Wissen : Die Kraft der jungen Frauen

17- bis 29-Jährige wollen Karriere machen – und Kinder haben. Das zeigt eine Studie des Berliner Wissenschaftszentrums

Uwe Schlicht

Man sieht es auf den Straßen und in den Büros: Die Frauen tragen heute Hosenanzüge – und das meist in den Farben der Manager. Grau, Anthrazit und Nadelstreifen dominieren. Das war in den 1950er Jahren ganz anders: Damals war es an den Schulen verpönt, dass Mädchen Hosen trugen. Der Manager ist auch für junge Frauen stilbildend geworden.

In einer groß angelegten Untersuchung über die Lebensentwürfe junger Frauen in Deutschland hat die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), Jutta Allmendinger, diesen Wandel jetzt mit drei Hilfsverben charakterisiert: „Schon lange dürfen Frauen arbeiten – das männliche Alleinverdienermodell gilt nicht mehr; schon lange können Frauen arbeiten – von einer fehlenden Ausbildung kann nicht mehr die Rede sein. Nun aber müssen Frauen arbeiten.“ Denn wegen des Geburtenrückgangs und des Ausscheidens vieler älterer Jahrgänge müssen die Frauen in der Berufswelt reüssieren, wenn nicht wichtige Stellen unbesetzt bleiben sollen. „Die Frauen sind auf dem Sprung“, sagt Jutta Allmendinger.

Von der Zeitschrift „Brigitte“ war die repräsentative Studie mit 1020 Frauen beim WZB und beim Bonner Sozialforschungsinstitut Infas in Auftrag gegeben worden. Untersucht wurden zwei Gruppen im Alter von 17 bis 19 und von 27 bis 29 Jahren. Parallel wurde am WZB eine zweite Befragung junger Männer erarbeitet, die wichtige Vergleichswerte liefert.

Im Mittelpunkt stehen jedoch die oft frappierenden Aussagen der jungen Frauen. Sie zeugen von einem großen Selbstbewusstsein und von einer hohen Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Der Aussage „Ich bin gut in dem, was ich mache“ stimmen 99 Prozent der befragten Frauen zu. 91 Prozent machen aus eigenem Antrieb, was zu tun ist, und warten nicht erst auf Anweisungen. Sie fühlen sich verantwortlich und alles andere als überfordert. Die Arbeit macht den meisten auch Spaß, jedenfalls sagen das 92 Prozent.

Aber nach wie vor fühlen sich sehr viele Frauen unterbezahlt und damit von der Arbeitswelt nicht so anerkannt, wie es angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung schon längst der Fall sein müsste. Nur 60 Prozent der Frauen empfinden ihr Einkommen als angemessen.

Die Frauen wissen, dass sie heute und in Zukunft mobil sein müssen. Wenn es die Arbeit erfordert, sagen 77 Prozent, seien sie zum Umzug bereit. 50 Prozent würden sogar wegen der Arbeit Deutschland verlassen. Das gilt besonders für die jungen Frauen aus dem Osten.

Es gibt selbst im Jahr 18 nach der Wiedervereinigung deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Zwar sind die jungen Frauen in Ost und West vergleichbar gut ausgebildet, ambitioniert und konzentriert. Aber seit 1991 haben 513 000 Frauen die neuen Bundesländer verlassen. Von diesen sind die meisten im Alter von 18 bis 29, in einer Phase also, in der sie sich Kinder wünschen. Die Frauen wandern nicht nur ins Ausland oder nach Westdeutschland ab, sie ziehen zugleich auch in die Großstädte um. Weil die ostdeutschen Frauen bei ihrer Ausbildung auf die Zukunft setzen, streben sie in den Dienstleistungsbereich – und der ist in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands kaum entwickelt. Bis auf die großen Ballungsgebiete wie Leipzig und Berlin gibt es inzwischen bei den 20- bis 29-Jährigen einen Männerüberschuss, „der europaweit beispiellos ist“. In vielen Landkreisen kommen 100 Männer auf 85 Frauen im Alter von 20 bis 29 Jahren. Die im Osten „zurückgebliebenen Männer sind im Durchschnitt niedriger gebildet und häufiger arbeitslos. Sie sind keine attraktiven Partner für junge Frauen“, lautet einer der gravierenden Befunde des WZB.

Aber deswegen sind die ostdeutschen Frauen noch lange nicht karrieregeil oder egoistisch. Auf die Frage, was für sie wichtig sei, antworten mehr ostdeutsche als westdeutsche Frauen, sie wünschten sich ein Kind (86 zu 81 Prozent). Auch die Familie ist für Ostdeutsche außerordentlich wichtig: 75 Prozent der jungen ostdeutschen Frauen gegenüber 66 Prozent der westdeutschen setzen die Familie sehr hoch an. Wenn die ostdeutschen Frauen Kinder haben, wollen sie viel schneller an den Arbeitsplatz zurückkehren als die westdeutschen. Denn die ostdeutschen Frauen sehen ihre Zukunftsperspektive fast ausschließlich im Beruf und nicht zu Hause am Herd.

