Die "Mathe-Hürde" im Studium : Schwer kalkulierbares Risiko

An ihren Mathematik-Pflichtkursen scheitern viele Studierende. Woran liegt das? Professoren kritisieren, dass Hilfen nicht angenommen werden.

Eine junge Mathematikerin rechnet an der Tafel.
Mit Durchblick. Ob Grundschul-Lehramt, Biologie, Chemie, Wirtschaft, Psychologie oder Ingenieurwesen: Mathematik gehört in vielen...Foto: Imago/Michael Weber

Das Wintersemester hat kaum richtig Fahrt aufgenommen, da wirft es einige der Zehntausenden Berliner Studienanfänger schon wieder aus der Kurve. Nicht selten ist ein Fachgebiet schuld: die Mathematik. In vielen Studienfächern müssen ab dem ersten Semester Mathe-Pflichtkurse belegt werden – und an denen scheitern viele.

Was ist los an den Hochschulen? Gibt es eine regelrechte Mathehürde? Werden Studienanfänger womöglich sogar gesiebt beziehungsweise aus bestimmten Studiengängen systematisch rausgeprüft? Die hohen Durchfallquoten bei den angehenden Grundschullehrern haben in den letzten Monaten für Schlagzeilen gesorgt. Aber auch in anderen Fächern ist die Angst vor den Matheprüfungen weitverbreitet. Woran liegt das? Mangelhafte Vorbereitung an den Schulen? Zu hohe Anforderungen an den Hochschulen? Oder gibt es noch ganz andere Gründe?

Genutzt werden die Kurse, aber weniger von denen, die es nötig haben

Vorbereitungskurse, Tutorien, Grundlagenwiederholung – die Hochschulen in Berlin bieten vieles. „Genutzt werden diese Angebote durchaus. Aber nicht immer von denen, die es am nötigsten hätten“, sagt Martin Oellrich. Er ist Mathematik-Professor an der Beuth Hochschule für Technik und für die sogenannten Brückenkurse zuständig, die seine Hochschule schon seit 25 Jahren für Studienanfänger aller Fächer anbietet. Die Kurse finden vor Beginn des Semesters statt. Rund 600 junge Menschen nutzen das Angebot derzeit pro Jahr. „Das sind leider nur 12 Prozent unserer neu immatrikulierten Studenten“, sagt Oellrich. Und der Anteil sei in den letzten Jahren sogar stetig gefallen. Dabei soll die Wiederholung des Stoffs – behandelt wird alles bis zum Ende der Mittelstufe – den Studienanfängern dabei helfen, die obligatorischen Mathekurse im Bachelorstudium besser zu bewältigen.

Warum nur so wenige die Brückenkurse besuchen, hat aus Oellrichs Sicht zwei Gründe. Einerseits dringt das Angebot der Hochschule schlicht nicht zu allen durch. Die Studierenden schreiben sich online ein und erfahren erst beim ersten Besuch auf dem Campus im Oktober von den Kursen. Dann ist es bereits zu spät. Andererseits „überschätzen sich viele“, sagt Oellrich.

Niemand will Studienanfänger über Mathe herauskegeln, heißt es

Gerade die Abiturienten kämen oft mit guten Noten an die Hochschulen – aber dennoch mit großen Lücken. „Das geht schon beim Bruchrechnen los.“ Dass das Niveau der Matheklausuren in den Bachelorstudiengängen zu hoch sei, weist Oellrich entschieden zurück. Niemand wolle einen Teil der Studierenden über Mathe aus dem Studium kegeln. Im Gegenteil: „Unter unseren Mathe-Dozenten herrscht der einhellige Geist, den Studierenden einen guten Start zu geben.“

Zu einem guten Start gehören auch Transparenz und Aufklärung. An der Humboldt-Universität (HU) hat sich die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät deshalb für einen ungewöhnlichen Weg entschieden – einen Mathe-Selbsttest. Zwölf Aufgaben können Studieninteressierte auf der Website der Fakultät anonym lösen, alle bewegen sich auf Abiturniveau. Am Ende erhalten die Teilnehmer keine Note, sondern eine Einschätzung. Wer die Aufgaben lösen konnte, dem bescheinigt die Uni, dass die zugrunde liegenden Mathematikkenntnisse „vorteilhaft für das Studium der BWL und VWL an der Humboldt-Universität“ sein können.

Zu viel Mathe? Vielleicht ist ein anderes Profil besser geeignet

Wer weniger erfolgreich war, bekommt den Hinweis: „Das Studium der BWL und VWL an der Humboldt-Universität ist quantitativ orientiert. Sie sollten überlegen, ob Wirtschaftsprogramme mit einem anderen Profil nicht besser für Sie geeignet wären.“

Man wolle niemanden abschrecken, betont Anja Schwerk, Referentin für Studium und Lehre. „Nur ist vielen gar nicht bewusst, wie die Wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge an der HU inhaltlich ausgerichtet sind.“ Wer sich dennoch für die HU entscheidet, der kann nicht nur die üblichen Hilfestellungen (Vorkurse, Tutorien, Lerngruppen) in Anspruch nehmen. Seit diesem Wintersemester bietet die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät zusätzlich ein Mathe-Grundlagentutorium an. All diese Bemühungen zeigen Erfolg: In den Matheklausuren gibt es keine dramatischen Ausreißer, die Durchfallquoten liegen im Schnitt nicht höher als bei anderen Klausuren, heißt es.

