Diebstahl geistigen Eigentums : Plagiieren geht über studieren

Software könnte Gedankenklau aufdecken. Doch nur wenige Programme erfüllen ihren Zweck. Wer Plagiatoren entlarven will, sollte mehrere Programme anwenden.

Sebastian Kempkens
Anstrengende Forschung. Viele Studierende, aber auch manche Professoren, wollen es sich ein wenig leichter machen.
Anstrengende Forschung. Viele Studierende, aber auch manche Professoren, wollen es sich ein wenig leichter machen.Foto: dpa

Wenn die Medieninformatikerin Debora Weber-Wulff zur Pressekonferenz lädt, können Journalisten zu Hause bleiben. Nicht etwa, weil Weber-Wulffs Thema dröge wäre. Vielmehr, weil die Professorin der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW) zur Onlinepressekonferenz lädt. So klinken sich Interessierte bequem aus dem Wohnzimmer ein, und Weber-Wulff, verkabelt mit Mikrofon und Kopfhörern, erklärt auf dem Bildschirm, was ihre Studie ergeben hat.

Weber-Wulff setzt auch auf den Computer, wenn es um Plagiate geht. Die Hochschulen seien kaum in der Lage, den vielfachen Diebstahl geistigen Eigentums in den Griff zu bekommen, sagt sie: „Viele Dozenten befürchten, dass plagiiert wird. Sie wissen aber nicht, wie sie darauf reagieren sollen.“ Deshalb seien Computerprogramme, die Plagiate automatisch erkennen können, sinnvoll und wünschenswert. Allerdings habe sich in der Software-Entwicklung immer noch nicht genug getan.

Schon seit sechs Jahren beschäftigt sich Weber-Wulff mit Plagiatsoftware. Für ihre neue Studie hat sie 26 verschiedene Systeme mit gut 40 wissenschaftlichen Essays konfrontiert. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Ein Großteil der Programme sei kaum brauchbar, bei vielen könne man ebenso gut eine Münze werfen, um zu entscheiden, ob es sich um ein Plagiat handelt oder nicht.

Das Prinzip, nach dem die Softwares arbeiten, ist meist ähnlich. Hegt ein Dozent einen Plagiatsverdacht, speist er den Text in ein Programm ein und lässt ihn dann automatisch mit Datenbanken vergleichen. Abgeschriebene Stellen sollen gemeldet werden. Viele Systeme seien aber leicht in die Irre zu führen, erklärt Weber-Wulff: „Mich fragen immer wieder Studenten: Wie viele Wörter muss ich bei einer Textstelle verändern, damit es kein Plagiat mehr ist?“. Genau hier liege das größte Problem: „Ärgerlicherweise finden die meisten Programme nichts mehr, wenn die Studenten die Wörter nur genügend abändern.“

Dennoch gebe es auch Programme, die Betrug relativ zuverlässig erkennen können. Von den 26 getesteten konnten immerhin fünf Programme helfen, einen Verdacht zu prüfen. Testsieger ist das deutsche System „Plag Aware“, das 60 bis 70 Prozent der Plagiatsfälle erkennt. Allerdings sei es in der Nutzung für Hochschulen unpraktisch, weil jeder zu prüfende Text einzeln hochgeladen werden muss. Hilfreich sei bei diesem Programm aber eine grafische Gegenüberstellung: „Man kann den eingereichten Text mit seinem Original genau vergleichen, weil das System abgeschriebene Stellen farblich genau hervorhebt“, erklärt Weber-Wulff. Das sei vor allem wichtig, um Prüfungsausschüssen an Universitäten beweisen zu können, dass betrogen wurde.

Den zweiten Platz der Studie belegt das amerikanische Programm „Turnitin“, das besonders gut Texte mit dem Material interner Datenbanken vergleichen kann, beim Vergleich mit Texten aus dem Internet aber teilweise noch Probleme hat.

Um Texte innerhalb eines bestimmten Pools zu vergleichen, also etwa die Klassenarbeiten einer Schulklasse, ist laut Weber-Wulff das niederländische Programm „Ephorus“ hilfreich. Hier gibt es allerdings wie bei den meisten fremdsprachigen Programmen noch Probleme mit den deutschen Umlauten.

„Wenn man mit einer Internetsuchmaschine schon erste Anzeichen für ein Plagiat gefunden hat, können diese Systeme hilfreich sein“, erklärt Weber-Wulff. Die Software sei also eher für punktuelle Tests geeignet als für den breiten Gebrauch. Außerdem empfiehlt die Professorin, verschiedene Programme gleichzeitig anzuwenden, um die unterschiedlichen Stärken zu nutzen.

Als völlig unbrauchbar haben sich insgesamt zwölf Systeme erwiesen: Sie sind nicht effektiv, basieren auf rechtlich zwielichtigen Grundlagen oder werden von dubiosen Anbietern vertrieben, so Weber-Wulffs Fazit. So komme das Programm „Uncover“ von einem deutschen Marketingunternehmen, das gleichzeitig Ghostwriting-Dienste anbiete – also wissenschaftlichen Betrug einerseits befördere, andererseits zu kontrollieren vorgebe.

Weber-Wulff kritisiert aber nicht nur das technische Versagen der Software. Der Umgang deutscher Hochschulen mit den Programmen zur Plagiatserkennung sei „enttäuschend unaufgeschlossen“: „Die meisten Universitäten lassen ihre Dozenten beim Thema Plagiat völlig allein.“ In den USA, England oder Schweden gehe es viel professioneller zu. „In diesen Ländern helfen die Universitäten ihren Dozenten bei der Bekämpfung von Plagiaten.“ Auch deutsche Hochschulen sollten Stellen einrichten, an die sich Dozenten bei Plagiatsverdacht wenden können. Um die Verwendung der Software an der Hochschule populärer zu machen, böten manche der Programme den Hochschulen auch an, Guthabenpunkte zu kaufen. Die Dozenten könnten dann fragen: „Kann ich noch ein paar Plagiatspunkte haben?“, wenn sie einzelne Arbeiten einem „Kontrollgang“ unterziehen wollen.

Sind Studierende wirklich so aufs Abschreiben aus, dass man ihnen nur mit Misstrauen und totaler Überwachung beikommen kann? Das glaubt Weber-Wulff keineswegs. Viele wüssten überhaupt nicht, was genau ein Plagiat sei. Deshalb sollte am Studienbeginn stets ein Seminar zu wissenschaftlichem Arbeiten stehen, um die Studierenden für die Problematik zu sensibilisieren. Dass Weber-Wulff dabei wiederum auf den Computer setzt, versteht sich von selbst: „Wir arbeiten an einem Onlinespiel, das Studenten über Plagiate aufklären soll“, sagt sie , kurz bevor sie ihre Pressekonferenz per Mausklick beendet.

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