektive im Sinn, die die europäische Malerei seit der Frührenaissance bestimmt: die Ausrichtung des Gesehenen und folglich des Gemalten auf einen einzigen Fluchtpunkt. Denn Belting hatte im Jahr zuvor ein Buch veröffentlicht, das den Eurozentrismus und mit ihm den Stolz auf die vermeintliche Erfindung der Zentralperspektive gehörig untergräbt: „Florenz und Bagdad. Eine westöstliche Geschichte des Blicks“ (C. H. Beck Verlag, 2008).

Darin untersucht der zuletzt an der Karlsruher Medienuniversität lehrende, mit zahlreichen Ehrungen wie der Mitgliedschaft im Orden Pour le Mérite ausgezeichnete Kunstwissenschaftler den arabischen Beitrag zur Optik, vor allem durch Alhazen und sein „Buch der Sehtheorie“ um 1030 – und die Grenzen, die der Umsetzung in eine Bildtheorie, wie im Abendland gegen 1420 geschehen, durch den Islam gesetzt waren.

„Im Islam ist jenes Artefakt, das wir ,Bild’ nennen, ein Fremdelement geblieben“, konstatiert Belting. Im Abendland hingegen wurde Alhazens seit 1200 in Übersetzung greifbares Buch anders gelesen. Hier ging es nicht allein um optische Gesetze und auch nicht um ein wirklichkeitsgemäßes Abbild, sondern um die Behauptung und Durchsetzung des Subjekts gegen die Vormundschaft der Kirche, die das metaphysische Sehen als Ausdruck des Glaubens postulierte. „Mit dem Streit um den Augensinn zog die Empirie in die Wissenschaft ein“, schreibt Belting, „und es sollte nicht mehr lange dauern, bis sie auch die Kunst erreichte, die bislang der Religion gedient hatte.“ Soweit, so bekannt; jedoch: „In der Bindung der optischen Gesetze an jedermanns Blick und seine Kompetenz bildete sich eine neue Trennlinie zur arabischen Kultur.“

Belting interpretiert die islamische Kultur als eine des Lichts, Gestalt geworden im Fenstergitter, der Maschrabiyya. „Das Gitter ist durchlässig, aber es ist nicht durchlässig für den Blick, sondern für das Licht, mit dem sich auch die Richtung zwischen innen und außen umkehrt.“ Und zugespitzt: „Die Maschrabiyya zähmt den Blick und reinigt ihn durch ihre strenge Geometrie des Innenlichtes von allen sinnlichen Bildern der Außenwelt.“ Da klingt ein Pathos an, das Belting nicht fremd ist; vielleicht auch eine verdrängte Sehnsucht nach Metaphysik, die im Abendland seit der Durchsetzung des Subjekts verloren gegangen ist.

Darüber muss geforscht und gestritten werden. Das Humboldt-Forum, will es seinen hohen Anspruch jemals einlösen, wäre der Ort dafür, den Kulturvergleich à la Belting oder, wie er es nennt, den „Blickwechsel“ vorzunehmen. Am 7. Juli wird Belting, dem wir eine Vielzahl gewichtiger Bücher insbesondere zu Bild und Bildern verdanken, 75 Jahre alt. Sein jüngstes Buch hat viel Resonanz, aber noch keine forschende Nachfolge gefunden. Bernhard Schulz

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