Wiederholung der Grundlagen in drei Monaten - für Viele zu schnell

Oft ist das Problem auch gar nicht der anspruchsvolle Stoff, sondern das Tempo. Dirk Andrae ist Dozent am Institut für Chemie und Biochemie an der Freien Universität Berlin. Er unterrichtet das Pflicht-Mathemodul für Chemie- und Biochemie-Studenten sowie für angehende Chemie-Lehrerinnen und -Lehrer. „Wir setzen überhaupt nicht voraus, dass die Studienanfänger bereits alles können.“ Aber in der Mathe-Vorlesung gehe es schlicht „Schlag auf Schlag“, da wird in drei Monaten der Stoff behandelt, für den die Schulen mehrere Jahre brauchen.

Bis vor Kurzem bestand die Prüfung aus zwei Teilklausuren, eine etwa zur Mitte und eine zum Ende der Vorlesungszeit. Dagegen ist jetzt nur noch eine große Klausur vorgesehen. „Seitdem sehe ich mit großer Sorge, dass die Durchfallquoten von vorher rund 30 auf nun 50 Prozent gestiegen sind.“

Trotzdem sieht Andrae die Ursachen nicht nur bei Prüfungsordnungen und Hochschulstrukturen. Viele starten seiner Meinung nach auch mit falschen Vorstellungen ins Studium. „Sie unterschätzen, wie wichtig mathematisches Grundverständnis in den natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern ist.“ Dazu komme die in der Bevölkerung weitverbreitete Aversion gegen das Fach Mathematik, die auch unter Schülern und Eltern kultiviert wird. „Die Mathehürde haben wir uns in Deutschland wider besseres Wissen selbst eingebrockt.“

Mathematik, eine Sprache, die man beherrschen sollte

Mathematische Kenntnisse seien aber dringend notwendig für die Beschreibung und das Verständnis der Welt. Andrae nennt es „den objektivierbaren Sektor der Realität“. Und betont: „Mathematik ist eine Sprache, die man unbedingt so gut wie möglich beherrschen sollte.“

Vielen Studienanfängern ist das nicht klar. Sie entscheiden sich für Chemie, Biologie, Sozialwissenschaft, Psychologie – und sehen sich plötzlich wieder mit dem ungeliebten Schulfach konfrontiert.

Es gibt nur wenige Studiengänge, bei denen dieses Wahrnehmungsproblem nicht besteht. Die Ingenieurwissenschaft ist einer davon. Wie einen gewaltigen Mythos trägt der Studiengang seine Mathelastigkeit vor sich her. In keinem Beratungsgespräch fehlt der Hinweis, dass man sehr gut in Mathe sein sollte, wenn man sich für dieses Studium entscheidet. Genau die richtige Strategie?

"Mathehürde": Das schreckt vor allem junge Frauen ab

Keineswegs, meint Inka Greusing. Die Ingenieurwissenschaftlerin arbeitet am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der Technischen Universität. Im Rahmen ihrer Doktorarbeit hat sie die rhetorischen Muster der Ingenieurwissenschaften untersucht. Dabei fiel ihr auf, dass der Begriff „Mathehürde“ oft benutzt wird, auch wenn der Matheanteil im Studium – wie sie aus eigener Erfahrung weiß – gar nicht so dominant ist. „Trotzdem definieren sich die Ingenieurwissenschaften stark über Mathematik.“

Solche Aussagen wirken auf viele Schüler abschreckend – vor allem auf jene, die sich nicht für Mathegenies halten. „Und da bei gleichem Können Frauen weniger zugetraut wird als Männern und sie es sich selber auch weniger zutrauen, sind Frauen stärker betroffen.“ Dabei versuchen die Ingenieurwissenschaften seit Jahren, mehr weiblichen Nachwuchs zu gewinnen.

„Die viel beschworene Mathehürde ist sicherlich ein Grund, warum die Fächer männerdominiert bleiben“, sagt Greusing. Dass die Mathekurse schwer zu bestehen sind, bestreitet die Wissenschaftlerin nicht. Aber noch gäbe es kaum eine Debatte innerhalb des Fachs, wie sich dieses Problem didaktisch lösen ließe. Denn auch das wäre ein denkbarer Weg. Vielleicht sogar erfolgversprechender als die verbale Abschreckung.

Wie Günter M. Ziegler, Mathematik-Professor an der FU und Träger des Berliner Wissenschaftspreises, sein Fach und das Studium reformiert, lesen Sie hier.

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