Jutta Allmendinger erklärt die Ursachen so: „Die ostdeutschen Frauen sind von Müttern erzogen worden, die in Vollzeit erwerbstätig waren. Am Morgen waren sie in der Kinderkrippe und im Kindergarten, am späten Nachmittag dann wieder daheim.“ Nahezu alle seien nach der Schule am Nachmittag in Betreuungseinrichtungen gewesen. „Den Begriff Rabenmutter kennen sie gar nicht.“

Diese Vereinbarkeit von Beruf und Kindern lässt sich auch im Mikrozensus von 2005 nachweisen. Von den unter dreijährigen Kindern besuchen in Ostdeutschland 40 Prozent eine Einrichtung der Kinderbetreuung; in Westdeutschland sind es nur 8 Prozent. Bei den drei- bis sechsjährigen Kindern erreichen die neuen Bundesländer eine Betreuungsquote von 93 Prozent. In der alten Bundesrepublik liegt die Betreuungsquote bei 86 Prozent. Die ganztägige Betreuung in den Kindergärten setzt sich in den Schulen fort: Die meisten Angebote an Ganztagsschulen gibt es in den neuen Bundesländern – für 66 Prozent aller Kinder. In Westdeutschland sind vergleichbare Angebote erst für sechs Prozent vorhanden. Mit anderen Worten: Die jungen ostdeutschen Frauen sind nicht naiv, wenn sie an die Vereinbarkeit von Kindern und Erwerbsarbeit glauben. „Im Gegenteil“, sagt Allmendinger, „diese Frauen wissen, dass es geht, dass es sogar gut geht.“

Die Zahlen belegen für Jutta Allmendinger, wie richtig und wichtig die neue Familienpolitik der großen Koalition unter Federführung von Ursula von der Leyen ist. Und die Zahlen belegen auch, wie notwendig es war, dass die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn ein Vier-Milliarden-Programm zum Aufbau von Ganztagsschulen aufgelegt hat – und das gegen den Widerstand von vielen CDU-regierten Ländern.

Die 17- bis 19-Jährigen hängen noch stärker an ihren Müttern und Freundinnen, die älteren jungen Frauen dagegen setzen stärker auf Partnerschaft und Ehe. Die Rolle der Mütter als Vertrauensperson, mit der man alles bespricht, tritt zurück. Trotz aller Modernität hat es bei den jungen Frauen in Ost und West keine Kulturrevolution mit Blick auf die Werte und Sehnsüchte gegeben. Wenn es nicht die Ehe sein soll, dann zumindest eine stabile Beziehung. Bei der Frage, was eine gute Beziehung zwischen Mann und Frau charakterisiert, erreichen folgende Aussagen Zustimmungsraten von 80 bis 99 Prozent: „in den wesentlichen Dingen einer Meinung sein“ – „ausgewogenes Verhältnis von Geben und Nehmen“ – „etwas gemeinsam erschaffen“ – „gemeinsame Zukunftspläne“ – „mit dem Partner alt werden wollen“ – „unabhängig vom Partner Entscheidungen treffen können“. Nur wenige Frauen und Männer sind in einer Familie oder festen Partnerbeziehung für eine klare Trennung zwischen Mein und Dein oder für die egoistische Aussage „Jeder kann tun, wozu er Lust hat“.

Außerordentlich wichtig ist für die jungen Frauen der Erfolg: Sie wollen auf eigenen Beinen stehen, Verantwortung übernehmen und gut ausgebildet sein. Diese Qualitätsorientierung erreicht Zustimmungswerte zwischen 75 und nahezu 90 Prozent. Diese hohen Zustimmungswerte zeigen für Allmendinger, dass das neue Denken bei den Frauen in der Breite angekommen ist. Im Vergleich zum beruflichen Ehrgeiz sieht die den Frauen nachgesagte Eitelkeit blass aus: Gut aussehen wollen nur knapp über 60 Prozent, und Markenkleidung ist viel zu teuer. Diese wollen weniger als 20 Prozent tragen.

In den Interviews wurde auch gefragt: „Welcher Typ wird die Zukunft unseres Landes am meisten prägen?“ Zur Beantwortung wurden den Frauen und Männern Bilder einer Karrierefrau, eines Karrieremannes, einer Mutter in der Wohnküche oder eines Vaters mit dem Kind auf dem Arm vorgelegt. 25 Prozent der Frauen entschieden sich für das Bild der Mutter, 75 Prozent für das Bild der Karrierefrau. Bei den Männern war die Identifikation nicht so eindeutig: 49 Prozent der Männer wählten den Vater, 51 Prozent den Karrieremann.

Was unterschiedet die 17- bis 19-Jährigen von den jungen Frauen im Alter von 27 bis 29 Jahren? Sie sind noch ehrgeiziger und zuversichtlicher: Ein Drittel von ihnen will nicht nur aufsteigen, ein Drittel will den Chefsessel erklimmen. Jutta Allmendinger fasst das Ergebnis der Untersuchung so zusammen: „Frauen sind auf dem Sprung, die Gesellschaft wird sich durch sie verändern. Arbeitgeber müssen und werden sich einstellen auf veränderte Arbeitszeiten, Arbeitstakte und Arbeitsverläufe. Nur die Gesellschaft hinkt hinterher“, merkt Jutta Allmendinger kritisch an.

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